Serie: Kampf gegen die Mailänder Mode-Mafia, Teil 1
Kronzeuge Stromzähler

In zwei lombardischen Werkstätten stossen die Carabinieri auf chinesische Arbeiter ohne reguläre Verträge, Akkordlöhne und schwere Sicherheitsmängel. Von dort führen die Spuren zu Chanel, Moncler, Bulgari und sechs weiteren Modehäusern. Mafia-Jäger Paolo Storari ermittelt, die postfaschistische Regierung Meloni will ihn stoppen.

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GLANZ UND ELEND: Hinter dem Luxus wird unter Horrorbedingungen genäht. (Montage: work)

Der zuverlässigste Zeuge dieser Geschichte hat keinen Namen, keinen italienischen Pass und vor allem keine Angst, seinen Arbeitgeber vor der Justiz zu belasten. Er hängt an einer unscheinbaren Wand in einer Gewerbehalle in Pero, wenige Kilometer westlich der Mode-Metropole Mailand. Sein Beruf: Stromzähler.

Es ist der 14. Mai, als eine Spezialeinheit der Carabinieri, der Nucleo tutela del lavoro, energisch die Werkstatt der Firma Moda Fashion Style in Pero betritt. Die Beamten sind geschult darin, hinter die Fassaden der glänzenden norditalienischen Textilindustrie zu schauen.

Sie sind denn auch nicht überrascht darüber, was sie in den Hallen vorfinden: nicht angemeldete chinesische Arbeitende, die unter extremer Belastung an Nähmaschinen sitzen. Mehrere von ihnen besitzen keine gültigen Aufenthaltspapiere, sie arbeiten schwarz und völlig schutzlos. An den industriellen Näh- und Stanzmaschinen fehlen die gesetzlich vorgeschriebenen Schutzvorrichtungen. Die Menschen arbeiten nicht nur in dieser Fabrik, sie leben, essen und schlafen hier, eingepfercht zwischen Stoffballen, Pappkartons und dem monotonen Lärm der Motoren. In den offiziellen Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft wird später nüchtern, aber unmissverständlich von «entwürdigenden» Wohn- und Arbeitsverhältnissen die Rede sein.

Doch wann genau, in welchen Schichten und wie lange wurde hier tatsächlich gearbeitet? Wenn Ermittler die Arbeiter befragen, schweigen diese meist aus Angst vor dem Verlust ihrer Arbeit oder ihrer Bleibe. Auf den offiziellen Arbeitszeitformularen der Betreibergesellschaft finden sich lückenlose, formal korrekte Achtstundentage. Doch hier kommt der unbestechliche Zeuge an der Hallenwand ins Spiel. Niemand muss aussagen, denn die Stromverbrauchskurve des Zählers gibt eine präzise und forensisch unumstössliche Antwort: Die Maschinen liefen praktisch ununterbrochen. Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, über den ganzen Tag hinweg, an Wochenenden und selbst an offiziellen Feiertagen.

Bewährtes Vorgehen

Es ist ein bewährtes kriminalistisches Vorgehen. Mit Stromverbrauchskurven bewiesen die Ermittler des Mailänder Staatsanwalts Paolo Storari bereits vor einem Jahr die flächendeckende Siebentagewoche in jenen Hinterhoffabriken, die Kaschmirprodukte für Loro Piana herstellten. Damals ging es um Jacken, deren Produktionskosten in der lombardischen Werkstatt knapp 100 Euro betrugen, die in den Luxusboutiquen der weltweiten Metropolen aber für bis zu 3000 Euro über den Ladentisch gingen (work berichtete). In Pero geht es um wesentlich weniger glamouröse Güter, dafür um noch mehr Luxusmarken.

@workzeitung Der tapfere Schneider und das dreckige Mode-Business. 💪😰 #loropiana #mode #mailand #produktion #fashion ♬ Originalton - workzeitung

Bei ihrer Durchsuchung stossen die Carabinieri in den Hallen von Moda Fashion Style auf Hunderte von Kleidersäcken, Einkaufstaschen, kleinen Stoffbeuteln und Schutzhüllen, die mit den Emblemen und Schriftzügen global operierender Luxusmodehäuser bedruckt sind. Keine edlen Kaschmirjacken also, keine ikonischen Lederhandtaschen für mehrere Tausend Euro das Stück. Sondern ausschliesslich der Begleittross der Hochglanzwelt: das Zubehör, das die teuren Produkte verpackt, vor Staub schützt und dem Kunden beim Verlassen der Boutique das Gefühl gibt, etwas Wertvolles erworben zu haben. Zwischen den Stoffen tauchen bei der Razzia überraschenderweise auch Etiketten mit der Aufschrift «Made in Albania» auf. Was genau diese Labels in einer Werkstatt westlich von Mailand zu suchen hatten und auf welche Produkte sie genäht werden sollten, ist von den Ermittlern bisher nicht abschliessend geklärt. Sicher und dokumentiert ist hingegen etwas anderes: Moda Fashion Style stand auf keiner einzigen direkten Lieferantenliste von Chanel, Moncler oder Bulgari. Zwischen der unscheinbaren Hinterhoffabrik und den glänzenden Konzernzentralen lag ein komplexes Geflecht aus Subunternehmern und Zwischenfirmen. Auch das ist branchenüblich.

