Generationen-Gespräch Pflege
Fast alles verändert sich – nur die Löhne nicht

Hoc-Yen Duong-Huynh arbeitet fast so lange in der Pflege, wie es work gibt. Paula Will ist noch in der Lehre. Was hat sich in den letzten 25 Jahren in der Branche verändert, was ist gleichgeblieben? work hat die beiden zu Kaffee und Tee getroffen.

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DAS GESPRÄCH: Hoc-Yen Duong-Huynh und Paula Will beim work-Interview. (Foto: Matthias Luggen)

Genau 40 Lebensjahre trennen Hoc-Yen Duong-Huynh, Pflegehelferin aus Bern, und Paula Will, angehende Fachperson Gesundheit aus Schaffhausen. Was die beiden eint: die Leidenschaft für den Pflegeberuf. Die Arbeit liege ihr sehr am Herzen, betont Duong-Huynh, und Will sagt: «Die Menschen bei uns, die haben ein ganzes Leben hinter sich. Ich finde es schön, wenn sie mir Dinge anvertrauen, die sie erlebt haben.» Zudem erfahre sie sehr viel Dankbarkeit – für scheinbar Alltägliches. «Etwa, wenn ich jemandem einen Espresso bringe, und er schmeckt auch wie ein Espresso.»

work trifft die beiden im Restaurant Aarhof in Olten. Einen Termin für das Gespräch zu finden war nicht ganz einfach – in der Pflege sind die Schichten unregelmässig, Zeit zur Erholung ist kostbar. An diesem Dienstag hat Paula Will frei, Hoc-Yen Duong-Huynh hat extra einen Dienst abgetauscht, um das Treffen zu ermöglichen. 

Duong-Huynh: Sag mal, stellt euch das Heim Kaffee zur Verfügung?
Will: Ja, schon.
Duong-Huynh: Uns auch, aber wir haben dafür gekämpft, zusammen mit der Unia. Vorher mussten wir jahrelang den Kaffee selber bezahlen. 
Will: Wenn du schon für den Gratiskafi die Gewerkschaft brauchst…

work: Wie meinen Sie das?
Will: Ich bin halt überzeugt, wir brauchen die Gewerkschaften für essentielle Verbesserungen. Wenn wir uns einsetzen für das, was wichtig ist, werden wir auch von der Gesellschaft als wichtig wahrgenommen.
Duong-Huynh: Einverstanden. Aber auch Kafi ist wichtig! Und als nächstes kämpfen wir für Gipfeli.

Jetzt lachen beide. Und ja, im «Aarhof» gibt’s zum Kafi ein Gipfeli. Die 61jährige wird aber gleich wieder ernst. Seit sie in den nuller Jahren ihre Stelle angetreten habe, sagt sie, hätten sich die Bedingungen radikal verändert. Damals hätten sie jeden Morgen Zeit gehabt für eine gründliche Körperpflege. Auch für aufwendige Dinge.

40 LEBENSJAHRE UNTERSCHIED: Die Pflegehelferin und die Lernende. (Foto: Matthias Luggen)

Duong-Huynh: Wenn sich eine Frau wellige Haare wünschte, haben wir die Lockenwickler geholt und ihr diese Freude gemacht. Die Station hatte damals 28 Betten. Im Morgendienst waren immer acht bis zehn Pflegende eingeteilt. Da war eine gute Pflege möglich.
Will: Wie bitte? Moment, das ist… für drei Bewohnerinnen und Bewohner eine Pflegekraft! Heute undenkbar.

Wie ist es heute?
Duong-Huynh: Heute ist die Station grösser, mit 33 Betten. Wenn wir mal acht Pflegende sind, ist das Luxus. Normalerweise sind wir sechs. Dann schaut eine von uns zu fünf oder sechs Leuten.

Also zu fast doppelt so vielen wie vor 18 Jahren.
Duong-Huynh: Und wenn es dann einigermassen funktioniert, heisst es von der Leitung immer: Es geht ja mit sechs.

Sind es weniger Pflegende, weil Leute ausfallen oder weil Stellen nicht besetzt werden können?
Will: Nicht nur. Von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Betrieben höre ich oft: Es wird so wenig Personal eingeplant, dass es grad so für die Grundversorgung reicht. Und dann heisst es: Wir sind ein gutes Team, wir schaffen das. Aber es wird verschwiegen, wofür alles die Zeit nicht gereicht hat. Etwa jemanden schminken oder die Fingernägel lackieren. Genau diese Dinge, die das Leben lebenswert machen. Dazu kommt: Vor 20 Jahren kamen die Leute im Schnitt jünger ins Heim als heute. Also ist der Pflegebedarf pro Person heute sicher nicht kleiner als damals.

Was hat sich sonst verändert seit den nuller Jahren?
Duong-Huynh: Fast alles – ausser unseren Löhnen leider. Jetzt kommen oft Temporärkräfte zum Einsatz. Viele von ihnen können nicht gut Deutsch. Für die Leute im Heim ist das extrem schwierig.
Will: Ja, Temporäre bringen viel Unruhe in ein Team, besonders in der Langzeitpflege. Wir sind dort die wichtigsten Bezugspersonen im Leben der Menschen. Und das kannst du nicht sein, wenn du jemanden nicht gut kennst.
Duong-Huynh: Auch die Bewohnerinnen und Bewohner sind anders. In den nuller Jahren waren die meisten zufrieden, ihr Leben war ruhig. Jetzt haben viele Angst und sagen uns das auch.

