Gewerkschafterin Janette Zahia aus Minnesota (USA) auf Europa-Tour
«Die Arbeiterklasse wacht auf und stellt sich gegen die Trump-Regierung»

Mit rigoroser Gewalt griff die Migrationsbehörde ICE in den ganzen USA durch, ganz besonders im linken Bundesstaat Minnesota. ­Gewerkschaften ­antworteten mit einem Generalstreik in der Millionenmetropole Minneapolis. Ganz vorne dabei war Janette Zahia. work hat sie in Bern getroffen.

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AUF BESUCH IN BERN: Janette Zahia reist durch Europa, um über die Situation in ihrer Heimat USA zu berichten. (Foto: Dak)

Ein sonniger Frühlingstag erwartet die Delegation aus den USA in Bern. Janette Zahia (34) reist in einer Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten durch verschiedene europäische Städte, um über die Situation in ihrer Heimat zu berichten. Zum Gespräch trifft work die Gewerkschafterin in einer belebten Gartenbeiz in Bern. Den Sonnenschein und die Wärme ist sie aus Saint Paul, einer Stadt im Bundesstaat Minnesota, weniger gewohnt. Die laute, vorbeisausende Ambulanz hingegen schon. In Zahias Heimat gilt Ausnahmezustand. Der Grund: das aggressive Vorgehen von ICE, der US-Migrationsbehörde. Aktivistin Janette Zahia setzt sich vehement gegen das Vorgehen von ICE zu Wehr.

Wir blicken zurück: Im Dezember 2025 stationierte US-Präsident Donald Trump 3000 ICE-Agenten in Minneapolis. Zum Vergleich: In der Millionenmetropole Chicago stationierte die Trump-Administration 500 ICE-Beamte. Chicago ist viermal grösser als Minneapolis. In Minneapolis griff die Migrationsbehörde mit voller Gewalt durch, kidnappte Menschen auf offener Strasse und nahm in wenigen Wochen über 3700 Menschen fest. Und dann, am 7. Januar 2026, fielen tödliche Schüsse: Ein ICE-Agent erschoss die unschuldige Zivilistin Renée Good (37).

Gewerkschafterin Zahia erklärt, wie sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen zum Widerstand einen Generalstreik auf die Beine stellte. Am Freitag, 23. Januar, bei minus 20 Grad war es dann so weit: Streik in den Betrieben, Schulen und Universitäten. In der Hauptstaat Min­neapolis versammelten sich 100 000 Menschen auf der Strasse und beteiligten sich am fried­lichen Protest. Mit Erfolg: Heute sind noch 500 ICE-Beamte in Minnesota stationiert. Dazu sagt sie:

Ich glaube, dass die Macht der Arbeiterklasse und der Streik der beste Weg sind, den ­Faschismus zu besiegen.

Der Hotspot Minnesota

Minnesota ist Trump ein Dorn im Auge. Zahia erklärt: «Einerseits ist Minnesota historisch gesehen schon lange demokratisch und gewerkschaftlich gut organisiert. Obwohl viele weisse Menschen in diesem Bundesstaat leben, hat es seit 50 Jahren kein US-Präsident geschafft, dass Minnesota republikanisch wählt.» Weiter lebt eine grosse somalische Community im Bundesstaat, die den Wohlstand massgeblich ­mitträgt. Mittlerweile sitzt Ihan Omar als ­somalisch-amerikanische Demokratin im US-Repräsentantenhaus für den 5. Wahlbezirk von Minnesota.

Und es war auch die Bevölkerung von Minnesota, die sich nach dem rassistisch motivierten Mord an George Floyd gegen Polizeigewalt und antischwarzen Rassismus eingesetzt und mit ihrem Protest nationale Fortschritte erkämpft hat. Floyd wurde im Jahr 2020 gewaltsam vom weissen Polizisten Derek Chauvin getötet. Der Polizist presste während neun Minuten mit dem Knie auf Floyds Hals, bis dieser erstickte.