Die Architektur der Lieferkette

Die Spurensuche der Justiz endet nicht in Pero. Sechs Wochen später, am 25. Juni, schlagen die Carabinieri des Arbeitsschutzes ein zweites Mal zu. Diesmal betreten sie die Produktionsstätten der Isacco Srl in Marnate, einer Gemeinde rund 30 Kilometer nordwestlich von Mailand in der Provinz Varese. Auch hier stossen die Fahnder auf gravierende Verstösse gegen elementare Sicherheitsbestimmungen und auf manipulierte Arbeitsverträge. Bezahlt wird in «offenkundiger Abweichung» vom gesetzlich und gesamtarbeitsvertraglich vorgeschriebenen Mindeststandard der italienischen Textilbranche, wie die Ermittler protokollieren.

Die Auswertung der Geschäftsunterlagen, Lieferscheine und digitalen Spuren belegt: Die Betriebe Moda Fashion Style in Pero und Isacco in Marnate arbeiteten nicht ins Blaue hinein, sie produzierten im Auftrag von Brandart und FVL. Diese beiden italienischen Zwischenunternehmen fungierten als die offiziellen Zulieferer, die Kleidersäcke, Shopper, Stoffbeutel und Spezialverpackungen direkt an die Zentrallager von neun globalen Marken lieferten: Chanel, Brunello Cucinelli, Moncler, Bulgari, Etro, Jacob Cohen, Stefano Ricci, Goyard und Owenscorp Italia, die italienische Gesellschaft hinter dem Kultlabel Rick Owens.

Her mit den Dokumenten!

Am 16. Juli schliesslich klopfen die Carabinieri an die Portale genau dieser neun Modegiganten. Die Fahnder stehen jetzt nicht mehr auf staubigen Fabrikhöfen, sondern vor den Marmortresen von Mailänder und Florentiner Palazzi. Sie überbringen einen «ordine di esibizione»: eine gerichtliche Anordnung zur sofortigen Herausgabe von Dokumenten und Datenbeständen.

Die Modehäuser müssen die kompletten Auditberichte der vergangenen zwei Jahre lückenlos vorlegen. Dazu sämtliche Listen ihrer offiziellen Lieferanten und genehmigten Unterlieferanten, alle Verträge, Preisvereinbarungen und internen Kontrollprotokolle sowie jene Massnahmenpläne, mit denen die Konzerne in Italien nachweisen müssen, dass sie illegale Praktiken und Arbeitsausbeutung in ihrer Lieferkette aktiv verhindern. Staatsanwalt Paolo Storari will, wie es im offiziellen Dekret heisst, den exakten «Grad der Verstrickung» der Häuser feststellen. Er will ermitteln, ob die milliardenschweren Konzerne und ihre spezialisierten Prüfabteilungen tatsächlich kontrollieren, was an den Nähmaschinen vor sich geht. Oder ob die Audits letztlich bloss Papier produzieren, das als juristisches Schutzschild für die Marken dient.

KEINE AUSREDEN: Staatsanwalt Paolo Storari will wissen, was hinter den Luxusfassaden passiert.(Bild: LaPresse)

Keines der neun Modeunternehmen ist in diesem Verfahren bisher strafrechtlich beschuldigt. Storari hat auch bei keinem dieser Häuser eine gerichtliche Verwaltung oder Kontrollaufsicht beantragt. So weit ist die Justiz in diesem Fall nicht. Noch nicht.

Die immer gleichen Ausreden

Die Reaktionen aus den Chefetagen der Konzerne liessen nicht lange auf sich warten. Das an der Börse gefeierte Modehaus Brunello Cucinelli liess per offizieller Stellungnahme verlauten, man sei «überrascht und tief betrübt» über die Erkenntnisse der Carabinieri. Das Unternehmen betonte, man habe im Vorfeld die Papiere des Lieferanten eingehend geprüft und stets angemessene und faire Preise für die Produkte bezahlt. Es sei «unerklärlich» und «schmerzhaft», dass Verpackungsmaterial des Hauses dennoch an einem «unwürdigen» und «ungeeigneten Arbeitsplatz» gelandet sei.

