Die grossen Kriegsgewinnler sitzen in Genf
Wenn’s in Hormuz staut, sprudelt’s bei den Rohstoffhändlern!

Der Irankrieg treibt die ­Benzin- und Dieselpreise in die Höhe. Rohstoffhändler – viele davon in Genf – reiben sich die Hände. ­Progressive Kräfte fordern jetzt eine faire Besteuerung und Rück­verteilung der Überprofite.

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MILLIARDENGEWINNE DURCH DEN KRIEG: Im World Trade Center beim Genfer Flughafen läuft der Ölhandel heiss. (Foto: PD)

Im World Trade Center beim Genfer Flughafen arbeiten fast 1000 Händler und Händlerinnen der Totsa. So nennt sich die globale Handelsabteilung des französischen Ölkonzerns Totalenergies. Recherchen der «Financial Times» zeigten, dass die Trader von Totalenergies in den ersten Tagen nach dem US-Angriff auf Iran weltweit Ölreserven aufkauften. Und damit einen Milliardengewinn erzielten. Längst sind die Preisschübe auch an den Tankstellen angekommen. In der Schweiz zahlt man 20 Rappen mehr für Benzin und 40 Rappen mehr für den Liter Diesel. In vielen Ländern des Globalen Südens sind die Preisanstiege noch deutlich stärker, und das Benzin an den Tankstellen wird rationiert. Die philippinische Regierung hat wegen Treibstoffknappheit sogar die Viertagewoche eingeführt.

Steuerfluchthafen Genf

Die Aktienkurse von Total und vergleichbarer Konzerne legten seit Jahresbeginn etwa um einen Drittel zu. Für dieses Jahr erwarten die Öl- und Gaskonzerne wieder Rekordgewinne wie 2022 nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine. Damals erzielte Totalenergies einen kriegsbedingten Übergewinn von 10 Milliarden Euro. Ein Grossteil der EU-Länder führte nach Kriegsausbruch eine Übergewinnsteuer von 33 Prozent ein. Diese brachte in der ganzen EU 26,5 Milliarden Euro zusätzliche Steuereinnahmen ein. Anfang ­April 2026 forderten Deutschland, Italien, Spanien, Portugal und Österreich von der Europäische Kommission die Wiedereinführung eines solchen Steuerinstruments. Doch die Übergewinne, die Total über die Handelsabteilung in Genf verbucht, wären davon erneut nicht betroffen.

KKS dankt Rohstoffhändlern

Insgesamt läuft heute etwa ein Drittel des weltweiten Öl- und ­Gashandels über den Rohstoffhandelsplatz Genf. Die Genfer Finanzdirektorin und Regierungspräsidentin Nathalie Fontanet (FDP) sagte gegenüber Radio SRF: «Der internationale Handel macht in Genf heute mehr als die Hälfte aller Einnahmen bei der Unternehmenssteuer aus.» In Zeiten des Krieges sei die Finanzplanung deshalb besonders schwierig. 2024 schloss der Kanton mit einem Rekordüberschuss von 1,4 Milliarden Franken ab. Wegen dieser hohen Steuereinnahmen konnte Bundesrätin Karin Keller-Sutter Anfang 2025 statt eines prognostizierten Milliardendefizits eine ausgeglichene Bundesrechnung präsentieren und bedankte sich bei dieser Gelegenheit explizit bei den Genfer Rohstoffhändlern.

Leistungsfreie Profite

Solche Bücklinge gegenüber den Rohstoffhändlern, die leistungsfreie Milliardenprofite einfahren, kommen jedoch nicht überall gut an. Die Genfer Nationalrätin Delphine Klopfenstein Broggini von den Grünen fordert in einer Motion jetzt eine befristete Steuer für die Rohstoffbranche. Sie sagt: «Auf der einen Seite stehen Unternehmen, die aus einer dramatischen Situation Profit schlagen; auf der anderen Seite die privaten Haushalte, welche die volle Härte der steigenden Lebenshaltungskosten zu spüren bekommen.» Vorstösse für eine solche Übergewinnsteuer gab es bereits 2022. Aber die bürgerliche Mehrheit im Parlament wollte nichts davon wissen. Für Robert Bachmann, Rohstoffspezialist der NGO Public Eye, geht das Problem aber noch deutlich tiefer. Er sagt: «Es geht nicht nur um die Übergewinne. Die Frage der Besteuerung von Unternehmen muss auf Uno-Ebene neu geregelt werden. Es darf gar keine weiteren Steuergeschenke an die Rohstoffunternehmen geben.»


