Italien
Regierung Meloni plant Schutzschirm für Mailänder Modemafia

Drei Tage im Juli zeigen, wie eng postfaschistische Politik und Modeindustrie in Italien verflochten sind. Doch Staatsanwalt Paolo Storari gibt nicht auf und nimmt Chanel, Bulgari und sieben weitere Modehäuser ins Visier. 

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 6:00
KAMPF AN MEHREREN FRONTEN: Staatsanwalt Paolo Storari legt sich nicht nur mit den Modehäusern an, nun will ihn auch die Regierung von Giorgia Meloni stoppen. (Montage: work)

Der Kampf gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen im Auftrag der Luxusmodekonzerne wird härter. Am 14. Juli weist das Mailänder Überprüfungsgericht den Rekurs von Staatsanwalt Paolo Storari gegen die Modehäuser Dama (Paul & Shark) und Alberto Aspesi ab. Die Richter anerkennen: In der Werkstatt in Garbagnate Milanese wurde brutal ausgebeutet, Löhne von fünf Euro die Stunde, 14-Stunden-Schichten, sieben Tage die Woche. Doch einen Beweis, dass die Konzernmanager die Ausbeutung selber angeordnet hätten, gebe es nicht. Einen Tag später, am 15. Juli, tagt in Rom der «Tavolo della Moda». Italiens Wirtschaftsminister Adolfo Urso plant mit seinem französischen Amtskollegen eine «europäische Allianz für die Mode». Und kündigt nebenbei an, Artikel 34 des Antimafia-Gesetzes einzuschränken. Mit Artikel 34 hat Storari die Modekonzerne bisher am wirksamsten unter Druck gesetzt. Die Textilgewerkschaften erfahren es ohne jede Vorwarnung. Am 16. Juli schlägt Storari zurück: Bei neun Luxusmarken, darunter Chanel und Bulgari, lässt er sämtliche Auditberichte der letzten zwei Jahre beschlagnahmen.

Die Ledertasche «spricht»

Die konkreten Zahlen einer Ledertasche erklären das System besser als jeder Auditbericht: Herstellungspreis 40 Euro in einer lombardischen Werkstatt, Ladenpreis 7000 Euro in der Mailänder Via Monte Napoleone. Dazwischen liegen bis zu sieben Zwischenhändler, jeder kassiert seine Marge, jeder verdünnt die Verantwortung. Am Ende der Kette bleibt der Druck bei jenen hängen, die sich am wenigsten wehren können: bei oft illegalen Migrantinnen und Migranten an der Nähmaschine. Eine Jacke von Paul & Shark, die für 2000 Euro über den Ladentisch ging, kostete in der Produktion 107 Euro.

Storari kennt solche Systeme aus der Bekämpfung von ’Ndrangheta und Cosa Nostra. Diese Methode wendet er nun auf legale Branchen an: Logistik, Sicherheitsdienste, Landwirtschaft. Und eben: die Luxusmodeindustrie. Sein Ziel ist nicht der einzelne Werkstattbetreiber. Er nimmt die feinen Konzernspitzen ins Visier. Seit 2023 wurden durch den Druck seiner Verfahren über 60'000 Beschäftigte aus der Schwarzarbeit geholt, die Konzerne mussten 1,13 Milliarden Euro Steuern und über 200 Millionen Euro Sozialabgaben nachzahlen.

Der Fall Tod’s

Beim Luxuslabel Tod’s geht Storari noch einen Schritt weiter. Am 20. November 2025 trägt die Staatsanwaltschaft das Nobelschuhhaus erstmals selbst als beschuldigt ins Register ein, dazu drei Manager für Produktion, Lieferkette und Compliance. Vorwurf: Caporalato, wie die wissentliche und willentliche Ausbeutung von Arbeitenden in Italien heisst. 53 Betroffene in sechs Betrieben, Stundenlohn 2,75 Euro, dazu 150 Euro Monatsmiete für Schlafräume über der Fabrikhalle, also 55 Stundenlöhne. Brisant: Die Warnsignale stammten aus Tod’s eigenem Kontrollsystem. Ein Audit vom Mai 2024 dokumentierte Akkordlöhne und entwürdigende Schlafräume, produziert wurde trotzdem weiter. Laut Ermittlungsakten ignorierten die -Manager die Auditbefunde bei 15, 24 und 28 Lieferanten in den Jahren 2023 bis 2025. Firmenpatron Diego Della Valle wehrt sich, spricht von einer «Dummheit». Storari fordert als neue Sanktion ein sechsmonatiges Werbeverbot. Entschieden ist noch nicht, das Verfahren dauert an.

Lektion für Loro Piana 

Was Druck bewirken kann, zeigt der Fall Loro Piana: Für ein Jahr wurde Zwangsverwaltung angeordnet, das Unternehmen absolvierte 2400 Audits und warf über 100 Lieferanten aus der Kette. Im April dieses Jahres wurde Loro Piana vorzeitig aus der Aufsicht entlassen. Genau dieses Instrument will die Regierung Meloni jetzt schwächen. Schon im Oktober 2025 versuchte der Senat, Konzerne per «Gütesiegel» aus der Haftung für ihre Zulieferer zu entlassen; im Januar strich das Parlament die Klausel wieder. Nun kommt sie über Artikel 34 zurück. Ob Chanel, Bulgari und die anderen sieben Häuser zu neuen «Fällen Tod’s» werden, hängt jetzt von zwei Dingen ab: davon, ob die Gerichte Audits als Beweis für sorgfältige Kontrolle lesen oder als Geständnis. Und davon, ob es der postfaschistischen Regierung in Rom gelingt, den Anti-Modemafia-Ermittlern ihre schärfste Waffe aus der Hand zu schlagen.

Zum Dossier über die Mailänder Mode-Mafia geht es über diesen Link.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.