Che-Tochter Aleida Guevara (65) warnt:
«Schiessen kann ich noch perfekt!»

Zuerst der Wirtschaftskollaps, dann der Regime-Change. Das bezweckt Donald Trump mit seiner Totalblockade gegen Kuba. Keine Angst hat Aleida Guevara. Das Volk stehe fest zur Losung ihres Vaters: «Vaterland oder Tod!» Ganz in Schutz nimmt die glühende Kommunistin ihre Partei aber nicht.

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SIE HAT REVOLUTION IM BLUT: Aleida Guevara im Jahr 1963 in den Armen von Fidel Castro (links), der mit ihrem Vater Che Guevara spricht. (Foto: Getty Images)

work: Frau Guevara, Ihr Vater gilt als berühmtester Revolutionär der Welt. Wie lebt es sich als Tochter des Che?
Aleida Guevara: Ruhig, ohne Probleme… (lacht). Im Ernst, meinen Vater habe ich leider kaum kennengelernt. Ich war ja erst vier, als er für den Guerrillakampf weiterzog, zuerst nach Kongo, dann nach Angola. Kurz vor meinem siebten Geburtstag wurde er in Bolivien gefasst und ermordet.
 
Und Ihre Mutter, Aleida March? Auch sie war ja eine Revolutionärin, lernte Che in der Guerrilla kennen…
Ja, allerdings blieb sie in Kuba bei uns Kindern. Sie hat sehr darauf geachtet, dass uns niemand sonderbehandelt oder überbehütet. Und sie bleute uns ein: «Ihr werdet überall beschenkt werden, denn die Leute lieben euren Papa. Aber passt bloss auf, dass es euch nicht in den Kopf steigt!»
 
Beruflich sind Sie dem Vater gefolgt, haben Medizin studiert und arbeiten seither als Kinderärztin in Havanna. Wie geht es Kubas Kindern heute?
Sie sind grundsätzlich gesegnet. Das wenige, was wir haben, reservieren wir für sie. Sie sind unsere Zukunft. Aber natürlich haben wir grosse Sorgen. Seit die Amerikaner 1961 mit ihrer Invasion in der Schweinebucht gescheitert sind, rächen sie sich mit einer illegalen Wirtschaftsblockade. Es ist das älteste Embargo der Welt. Doch so schlimm wie jetzt war es noch nie.
 
Was hat sich verschlimmert?
Seit Januar blockieren die USA auch noch sämtliche Öllieferungen. Ein Land ohne Öl kommt unweigerlich zum Stillstand. Bei uns funktioniert auch die Stromerzeugung primär mit Ölkraftwerken. Daher sind Stromausfälle Alltag geworden. Mancherorts müssen die Leute 72 Stunden ohne Elektrizität ausharren. Gegenwärtig ist es 30 Grad heiss. Weil Kühlschränke nicht funktionieren, leben die Leute von der Hand in den Mund. Immerhin haben Schulen und Spitäler geöffnet.
 
Kuba wäre doch ein prädestiniertes Windkraft- und Solarland!
Wir arbeiten hart daran! Bis 2030 wollen wir fast vollständig auf Solarstrom umbauen. Noch sind wir aber erst bei 10 Prozent. Immerhin gibt es in vielen Gesundheitseinrichtungen und Schulen Photovoltaikanlagen. Und auch die Arbeiteravantgarde kann heute Solarpanels kaufen.
 
Die Arbeiteravantgarde?
Das sind jene Werktätigen, die am meisten produzieren oder am längsten arbeiten. Sie haben sich einen angenehmen Feierabend mit Strom besonders verdient. Das Erwerbsrecht für Solarpanels ist ein wichtiger Antrieb für diese Leute.
 
Hand aufs Herz: Es ist doch nicht nur der US-Imperialismus, der für die heutige Krise verantwortlich ist?
Ah, nicht? Wer denn sonst? Wie soll ein Staat vernünftig wirtschaften, wenn ihn sein grosser Nachbar einfach vom Ölhandel abschneidet und ihn willkürlich auf eine Liste der Terrorfinanzierer setzt? Wenn deshalb praktisch alle Banken der Welt den Zahlungsverkehr aussetzen? Wir hatten auch mit Schweizer Banken einst einen guten Verkehr. Doch aus Angst vor US-Sanktionen verweigern sie heute jegliche Zahlung mit Kuba-Bezug. Wie soll man so überleben? Wir müssen wohl alle Magier werden!
 
