Klassenkampf am Film-Festival in Cannes
Die Unsichtbaren proben den Aufstand

Ausgerechnet am weltbekannten Kinofest von Cannes begräbt der rechtsextreme Milliardär Vincent Bolloré den französischen Film.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 9:08
FEMINISM WASHING: Das Plakat des Filmfestivals von Cannes zeigt einen Moment im Dreh von «Thelma and Louise», dem ersten feministischen Road Movie von 1991. Das kollidiert mit dem Fakt, dass nur 5 von 22 ausgewählten Filmen des Wettbewerbs von Regisseurinnen stammen. (Foto: pd)

Wehe, du gehst in Cannes ohne die Perlenkette auf den Markt. Hier ist Côte d'Azur, man trägt teuer, besitzt Hunde, die Afrikanerinnen beissen und wählt zu 81 Prozent extrem rechts. Doch immer im Mai kommt ein wenig Kultur über die Stadt. Weltkultur, sagt Bürgermeister David Lisnard, der unbedingt Frankreichs nächster Präsident werden möchte: «Unser Film-Festival ist das weltweit wichtigste».

Zwar sind die grossen Hollywood-Studios zum ersten Mal ferngeblieben. Aber bis zum 23. Mai wird fleissig posiert, in Designerroben oder ganz minimal. Einige bekommen eine «Goldene Palme», andere hoffen, entdeckt zu werden. Filme sind auch zu sehen, oft sogar Meisterwerke. Und in den Parallel-Festivals aufrüttelnde Dokus, witzige Experimente, brillante Kurzfilme.

Protest gehört immer dazu. Wir leben, sagte Jury-Mitglied Paul Laverty, «eine Epoche, in der die Wahnsinnigen die Blinden führen.» Laverty schreibt die Drehbücher des Sozialfilmers Ken Loach. Etwas milder drückte sich Jane Fonda (2 Oscars, 7 Golden Globes) in ihrer Eröffnungsrede aus: «Das Kino war immer ein Akt des Widerstandes, weil wir Geschichten erzählen und Geschichten machen eine Zivilisation.»

Es sei denn, man ist Palästinenser. Mohammed Alshareef hätte in Cannes gerne erzählt, wie seine vierjährige Tochter in Gaza unter israelischen Bomben dank erfundener Geschichten überlebt (Titel seines Films: «Super-Sila»). Aber er durfte nicht aus Gaza ausreisen.

Camille, 29, lebt für dieses Kino. Sie hatte ihre Koffer schon gepackt, zuoberst der Vertrag mit dem Filmfestival. Seit einigen Jahren war sie für die Begleitung der neuen Regisseurinnen und Regisseure verantwortlich. Das sollte bald zur Festanstellung werden. Ihr Traum. Doch am Vorabend der Reise in den Süden teilte das Festival ihr mit, sie sei gefeuert. Weshalb? Die zuständige Präfektur sehe in Camille ein Sicherheitsrisiko. Begründen muss die Behörde das nicht.

Überwachungsstaat Frankreich

Sie stützt sich auf das «Gesetz für Innere Sicherheit und den Kampf gegen den Terrorismus». Sobald ein Anlass als «Grossereignis» eingestuft wird, stellen die Flics das gesamte Personal unter Generalverdacht, angefangen beim Popcorn-Verkäufer. Sie nennen es «criblage», Durchleuchtung. Dabei benützen sie auch die berüchtigte Datenbank «Pasp», in der die Polizei ohne Kontrolle und Transparenz Fichen über die Bevölkerung anlegt. Darin soll, vermuten Fachleute, bereits ein Sechstel der französischen Bevölkerung als potentielle Unruhestifterin vermerkt sein.       

Was hat Camille getan? Nichts. Sie war nie «polizeilich auffällig», wie es im Jargon der Gendarmen heisst. Ihr einziges Verbrechen: Sie macht sich Sorgen um das Klima und war an der einen oder anderen grünen Demo. Nie handgreiflich. Nie maskiert. Eine Bürgerin, die das Grundrecht wahrnimmt, über ihre Sorgen zu sprechen. Für die Rechten aber fast schon eine Terroristin.

Gegen diese undurchsichtige Praxis wehrt sich ein Kollektiv der Event-Arbeitenden, mit Hilfe der Gewerkschaften Sud und CGT. Sud zum Fall Camille:  «Dieses faktische Berufsverbot ist eine Einschüchterung, eine politische Diskriminierung.» Dringend fordern die Gewerkschaften das Ende des «Criblage». Wie viele in Cannes so einen Job verloren haben, wissen sie noch nicht. Bei der Pariser Olympiade 2024 waren es 4000. Nach dem ersten Schock half Camille, für die Betroffenen ein Handbuch zur Selbstverteidigung zu schreiben.

