Hitzesommer
Wir schwitzen nicht alle im gleichen Boot

Draussen ist’s für alle gleich heiss. Doch das ist es dann schon mit der Gleichheit. Wer reich ist, trägt besonders viel zur Klimakrise bei. Und kann sich gleichzeitig am besten vor deren Folgen schützen. 

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DIE FOLGEN DES HITZESOMMERS: Der Lac des Brenets im Neuenburger Jura ist ausgetrocknet; die Aufnahme stammt vom 28. Juli 2026. (Foto: Keystone)

Jede Krise treibt Wörter in den allgemeinen Sprachgebrauch, die vorher vor allem Fachleute benutzten. Die Covid-Pandemie impfte uns das Wort «vulnerabel» ein. Die Hitzewellen des Sommers 2026 machten den «Hitzeschutz» zum Alltagswort. Plötzlich stand der Begriff nicht mehr bloss in spröden Baurichtlinien. Das Wort wurde zum existentiellen Gebot einer neuen klimatischen Realität. Tag um Tag, Woche um Woche knapp unter oder deutlich über 30 Grad im Schatten liessen uns keine andere Wahl, als es auszusprechen: Hitzeschutz! Gemeint sind Schatten, Wasser, Pausen, kühle Räume und Wohnungen, die sich nicht aufheizen wie ein Backofen. Kurz: alles, was verhindert, dass Hitze krank macht oder tötet.

Hitzeschutz tönt wie eine technische Aufgabe und eine medizinische Herausforderung. Das ist er auch. Beides. Bei einer Tageshöchsttemperatur von 33 Grad steigt in der Schweiz die Gesamtsterblichkeit gegenüber der Temperatur mit dem niedrigsten Sterberisiko um 21 Prozent. Schon Innenraumtemperaturen über 24 Grad erhöhen das Sterberisiko. Im Sommer 2026 starben in Europa nach ersten Berechnungen über 31 800 Menschen zusätzlich an der Hitze. In der Schweiz waren es zwischen 357 und 474. Hitze ist hierzulande die tödlichste Naturgefahr.

Schmieren und salben

In den letzten Jahrzehnten haben wir gelernt, uns vor der Sonne zu schützen. Sonnencrème. Lichtschutzfaktor 50. Kopfbedeckung. Mittagsschatten. Muttermale kontrollieren. Die Sonnenschutzkampagne ist eine der erfolgreichsten Gesundheitskampagnen überhaupt. Sie hat auch darum funktioniert, weil sich zumindest ein Teil der Lösung in eine Tube pressen liess. Der Rest ist Eigenverantwortung: schmieren und salben.

Hitzeschutz tönt ähnlich wie Sonnenschutz. Darum reden manche auch so gerne von Eigenverantwortung. Viel trinken. Im Schatten bleiben. Anstrengungen vermeiden. Das ist alles richtig und wichtig. Vorausgesetzt, Wasser, Schatten und ein kühler Ort sind vorhanden und verfügbar. Vorausgesetzt, jemand darf die Arbeit unterbrechen. Vorausgesetzt, die Wohnung ist nicht selbst der heisseste Ort des Tages. Doch wir wissen:

Nicht alle können der Hitze gleich gut ausweichen. Und nicht alle können bei 35 Grad den Arbeitsplatz an einen kühleren Ort verlegen. Und nicht alle haben eine Zweitwohnung in den kühleren Bergen, einen schattigen Garten, ein klimatisiertes Schlafzimmer oder das Geld für Ferien in einer kühleren Gegend.

Das eigene Verhalten bei Hitze anpassen zu können ist ein Privileg. Hitzeschutz gibt es nicht in der Tube. Er lässt sich nicht auf die Haut reiben. Er steckt in Bauteilen, in Arbeitsverträgen, im Mietrecht, in der Stadtplanung, im Personalschlüssel eines Pflegeheims und auf den Bankkonten.

Erhitztes Arbeiten

Weltweit sind 2,41 Milliarden Arbeitnehmende übermässiger Hitze ausgesetzt. Das sind 71 Prozent aller Beschäftigten. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) rechnet mit jährlich 18 970 Todesfällen und 22,85 Millionen Verletzungen. Besonders exponiert sind Bau, Landwirtschaft und Logistik: häufig schlecht bezahlte und migrantisch geprägte Branchen.

Eine Büroangestellte kann eventuell die Klimaanlage hochfahren, den Arbeitstag verschieben oder das Homeoffice an einen gekühlten Ort verlegen. Ein Maurer kann die Baustelle nicht ins Wohnzimmer verlegen. Ein Strassenbauer kann die Sonne nicht herunterregeln. Eine Küchenangestellte kann die heissen Herdplatten nicht ausschalten. Eine Pflegerin kann ihre Patientinnen und Patienten nicht einfach alleinlassen.

ABKÜHLUNG: Sie lassen sich in der Rhone in Genf treiben. (Foto: Keystone)

In der Schweiz gibt es kein gesetzliches «Hitzefrei» ab einer bestimmten Temperatur. Die Arbeitgebenden müssen zwar die Gesundheit schützen. Aber es gibt keine allgemeine Pflicht zu Klimaanlagen, keine festen Temperaturgrenzen und keine systematische Kontrolle der Massnahmen. Im guten Fall gibt es Wasser, Schatten und zusätzliche Pausen. Im schlechten Fall arbeiten die Beschäftigten einfach weiter, bis der Körper nicht mehr kann.