Die Kommunistische Partei hat keine Fehler begangen?
Hombre! Hast du je einen fehlerfreien menschlichen Prozess gesehen? Natürlich machen auch wir Fehler. Wir haben zum Beispiel 2021, mitten in der Pandemie, das Währungssystem geändert. Von zwei Währungen, dem Peso Convertible (CUC) und dem Peso Cubano (CUP), sind wir zurück auf nur den CUP. Der Zeitpunkt war schlecht. Als Ergebnis haben wir jetzt vier Währungen, den CUP, eine Digitalwährung, den Dollar und den Euro. Doch korrigieren können solche Fehler nur wir. Uns muss niemand kommen und sagen, was wir zu tun und zu lassen hätten. Wir sind ein wirklich unabhängiges Land. Nicht wie gewisse europäische Länder, die schon beim kleinsten Fingerzeig von Trump den Bückling machen.
 
Laut Franco Cavalli, dem Präsidenten der NGO Medicuba Europe, ist die humanitäre Lage heute noch schlimmer als während der Versorgungskrise nach dem Fall der Sowjetunion…
…Genosse Franco hat absolut recht. Zurzeit gelangt kein einziger Tropfen Öl ins Land! Das ist verheerend. Die Russen haben uns zwar einen Tanker mit rund 100'000 Tonnen geschickt, aber das reicht bei weitem nicht.
 
Warum durfte dieser Tanker überhaupt passieren?
Das müssen Sie die Russen fragen. Die USA bewilligten diese Spende jedenfalls.
 
Kuba musste nichts bezahlen für dieses Öl?
Nein.

ALEIDA GUEVARA: «Wäre mein Vater nicht so früh aus dem Leben gerissen worden, stünde es um viele Länder besser.» (Foto: Getty Images)

Und was ist mit der Freilassung von 2010 Gefangenen, die Havanna kurz danach versprach?
Das hat mit Trump nichts zu tun, sondern mit dem Papst, der zu Besuch war. Er bat uns vor Ostern, Gnade walten zu lassen. Wir haben einen Kompromiss gefunden und solche Gefangene entlassen, die hinter Gittern nichts ausgefressen haben. Keine Gnade gab es für Mörder, Vergewaltiger oder Personen, die dem Volk grossen Schaden zugefügt haben.
 
Kamen auch politische Gefangene frei?
In Kuba gibt es keine politischen Gefangenen.
 
1255 sind es aktuell laut der Exil-NGO Prisoners Defenders. Amnesty International zählt 7 reine Gewissensgefangene.
Ein politischer Gefangener ist jemand, der für seine Ansichten einsitzt. Ein solches Gesetz kennt Kuba nicht. Sie können der frechste konterrevolutionäre Schädling der Welt sein und werden trotzdem in Ruhe gelassen. Wer aber Volkseigentum beschädigt, Steine schmeisst oder Morde begeht, wird dafür büssen.
 
Was würde wohl Ihr Vater sagen, wenn er Kuba heute sähe?
Schwer zu sagen. Sicher ist: Wäre er nicht so früh aus dem Leben gerissen worden, stünde es um viele Länder besser. In Argentinien hätten wir keinen Verrückten an der Macht. Auch Bolivien sähe anders aus. Mein Vater stand immer an der Seite des Volkes. Und zwar mit Taten.
 
Steht das kubanische Volk denn noch auf der Seite der Regierung?
Ja! Das kubanische Volk ist mehrheitlich ein revolutionäres Volk. Die heutigen Generationen haben die Batista-Diktatur zwar nicht mehr selbst erlebt. Aber sie wissen, dass sie von den revolutionären Errungenschaften profitieren: dem kostenlosen Bildungswesen, dem kostenlosen und vorbildlichen Gesundheitswesen, der kulturellen Entwicklung und so weiter. Was es aber gibt, sind Leute, die wegen der wirtschaftlichen Situation die Hoffnung verloren haben.
 
2021 gab es die grössten Antiregierungsproteste seit Jahrzehnten.
Ach, diese paar Dummköpfe wurden in euren Medien total aufgeblasen. Massenproteste gibt es in Ländern wie Argentinien oder den USA, aber sicher nicht bei uns.
 
Die damalige Protestlosung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Sie lautete «Patria y vida» (Vaterland und Leben) in Anlehnung an das «Patria o muerte» (Vaterland oder Tod) Ihres Vaters. Eigentlich ein cleverer Slogan, nicht?
Er stammt aus den USA, vom Gewürm, das in Miami hockt. Diese Auslandskubaner werden bezahlt für ihre Aktionen gegen uns. Sie sind also Söldner und damit komplett unglaubwürdig.
 