Chanel wiederum präsentierte eine exakte Chronologie der eigenen Intervention: Das Haus erklärte, man habe bereits am 18. Mai – also exakt vier Tage nach der Kontrollrazzia der Carabinieri in Pero – aus internen Quellen von den gravierenden Missständen beim problematischen Unterlieferanten erfahren. Nur zwei Tage später, am 20. Mai, habe man den direkten Verpackungslieferanten offiziell angewiesen, jegliche Geschäftsbeziehung zum Betrieb in Pero unverzüglich zu beenden und die Subvergabe zu stoppen. Zudem betonte das französische Modehaus, dass die betroffenen Standorte zuvor regelmässig auditiert und zusätzlichen strengen Überprüfungen unterzogen worden seien.

Wer kontrolliert wie und was?

Genau hier setzt Staatsanwalt Storari an. Denn Sätze wie «wir haben die Papiere geprüft», «wir haben faire Preise bezahlt» und «der Standort wurde auditiert» sind das exakte Beweisthema seiner Ermittlungen. Die zentrale Frage lautet: Wie ist es physisch und logisch möglich, dass eine Werkstatt, in der nicht angemeldete Migranten an ungesicherten Maschinen schuften, in der Schlafräume direkt an den Produktionsraum grenzen und in der an Feiertagen im Akkord genäht wird, offizielle Audits renommiertester Prüfgesellschaften bestehen kann?

Wer prüfte hier eigentlich was? Waren diese Inspektionen Wochen im voraus angekündigt worden, sodass Schlaflager geräumt und illegale Arbeiter für einen Tag nach Hause geschickt werden konnten? Wurden von den Auditoren lediglich die makellosen Ordner und Formulare in den sauberen Büros der offiziellen Zwischenhändler kontrolliert? Oder setzte tatsächlich jemals ein Kontrolleur seinen Fuss in jene staubigen Hinterhöfe, in denen der Stoff geschnitten und genäht wurde?

Die Luxushäuser verwenden immensen Aufwand darauf, zu kontrollieren, ob ihr Logo im exakten Winkel aufgedruckt und jede Naht präzise gesetzt ist. Storari will gerichtlich klären, weshalb denselben perfektionistischen Prüfsystemen jahrelang angeblich entging, wo und unter welchen Bedingungen der Mensch schlief, der genau dieses Logo angenäht hat.

Ausbeutung erster und zweiter Klasse?

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet scheinbar banale «Zubehörteile» wie Staubbeutel, Shopper und Kleidersäcke ins Zentrum der Antimafia-Ermittler gerückt sind. Denn mit den Funden von Pero und Marnate wird vor den Mailänder Gerichten eine prinzipielle Frage verhandelt, die auf den ersten Blick absurd klingt, juristisch aber über Milliardenentschädigungen und die Zukunft der Konzernhaftung entscheidet: Zählt die Menschenwürde von Arbeitenden weniger, wenn sie nicht die teure Luxustasche nähen, sondern ihre Verpackung?

Genau darüber streitet Storari bereits heftig mit den Richterinnen und Richtern in Mailand und an den höheren Instanzen. In einem Verfahren gegen den Schuhkonzern Tod’s hatten Richter in einer ersten Beurteilung argumentiert, ein Modehaus müsse vor allem dort extrem intensive Kontrollen über die Arbeitsverhältnisse ausüben, wo jene Kernprodukte hergestellt würden, die später für viel Geld in den Läden stünden und für die Qualität, Originalität und Handwerkskunst der Marke bürgten. Bei reinen internen Verbrauchsgegenständen – zum Beispiel bei den Uniformen des eigenen Verkaufspersonals oder eben bei Verpackungsmaterialien – sei die juristische Verbindung zwischen der Marke und den Arbeitsbedingungen in der Sub-Werkstatt wesentlich schwächer zu bewerten.

Für Paolo Storari ist eine solche Unterscheidung juristisch «abenteuerlich» und ethisch unhaltbar. Er zog den Entscheid vor den Kassationsgerichtshof weiter. In seiner Rekursbegründung findet sich jener entscheidende Satz, um den sich der gesamte neuere Fall dreht: Das Gesetz frage nicht nach dem Produktwert, und es kenne vor allem keinen Unterschied zwischen einem «caporalato consentito e non consentito», also zwischen «erlaubter» und «nicht erlaubter» Ausbeutung.

Für Storari ist klar: Wer anders argumentiert, schafft ein Zweiklassensystem des Arbeitsschutzes, bei dem ein ausgebeuteter Schneider, der eine 3000-Euro-Jacke näht, von der Justiz geschützt wird, während sein Kollege, der den Baumwollbeutel für dieselbe Jacke näht, rechtlich ungeschützt bleibt.

In Teil 2: «Wasser im Mörser zerstampfen» – Storaris Methode, seine Milliardenbilanz und der erste Richter, der ihn stoppt.

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