Und was ist mit der Freilassung von 2010 Gefangenen, die Havanna kurz danach versprach?
Das hat mit Trump nichts zu tun, sondern mit dem Papst, der zu Besuch war. Er bat uns vor Ostern, Gnade walten zu lassen. Wir haben einen Kompromiss gefunden und solche Gefangene entlassen, die hinter Gittern nichts ausgefressen haben. Keine Gnade gab es für Mörder, Vergewaltiger oder Personen, die dem Volk grossen Schaden zugefügt haben.
Kamen auch politische Gefangene frei?
In Kuba gibt es keine politischen Gefangenen.
1255 sind es aktuell laut der Exil-NGO Prisoners Defenders. Amnesty International zählt 7 reine Gewissensgefangene.
Ein politischer Gefangener ist jemand, der für seine Ansichten einsitzt. Ein solches Gesetz kennt Kuba nicht. Sie können der frechste konterrevolutionäre Schädling der Welt sein und werden trotzdem in Ruhe gelassen. Wer aber Volkseigentum beschädigt, Steine schmeisst oder Morde begeht, wird dafür büssen.
Was würde wohl Ihr Vater sagen, wenn er Kuba heute sähe?
Schwer zu sagen. Sicher ist: Wäre er nicht so früh aus dem Leben gerissen worden, stünde es um viele Länder besser. In Argentinien hätten wir keinen Verrückten an der Macht. Auch Bolivien sähe anders aus. Mein Vater stand immer an der Seite des Volkes. Und zwar mit Taten.
Steht das kubanische Volk denn noch auf der Seite der Regierung?
Ja! Das kubanische Volk ist mehrheitlich ein revolutionäres Volk. Die heutigen Generationen haben die Batista-Diktatur zwar nicht mehr selbst erlebt. Aber sie wissen, dass sie von den revolutionären Errungenschaften profitieren: dem kostenlosen Bildungswesen, dem kostenlosen und vorbildlichen Gesundheitswesen, der kulturellen Entwicklung und so weiter. Was es aber gibt, sind Leute, die wegen der wirtschaftlichen Situation die Hoffnung verloren haben.
2021 gab es die grössten Antiregierungsproteste seit Jahrzehnten.
Ach, diese paar Dummköpfe wurden in euren Medien total aufgeblasen. Massenproteste gibt es in Ländern wie Argentinien oder den USA, aber sicher nicht bei uns.
Die damalige Protestlosung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Sie lautete «Patria y vida» (Vaterland und Leben) in Anlehnung an das «Patria o muerte» (Vaterland oder Tod) Ihres Vaters. Eigentlich ein cleverer Slogan, nicht?
Er stammt aus den USA, vom Gewürm, das in Miami hockt. Diese Auslandskubaner werden bezahlt für ihre Aktionen gegen uns. Sie sind also Söldner und damit komplett unglaubwürdig.
Sie glauben also, dass die kubanische Bevölkerung im Fall einer US-Intervention das kommunistische System verteidigen wird?
Das glaube ich nicht, sondern da bin ich mir sicher! Warum? Weil ich es jeden Tag sehe, weil man es auf den Strassen spürt, weil ich als Ärztin in permanentem Kontakt mit dem Volk stehe. Als die Amerikaner beim Angriff auf Venezuela auch 32 kubanische Genossen töteten, gab es hier eine massive, völlig aussergewöhnliche Reaktion. Tausende fluteten die Strassen, um den 32 Helden Respekt zu zollen. So was macht kein Volk von Feiglingen, dies zeugt von Mut und Entschlossenheit.
Jetzt spricht vollends die Regierungspartei aus Ihnen!
Ach, ich spreche wie das Volk. Ich arbeite jeden Tag mit den einfachen Leuten zusammen, ich höre, wie die Jungen in den Strassen reden. Sie wissen, was kommen könnte. Spätestens seit dem US-Überfall auf Venezuela. Und sie bereiten sich vor. Und ich sage Ihnen noch etwas: Ich selbst gehöre zwar schon zum alten Eisen, aber schiessen kann ich noch perfekt!
Erwarten Sie einen Krieg?
Ich hoffe sehr, dass es nicht so weit kommt. Die Greuel des Krieges habe ich als Ärztin in Nicaragua und Angola hautnah miterlebt. Aber bei diesem Irren im Weissen Haus musst du ja mit allem rechnen.
Trump will erklärtermassen noch 2026 einen Regime-Change. Haben Sie Angst?
Ach, mein Lieber! In Kuba haben wir schon lange aufgehört, Angst zu haben. Angst ist das Mittel der Imperialisten, um uns zu erdrücken. Und vergessen Sie nicht: Militärisch sind die USA uns zwar überlegen, sie könnten einen Angriff also wagen. Was sie aber nicht wissen, ist, wie sie aus einem solchen Krieg wieder hinauskommen könnten.
Sprechen wir noch über die Gewerkschaften: In Kuba gibt es nur die staatlich kontrollierte Arbeiterzentrale. Sie schlichtet bei Streitigkeiten am Arbeitsplatz, soll die Produktivität ankurbeln und dient als Transmissionsriemen der Partei. Unabhängige Gewerkschaften hat Ihr Vater als Industrieminister verboten. Auch Streiks sind illegal. Wovor fürchtet sich die Regierung?
Wir sind eine sozialistische Gesellschaft. Die Arbeiter arbeiten bei uns also nicht für irgendeinen Kapitalisten, sondern für ihr Volk, für das grosse Ganze. Praktisch alle Industrien gehören dem Staat, also dem Volk. Deshalb müssen die Arbeiter auch nicht unabhängig organisiert sein, wenn sie alle Teil eines grösseren Prozesses sind. Vor der Revolution waren Gewerkschaften nötig, um die Interessen der Arbeiterklasse zu verteidigen. Jetzt aber, wo die Arbeiterklasse die Regierungsmacht innehat und es keine Kapitalisten mehr gibt, haben Gewerkschaften ihren ursprünglichen Sinn verloren.
Für dieses Gesellschaftsmodell gibt es hier wenig Sympathie. Warum sollten die Schweizer Werktätigen Kuba trotzdem unterstützen?
Wir betteln nirgends um Hilfe. Wir sagen einfach, wer wir sind und wie wir sind. Wenn Ihnen das gerecht erscheint, was jetzt mit Kuba gemacht wird, dann können Sie ja beruhigt sein. Wenn Sie aber finden, es sei ein Verbrechen, wenn eine aggressive Imperialmacht die Bevölkerung des friedlichen Nachbarlandes erpresst, stranguliert und ausbluten lässt, dann handeln Sie!