Die Gewerkschafterin Zahia weiss: Der progressive Bundesstaat ist leider eine Ausnahme, und mit einem Präsidenten wie Trump sieht die Zukunft düster aus. Sie sagt:

In den USA macht man zwei Schritte vorwärts und dann einen zurück. Aber gerade jetzt unter Trump machen wir nur Schritte rückwärts.

Solidarität – jetzt!

Seit Trump im Weissen Haus auf dem Thron sitzt, werden die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter in den USA radikal beschnitten. Er baut das Land mit seinen rassistischen, frauenfeindlichen und faschistischen Plänen um und kreiert Krise um Krise. Als Lehrerin blickt die Gewerkschafterin besonders besorgt auf das Bildungssystem. Ihre Gewerkschaft kämpft gegen Kürzungen bei Sozialarbeitern und Schulpsychologen, bei der Erwachsenenbildung und beim Sportangebot für die Schülerinnen und Schüler.

Zahia weiss:

Die Bevölkerung ist wütend! Die Arbeiterklasse wacht auf und stellt sich gegen die Trump-Regierung. Auch die rechte Bewegung ‹America first› realisiert jetzt, in welche Katastrophen uns Trump stürzt.

Als Gewerkschafterin kennt sie nur einen Weg aus der Krise: Solidarität. Sie sagt: «Die Solidarität mit den indigenen Gemeinschaften, mit den Einwanderern, mit Frauen und mit allen unterdrückten Gruppen ist entscheidend. Es reicht nicht, nur für wirtschaftliche Interessen zu kämpfen, sondern es geht um das Gemeinwohl.»

Kritik an Neutralität

Die Solidarität ist auch die Motivation, die ­Janette Zahia auf ihrem Besuch in Europa antreibt. Denn insbesondere in Krisenzeiten müssen die Gewerkschaften auch international zusammenspannen. Zudem kritisiert sie Schweizer Institutionen wie die Schweizerische Nationalbank oder die UBS, die in die von ICE genutzten Infrastrukturen investieren. Solche Investitionen förderten im Versteckten die Polizeigewalt, rechtsextreme Ideologien und Rassismus in den USA. Die Gewerkschafterin ruft dazu auf, die Investitionen der Schweizer Banken sinnvoller einzusetzen: «Die Schweiz muss in die Menschen in ihrem Land investieren, egal ob sie hier geboren sind oder nicht.»

Auch zur Schweizer Neutralität hat Zahia eine klare Meinung: «Die Geschichte lehrt uns, dass Neutralität bedeutet, sich auf die Seite der Unterdrücker zu stellen. Ich hoffe, dass die Menschen in der Schweiz diese Tradition brechen. Die richtige Seite zu wählen bedeutet, sich für Gerechtigkeit zu entscheiden.»


Union HabibtiSie ist der «Liebling»


Janette Zahia (34) lebt in Saint Paul und ist für die Gewerkschaft «Minneapolis ­Federation of Educators» tätig. Sie ist auch bekannt als ­«Union Habibti», was ein Wortspiel aus Englisch und Arabisch ist und so viel bedeutet wie ­«Gewerkschaftsliebling». Davor war sie sieben Jahre lang ­Musiklehrerin in Washington, D. C. Sie zog 2022 nach Minnesota, nachdem Lehrerinnen und Lehrer dort mehrere ­Wochen den Schulbetrieb ­unterbrochen und einen ­landesweit bedeutenden ­Arbeitskampf gewonnen hatten. Sie erkämpften sich ­höhere ­Löhne und mehr Geld für das ­Bildungswesen.

Unterstützerin

Als unermüdliche Aktivistin setzt sich Zahia in Minnesota für die Überwachung von Gewalt und Übergriffen der Einwanderungsbehörde ICE ein und ­unterstützt Arbeiter und ihre Familien, darunter auch ­traumatisierte Kinder.

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