Gambia, Hizbullah und Totsa:Schmiergeldspuren führen an den Genfersee

2024 untersuchte die Bundesanwaltschaft die Büros von Totsa, der Handelsabteilung des französischen Ölkonzerns Totalenergies. Der Konzern ist mutmasslich in eine Bestechungsaffäre um den früheren Diktator von Gambia involviert. 

GAMBIAS LANGZEIT-DIKTATOR: In der Regierungszeit von Yahya Jammeh floss viel Schmiergeld. (Foto: Keystone)

Anfang April machte die NGO Public Eye den Korruptionsfall um die Genfer Rohstoffhandelsfirma Totsa publik. Der Fall reicht in die Zeit des gambischen Langzeitdiktators Yahya Jammeh (1994–2017) zurück. Der libanesische Geschäftsmann Mohamad Bazzi war in dieser Zeit ein enger Vertrauter des Regimes. Bazzi machte mit einem Monopol auf den Import von Erdölprodukten in den westafrikanischen Kleinstaat hohe Gewinne, während der Staat finanziell ausblutete. Eine später eingesetzte Untersuchungskommission deckte Schmiergeldzahlungen an den gambischen Diktator in Millionenhöhe auf. Die Behörde des US-Finanzministeriums identifizierte Bazzi auch als wichtigen Geldgeber der libanesischen Terrororganisation Hizbullah. Ein US-Gericht verurteilte Bazzi 2024 wegen der Umgehung von Sanktionen zu einer langjährigen Haftstrafe und konfiszierte sein Vermögen.

20 Jahre Haft

Brisant ist der Fall auch für die Schweiz. Denn das Handelsbüro von Total mit Sitz in Genf war mutmasslich in die gambische Schmiergeldaffäre involviert. Totsa wickelt den grössten Teil des Verkaufs von Erdöl und Erdgas für Totalenergies ab. Zwischen 2004 und 2014 belieferte Total den Kleinstaat Gambia über die Unternehmen von Mohamad Bazzi mit Erdöl und war damit exklusiv in Bazzis Geschäfte eingebunden. Die französische Staatsanwaltschaft für Finanzdelikte hat deshalb 2024 ein Rechtshilfegesuch an die Schweiz gestellt, woraufhin die Bundesanwaltschaft die Büros von Totsa durchsuchte. Die Schweiz hat bisher aber kein Strafverfahren in diesem Fall eröffnet. 

Seit Ende März läuft hingegen das Berufungsverfahren gegen Gambias ehemaligen Innenminister Ousman Sonko. Ihn hatte das Bundesstrafgericht in Bellinzona 2024 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Als ehemaliger Polizeiminister gilt Sonko als Hauptverantwortlicher für die systematische Folter während der Diktatur. Als diese endete, setzte er sich ab und stellte in der Schweiz einen Asylantrag. Die hiesigen Behörden schritten aber erst ein, nachdem die NGO Trial International Anzeige erstattet hatte. Bei seiner Verhaftung trug Sonko 14'000 Franken auf sich.

Bundesrat unter Druck: Schweiz sackt Korruptionsgelder einfach ein!

Finanz- und Rohstoffkonzerne mit Sitz in der Schweiz werden regelmässig wegen Korruption verurteilt. Zusammen mussten sie in den letzten Jahren über 900 Millionen Franken illegaler Gewinne zurückzahlen. Doch dieses Geld fliesst bisher einfach in die Schweizer Staatskasse! Die geschädigte Bevölkerung im Globalen Süden geht leer aus. Eine Petition von Public Eye, die 14'000 Menschen unterzeichnet haben, fordert den Bundesrat zur Rückgabe der Korruptionsgewinne an die Geschädigten auf.

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