Frieren und Schwitzen

Bisher war Armut immer eine Sache des Winters. Wer arm ist, friert. Wo die Sonne hinkam, wuchs der Wein und blieb die Heizung kalt: Am Zürichsee heisst die besonnte Seite bis heute Goldküste. Die Sozialgeschichte Europas ist voll von Holzspenden, Winterhilfe, Heizkostenzuschüssen und Kindern in ungeheizten Zimmern. Die Volksmärchen auch. Bis heute heisst Energiearmut in Europa fast überall dasselbe: Jemand kann nicht genug heizen. Darauf ist das soziale Netz ausgerichtet. Und so sind die Häuser gebaut. Sie sollen die Wärme halten. Auch Spitäler und Altersheime wurden für den Winter entworfen und nicht für wochenlange Hitzewellen mit über 30 Grad. Die Kälte ist nicht verschwunden. Die Hitze ist dazugekommen. In der gleichen Wohnung. In der gleichen Wohnlage. 

Wer nachts nicht abkühlen kann, nimmt die Erschöpfung mit in den nächsten Arbeitstag. Wer an einer lauten Strasse wohnt, kann die Fenster nicht die ganze Nacht offen lassen. Wer zur Miete wohnt, entscheidet nicht über Aussenstoren, Dämmung, Fassadenbegrünung oder den Einbau einer Kühlung. Im Kanton Zürich zum Beispiel erleben Haushalte mit tiefem Einkommen tagsüber mindestens gleich viel, häufig aber mehr Wärmebelastung als einkommensstarke Haushalte. Wohlhabende leben öfter in mikroklimatisch günstigeren Einfamilienhausquartieren. International zeigt sich dasselbe Muster:

In 72 Prozent der untersuchten Städte sind die ärmeren Quartiere die heisseren.

Das unterste Einkommensfünftel gibt 31 Prozent des Bruttoeinkommens fürs Wohnen aus, So-zialhilfebeziehende fast 40 Prozent. Und wenn ein Haus endlich saniert und hitzetauglich gemacht wird, steigt die Miete. Dann ist die Wohnung kühl, und jene, die vorher darin geschwitzt haben, wohnen woanders. Der Hitzeschutz kommt. Er kommt nur nicht für sie.

Oligarchen, gut gekühlt

Die reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung verursachen 48 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen. Die ärmere Hälfte der Menschheit gerade einmal 12 Prozent. Das reichste eine Prozent stösst so viel aus wie die ärmsten zwei Drittel zusammen. Und der grösste Teil der Emissionen der Superreichen stammt nicht aus dem Heizen ihrer Wohnungen, sondern aus ihren Investitionen, ihrem Kapitalbesitz und ihrem Lebensstil. Auch in der Schweiz ist die Schere enorm. Die reichsten 10 Prozent verursachen pro Kopf und Jahr 18,7 Tonnen CO2-Äquivalente. Fast viermal so viel wie die ärmsten 10 Prozent. Eine neue Studie rechnet zwei Drittel der weltweiten Erwärmung zwischen 1990 und 2020 dem reichsten Zehntel der Weltbevölkerung zu.

Die Hauptverursacher der Klimaerhitzung können sich Klimaanlage, Sanierung, Pool, Zweitwohnung in den Bergen und Flucht vor der Hitze kaufen. Was innerhalb der Schweiz gilt, wiederholt sich global in noch brutalerem Massstab. Nach der Fair-Share-Methode ist der globale Norden für 92 Prozent der überschüssigen CO2-Emissionen verantwortlich. Bis 2050 wird Hitze in armen Ländern voraussichtlich zehnmal mehr Menschen töten als in reichen: 391'000 gegenüber 39'000 pro Jahr.

Die reichen Länder haben die Mittel für Kühltechnologie und klimafestes Bauen. Wenn auch nicht für alle. Den armen Ländern fehlen diese Mittel. Wenn auch nicht für alle. Aber: Bereits 2019 gingen 63 Prozent der weltweiten Ungleichheit beim individuellen Treibhausgasausstoss auf Unterschiede 
innerhalb der Länder zurück. Und nicht mehr auf Unterschiede zwischen den Ländern. Die Klimakrisenkluft verläuft also nicht einfach zwischen Nord und Süd, sondern zwischen Arm und Reich quer durch die Staaten.

Die Fluchtpläne der Reichen

Vor zehn Jahren hätte man noch diskutieren können, ob und wie Hitzeschutz und Klimaschutz sich bedingen oder behindern. Heute ist klar: Die Klimaerhitzung lässt sich nicht mehr rückgängig machen, höchstens bremsen. Wenn endlich gehandelt wird. Die Folgen der Klimakrise lassen sich nicht mehr wegleugnen oder bagatellisieren. Auch in der Schweiz nicht. Das Klima schonen und die Menschen vor der Hitze schützen kosten Geld. Diejenigen, die am meisten zur Klimakrise beitragen, können sich am besten vor deren Folgen schützen. Das gilt lokal und global. Die Reichsten drücken sich vor ihrer Verantwortung. Sie haben ihre Fluchtburgen schon längst gebaut zu Land, auf See und planen schon die Flucht ins All. Wir sollten sie nicht davonkommen lassen.

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