Rechter Bundesratsmehrheit sind die Arbeitnehmenden egal
Mehr Sonntagsarbeit, weniger Lohn

Die Wissenschaft warnt davor, das Volk lehnt sie regelmässig ab, die Leute im Verkauf leiden. Das alles kümmert die SVP/FDP-Mehrheit im Bundesrat nicht. Sie will die bewilligungsfreien Sonntagsverkäufe verdreifachen. Und die Zuschläge streichen.

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SCHLAG EIN, KARIN: Albert Rösti (SVP) und Karin Keller-Sutter (FDP) haben mit ihren bürgerlichen Kollegen im Bundesrat mal wieder gegen das Volk gestimmt. (Foto: Keystone)

In rund drei Vierteln der Volksabstimmungen der letzten Jahrzehnte sagte das Volk Nein zu längeren Ladenöffnungszeiten im allgemeinen und zu zusätzlichen Sonntagsverkäufen im besonderen. Viele Kantone nutzen nicht einmal das bestehende Kontingent von Sonntagsverkäufen aus. Weil die Verkaufsgeschäfte kein Interesse daran haben. Denn auch Gewerblerinnen und Gewerbler, die rechnen können, wissen: Das lohnt sich nicht, weil das Bedürfnis nicht da ist. Erst kürzlich ist ein von Wirtschaftsverbandsideologen erzwungener «Pilotversuch» in der Stadt Bern krachend gescheitert und wurde kleinlaut eingestellt. Doch all das interessiert die Turbo-Lädeler nicht.

12 statt 4 Sonntage…

Doch längere Ladenöffnungszeiten sind ein Fetisch der Marktradikalen. Sie sehen in ihnen nicht zu Unrecht das Einfallstor für eine generelle Schwächung der Arbeitnehmendenrechte. Darum lancieren sie allen Niederlagen zum Trotz Vorstoss und Vorstoss. Aktuell geht es um eine Standesinitiative des Kantons Zürich. Die rechten Mehrheiten in National- und Ständerat haben ihr grundsätzlich zugestimmt. Jetzt geht es um die Umsetzung. Und für diese macht sich jetzt auch der Bundesrat stark. Dort haben SVP und FDP die absolute Mehrheit, obwohl dies nicht dem Willen der Wählenden entspricht.

…und Zuschläge weg

Der Sonntag soll quasi zum regulären Arbeitstag werden. Und für solche gibt es keine Zuschläge. Heute gilt ein Zuschlag von 50 Prozent, solange Sonntagsarbeit ausserordentlich bleibt und maximal vier Sonntage geleistet werden. Wer künftig mehr als sechs Sonntage arbeitet, soll den Anspruch auf diesen Zuschlag für alle geleisteten Sonntage verlieren. Verkäuferinnen und Verkäufer müssten künftig an mehr Sonntagen arbeiten und würden gleichzeitig die Zuschläge verlieren. Kurz: schlechtere Arbeitsbedingungen und erst noch weniger Lohn. Und von den verdreifachten Sonntagsverkäufen wären nicht «nur» arbeitende Menschen im Detailhandel betroffen, sondern auch solche in Branchen wie etwa der Reinigung, der Logistik und der Sicherheit.

Pfeifen auf die Gesundheit

Den Arbeitgebern und ihren Parteien geht es um mehr als «nur» Sonntagsshopping: Schritt für Schritt soll schleichend die Sonntagsarbeit in allen Branchen und Berufen eingeführt werden. Der Kampf der Gewerkschaften ist keiner von «Ewiggestrigen aus dem vorherigen Jahrhundert», wie marktradikale Ideologen und Politikerinnen behaupten. Es ist ein Kampf für die Gesundheit der Arbeitnehmenden und das soziale Leben der Lohnabhängigen. Denn alle Studien zeigen:

Regelmässige Sonntagsarbeit führt zu Stress, Schlafstörungen und begünstigt Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Magen-Darm–Probleme. Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner warnen vor Burnout, Muskel-Skelett-Erkrankungen und langfristiger Erwerbsunfähigkeit.

Zudem: Das soziale Leben und das Familienleben leiden massiv darunter, wenn der Sonntag als einziger garantiert gemeinsamer Feiertag wegfällt.

Breites Bündnis

Gegen diesen neuen Angriff auf die Arbeitsbedingungen und die Gesundheit von Zehntausenden Lohnabhängigen wehren sich die Gewerkschaften entschieden. Und sie kämpfen nicht alleine. Sondern in einem breiten Bündnis mit Parteien, Kirchen und NGO. Sollten die beiden Parlamentskammern nicht zur Vernunft kommen, ist das Referendum so sicher wie das Amen in der Kirche.

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