Sie glauben also, dass die kubanische Bevölkerung im Fall einer US-Intervention das kommunistische System verteidigen wird?

Das glaube ich nicht, sondern da bin ich mir sicher! Warum? Weil ich es jeden Tag sehe, weil man es auf den Strassen spürt, weil ich als Ärztin in permanentem Kontakt mit dem Volk stehe. Als die Amerikaner beim Angriff auf Venezuela auch 32 kubanische Genossen töteten, gab es hier eine massive, völlig aussergewöhnliche Reaktion. Tausende fluteten die Strassen, um den 32 Helden Respekt zu zollen. So was macht kein Volk von Feiglingen, dies zeugt von Mut und Entschlossenheit.
 
Jetzt spricht vollends die Regierungspartei aus Ihnen!
Ach, ich spreche wie das Volk. Ich arbeite jeden Tag mit den einfachen Leuten zusammen, ich höre, wie die Jungen in den Strassen reden. Sie wissen, was kommen könnte. Spätestens seit dem US-Überfall auf Venezuela. Und sie bereiten sich vor. Und ich sage Ihnen noch etwas: Ich selbst gehöre zwar schon zum alten Eisen, aber schiessen kann ich noch perfekt!
 
Erwarten Sie einen Krieg?
Ich hoffe sehr, dass es nicht so weit kommt. Die Greuel des Krieges habe ich als Ärztin in Nicaragua und Angola hautnah miterlebt. Aber bei diesem Irren im Weissen Haus musst du ja mit allem rechnen.
 
Trump will erklärtermassen noch 2026 einen Regime-Change. Haben Sie Angst?
Ach, mein Lieber! In Kuba haben wir schon lange aufgehört, Angst zu haben. Angst ist das Mittel der Imperialisten, um uns zu erdrücken. Und vergessen Sie nicht: Militärisch sind die USA uns zwar überlegen, sie könnten einen Angriff also wagen. Was sie aber nicht wissen, ist, wie sie aus einem solchen Krieg wieder hinauskommen könnten.
 
Sprechen wir noch über die Gewerkschaften: In Kuba gibt es nur die staatlich kontrollierte Arbeiterzentrale. Sie schlichtet bei Streitigkeiten am Arbeitsplatz, soll die Produktivität ankurbeln und dient als Transmissionsriemen der Partei. Unabhängige Gewerkschaften hat Ihr Vater als Industrieminister verboten. Auch Streiks sind illegal. Wovor fürchtet sich die Regierung?
Wir sind eine sozialistische Gesellschaft. Die Arbeiter arbeiten bei uns also nicht für irgendeinen Kapitalisten, sondern für ihr Volk, für das grosse Ganze. Praktisch alle Industrien gehören dem Staat, also dem Volk. Deshalb müssen die Arbeiter auch nicht unabhängig organisiert sein, wenn sie alle Teil eines grösseren Prozesses sind. Vor der Revolution waren Gewerkschaften nötig, um die Interessen der Arbeiterklasse zu verteidigen. Jetzt aber, wo die Arbeiterklasse die Regierungsmacht innehat und es keine Kapitalisten mehr gibt, haben Gewerkschaften ihren ursprünglichen Sinn verloren.
 
Für dieses Gesellschaftsmodell gibt es hier wenig Sympathie. Warum sollten die Schweizer Werktätigen Kuba trotzdem unterstützen?
Wir betteln nirgends um Hilfe. Wir sagen einfach, wer wir sind und wie wir sind. Wenn Ihnen das gerecht erscheint, was jetzt mit Kuba gemacht wird, dann können Sie ja beruhigt sein. Wenn Sie aber finden, es sei ein Verbrechen, wenn eine aggressive Imperialmacht die Bevölkerung des friedlichen Nachbarlandes erpresst, stranguliert und ausbluten lässt, dann handeln Sie!

work-Interview: Aleida Guevara in Bern

Aleida Guevara (1960) ist das älteste der vier Kinder von Ernesto Che Guevara (1928–1967) und seiner zweiten Ehefrau Aleida March (1936). Die Kinderärztin praktiziert in Havanna, ist Sprecherin der Familie Guevara und Mitglied der Kommunistischen Partei Kubas, die sie im Ausland immer wieder vertritt. work empfing sie in der kubanischen Botschaft in Bern. Am selben Abend sprach Guevara auf Einladung der Vereinigung Schweiz – Cuba im Club «Stellwerk» vor über 200 Interessierten. Die Presse ignorierte dies bisher geflissentlich.

DAS TREFFEN: work-Redaktor Jonas Komposch mit Alida Guevara in der kubanischen Botschaft in Bern.

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