Doppelt schmerzlich ist die reaktionäre Ambiance für die grosse, früher kommunistische Gewerkschaft CGT: 1946 war sie, als Kultur noch zum Selbstverständnis einer Gewerkschaft gehörte, entscheidend an der Gründung des Festivals beteiligt und hat es seither mitgetragen. 

Die Galeere der Unsichtbaren

Die Gewerkschaften haben mit dem Film gerade viel zu tun. Unlängst legten Technikerinnen und Techniker bei Dreharbeiten zu «Quasimodo» für den Streaming-Anbieter Netflix ihre Arbeit nieder. Acht Wochen lang. Zu schlecht die Arbeitsbedingungen. Kinoproduktionen sind oft grössere Kisten. «Techniker» ist ein Sammelbegriff für fünf Dutzend Berufe, von der Kabelschlepperin über Visagisten und Ausstatter zu Kamerafrauen, Waffenmeistern, Vokaltrainern, Bauleuten, Beleuchterinnen, Skript etc. Für die «Unsichtbaren» gilt oft die 80-Stundenwoche, bezahlt sind 39 Stunden. Prekäre Jobs, kürzere Drehzeit, Hetze, höheres Risiko. Die Kino-Kunst baut auf eine Armee von Proletarisierten.

So umweht Cannes 2026 ein Hauch von Klassenkampf. Bei Projektionen tauchten immer wieder Komitees der Unsichtbaren auf und machten ihre Forderungen klar.

Der Aufstand der 600

Darin brach jetzt mit brachialer Gewalt ein Berserker ein, der Multimilliardär Vincent Bolloré. Einen starken Teil seines Vermögens hat er mit der postkolonialen Ausbeutung Afrikas gemacht (Häfen, Bahnen, Bau, Meerestransport). Seit 2010 widmet sich der katholische Fundamentalist vor allem seinem «zivilisatorischen Projekt»: Der (weisse) Patriarch im Zentrum, die Frau im Kindbett. Die Neofaschisten an die Macht. Frankreich bereinigt von Migrantinnen, Gewerkschaftern, Demokratinnen, Linken, Muslimen, Wissenschaftlerinnen. Bolloré ist ein zentraler Financier der extremen Rechten.

EXTREM RECHTS, EXTREM REICH: Fundamentalist Vincent Bolloré. (Foto: Keystone)

Für sein Projekt hat er eine grossen Medienmacht zusammengekauft und scheut sich nicht, ganze Redaktionen auszuwechseln. Bollorés stark beachteter Nachrichtenkanal CNews ist heute ein rassistischer Hetzsender. Dann hat er sich die Werbung und Buchverlage vorgenommen. In beiden Branchen hält er eine beherrschende Stellung. Als er am 14. April den hoch angesehenen Verleger Olivier Nora aus politischen Gründen feuerte, verliessen über 200 Autorinnen und Autoren, teilweise von Weltrang, die Bolloré-Gruppe. Der Besitzer schickte ihnen nur Häme nach. Patriotische Literatur braucht keine südamerikanischen Nobelpreisträger.

Nun ist das Kino dran, dritte Stufe seiner reaktionären Kulturrevolution. Rechtzeitig zur Eröffnung von Cannes schickten 600 Regisseurinnen, Schauspieler und weitere Filmprofis eine Warnung in die Welt: «Bolloré abschalten!» Unterzeichnenden waren Figuren wie Juliette Binoche, Raymond Depardon, Adèle Haenel und Sepideh Farsi. Sie schrieben:

Lassen wir das französische Kino in Händen eines rechtsextremen Patrons, riskieren wir die faschistische Kontrolle über das kollektive Vorstellungsvermögen.

GEGEN DIE FASCHISTISCHE KONTROLLE: Schauspielerin Juliette Binoche. (Foto: Keystone)

Das Festival erstarrte in ein tiefen Malaise. Alle wissen, dass Bolloré über Canal+ die grösste Produktionsfirma Europas kontrolliert, von deren Co-Finanzierung auch viele unabhängige Produktionen abhängen. Alle wissen, dass in der Hälfte der Cannes-Filme Bolloré seine Hände im Spiel hat. Manche übten sofort vorauseilende Selbstzensur. Die 600 irrten, hörte man, Bolloré garantiere Vielfalt. Es werde schon nicht so schlimm kommen. Nicht? Die Antwort kam vom Berserker selbst. Zornig liess er ausrichten, die 600 Filmprofis stünden ab sofort auf seiner schwarzen Liste. Schlussklappe.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.