Angst wovor?
Duong-Huynh: Sie sehen die Verschlechterung in der Pflege.
Will: Die Bewohnerinnen und Bewohner merken alles. Sie sehen uns ja jeden Tag. Sie sehen mir auch an, wenn ich schlecht geschlafen habe, und erkundigen sich. Da kann ich mir noch so Mühe geben, munter zu wirken.

Auf die Frage, was das grösste Problem der Langzeitpflege sei, sind sich die beiden einig: zu wenig Personal – und zu wenig qualifiziertes Personal. Konkret: Im Verhältnis zu ihren beiden Stufen, Fachperson Gesundheit (Fage) mit Berufslehre und Pflegehilfe mit kürzerer Ausbildung, gebe es in den Heimen zu wenig Diplomierte mit einem Abschluss etwa von einer höheren Fachschule. Paula Will trinkt ihren Kaffee aus und erklärt.

SIND SICH EINIG, WAS DAS HAUPTPROBLEM IST: Zu wenig Personal. (Foto: Matthias Luggen)

Will: Wenn dann von den Diplomierten noch eine oder zwei krank sind, musst du plötzlich als Fage eine Schicht leiten und trägst die ganze Verantwortung.

Obwohl eine Fage dafür gar nicht das Fachwissen hat?
Will: Du kannst schon Weiterbildungen machen und diese Dinge lernen. Aber du wirst weiterhin als Fage entlöhnt, obwohl du die Arbeit einer Pflegefachkraft machst. Das ist unfair.
Duong-Huynh: Ja, auf meiner Stufe passiert das gleiche. Ich habe eine Weiterbildung in Kinästhetik gemacht und nutze das jetzt in der Arbeit. Aber mein Lohn ist deswegen keinen Franken gestiegen.

Was muss passieren, damit es wieder mehr Pflegende gibt in den Heimen?
Will: Es ist ja nicht so, dass die Arbeitgeber zu wenig machen, um Personal zu suchen. Und sie teilen auch nicht aus Bösartigkeit zu wenig Leute ein pro Schicht.

Sondern?
Will: Wie die Pflege finanziert wird und damit auch, wie viele Pflegende ein Heim einstellen kann, das wird auf politischer Ebene festgelegt. Wir Gewerkschaften müssen deshalb die Politik in die Pflicht nehmen. Heute habe ich den Eindruck, der Politik sei es egal, wie es den alten Menschen geht, solange sie grad noch so knapp in Würde leben. Hey, das sind Leute, die ein Arbeitsleben lang die Schweiz aufgebaut haben. Es kann doch nicht sein, dass die Politik sie jetzt nur noch als lästigen Kostenfaktor sieht!

Es geht gegen Mittag, der «Aarhof» füllt sich zusehends. Höflich fragt der Chef de service, ob es uns möglich sei, an einen kleineren Tisch zu wechseln, der hier sei bald reserviert. Wir wechseln und bestellen noch einen Tee. Zum Abschluss will work wissen, was die beiden über den feministischen Care-Streik am 14. Juni 2027 denken. Die Pflegenden in der Unia wollen dann für ihre Anliegen schweizweit Druck machen. 

Will: Die Herausforderung ist unsere Branche.

Inwiefern?
Will: Die Pflege hat keinen hohen Stellenwert. In der Politik nicht, aber auch in der Gesellschaft nicht. Viele denken, unsere Arbeit bestehe nur darin, die Leute zu waschen und ihnen das Essen zu bringen. Klassische Care-Arbeit halt, und die wird nicht geschätzt.

Oder erst, wenn man darauf angewiesen ist.
Will: Genau. Und das sind die Leute bei uns jeden Tag. Das macht es für uns schwieriger zu streiken. Umso mehr brauchen wir Solidarität aus der Gesellschaft, damit sich etwas verändert.
Duong-Huynh: In unserem Heim bin ich in der Personalkommission. Beim letzten Treffen mit der Geschäftsleitung haben wir sie aufgefordert, uns am Care-Streik nächstes Jahr zu unterstützen. Wir haben gesagt, wir wollten drei Stunden, um zu streiken. Nicht für uns selber, sondern für die ganze Branche – und für die Menschen im Heim.

Wie hat die Leitung reagiert?
Duong-Huynh: Sie haben gelacht. Ich glaube, weil es für sie eine völlig neue Idee war, dass wir gemeinsam für etwas kämpfen.
Will: Dabei haben wir alle ein einziges Interesse, wenn es ums Gesundheitswesen geht: Dass es funktioniert, wenn wir es brauchen.

Zwei Generationen

Hoc-Yen Duong-Huynh (61) kam 1979 mit ihren Eltern und sechs Geschwistern aus Vietnam in die Schweiz. Nach der Schule machte sie beim Roten Kreuz die Ausbildung zur Pflegehelferin und arbeitete dann in ­einem Spital in Bern. Als die Kinder kamen, gab sie die Stelle auf. Später führte sie zusammen mit ihrem Mann ein asiatisches Restaurant. Seit 2008 arbeitet sie wieder in der Pflege, in einem Heim in der Region Bern.

Paula Will (21) wird nächsten Sommer die Lehre zur Fachperson Gesundheit (Fage) abschliessen. Danach möchte sie an einer ­höheren Fachschule die Weiterbildung zur Pflegefachperson (Diplomierte) antreten. Ihre Lehre ­absolviert sie in einem Alters- und Pflegeheim im Kanton Thurgau.

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