Am Fukushima-Jahrestag: 26 zu 12 für «Team verstrahlt»
Ständerat will neue AKW. Warum eigentlich?

Auf den Tag genau 15 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima will die Mehrheit des Ständerates neue Schweizer AKW. Das ist ein ökonomisch wie ökologisch unsinniger Entscheid. Und trotzdem mehr als ideologische Symbolpolitik.

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GESTERN VOR DEM BUNDESHAUS: Parlamentarierinnen der Grünen und der SP posieren mit Unterstützern bei der Übergabe eines Protestbriefes mit über 21'000 Unterschriften an die Parlamentsdienste gegen die Aufhebung des AKW-Neubauverbots. (Foto: Keystone)

Kein Stromkonzern will ein AKW bauen. Kein Versicherungskonzern will die Folgen einer Atomkatastrophe richtig abdecken. Kein Grosskapitalgeber will das finanzieren. Die in den vergangenen Jahren weltweit in Betrieb genommenen AKW entsprechen einem Jahrzehnte alten technologischen Konzept. Die ebenfalls seit Jahren angeblich kurz bevorstehenden «neuen Generationen» sind und bleiben trotz Milliardensubventionen Phantasie. Eine Lösung, wie die während Hunderttausenden von Jahren lebensgefährlich strahlenden Atomabfälle «endgelagert» werden können, steht ebenfalls seit Jahrzehnten «kurz bevor». Und das Schweizer Volk hat im Jahr 2017 deutlich Ja gesagt zum schrittweisen Atomausstieg. Unter sämtlichen vernünftigen technologischen, ökologischen und ökonomischen Bedingungen ist die Atom-Messe also gelesen. Oder wäre es zumindest.

Am 11. März 2011 löste ein Seebeben der Stärke 9,0 vor der japanischen Küste einen Tsunami aus, dessen bis zu 14 Meter hohe Wellen das AKW Fukushima Daiichi trafen. Die Flutwelle legte die Kühlsysteme lahm. In drei von sechs Reaktorblöcken kam es zur Kernschmelze, Wasserstoffexplosionen zerstörten die Gebäude. Grosse Mengen Radioaktivität wurden freigesetzt. Zwar «nur» rund ein Fünftel von Tschernobyl, aber in einem der dichtestbesiedelten und industrialisiertesten Länder der Welt. Rund 150'000 Menschen mussten evakuiert werden. Viele sind bis heute nicht zurückgekehrt. Auf der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse wurde Fukushima in die höchste Stufe 7 eingestuft – wie zuvor nur Tschernobyl 1986.

11. MÄRZ 2011: Eine Flutwelle traf die Ostküste Japans und löste riesige Zerstörung aus. (Foto: Keystone)

Die Folgen der Katastrophe prägen die Region bis heute. Die Aufräumarbeiten in Fukushima werden noch Jahrzehnte dauern. Im Oktober 2024 wurde erstmals ein Kernschmelzfragment geborgen. Nach 13 Jahren eine reiskorngrosse Probe. Die zweite Bergung startete im April 2025 unter Einsatz eines ferngesteuerten Teleskop-Arms. Für Block 3 schätzt die Betreiberfirma Tepco eine Planungszeit von 12 bis 15 Jahren, bevor überhaupt mit der Entfernung des geschmolzenen Kernmaterials begonnen werden kann. Das verseuchte Kühlwasser wird seit 2023 in den Pazifik eingeleitet. Fischerinnen und Anwohner protestieren. Wohin die Millionen Tonnen verseuchter Erde kommen sollen, ist weiter ungelöst. Bis 2045 muss die Erde per Gesetz aus dem Zwischenlager entfernt und endgelagert werden. Doch ein Standort dafür ist bis heute noch nicht einmal in Sicht.

Denn ein Initiativkomitee von Jung- bis Ganzalt-FDPlern, einem Halb-Milliardär, ergänzt mit ein bisschen SVP und dekoriert mit Mitte-Vertretern und einem Tessiner Legisten, hat die sogenannte «Blackout»-Initiative lanciert. Sogar ein SP-Mitglied ist dabei: Eduard Kiener, der von 1977 bis 2001 als glühender Atomanhänger als Direktor des Bundesamtes für Energie wirken konnte. Und das nach Kräften auch tat. Bis heute redet er die neuen, erneuerbaren Energien schlecht. Wie er es schon vor einem halben Jahrhundert tat. Heute noch kontrafaktischer als damals.

Die Produktion von Solar- und Windenergie hat sich seit den späten 1970er-Jahren grundlegend verändert. Technologische Fortschritte, industrielle Massenfertigung und sinkende Kosten führten besonders bei Photovoltaik und Windkraft zu starkem Wachstum.

Solarenergie: 1977 spielte Solarstrom praktisch keine Rolle; die weltweite Produktion lag bei weniger als 0,01 Terawattstunden. Seit den 1990er Jahren setzte jedoch ein exponentielles Wachstum ein. Bis 2020 waren weltweit Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 760 Gigawatt installiert. Dieses Jahr dürfte Solarenergie rund 3000 Terawattstunden erreichen und damit 8 bis 10 Prozent des globalen Strombedarfs decken.

Parallel dazu stieg die Effizienz der Module deutlich: Die Wirkungsgrade verbesserten sich von unter 10 Prozent in den 1970er Jahren auf über 22 Prozent heute. Zugleich sanken die Kosten für grosse Solaranlagen massiv – von schätzungsweise über 10'000 Dollar pro Kilowatt Leistung (Kilowatt-Peak) um 1990 auf rund 600 Dollar pro Kilowatt im Jahr 2025. Allein seit 2010 betrug der Rückgang 87 Prozent. Ursache für diesen Preisverfall sind Skaleneffekte und Lernkurven in der Produktion; gemäss dem sogenannten Swanson-Gesetz fallen die Kosten pro Verdopplung der kumulierten Produktionsmenge um etwa 20 Prozent. Die genannten Kostenzahlen stammen von der International Renewable Energy Agency (Irena), einer zwischenstaatlichen Organisation mit über 160 Mitgliedstaaten, die als eine der massgeblichen globalen Quellen für Kosten- und Kapazitätsdaten im Bereich erneuerbarer Energien gilt.

In der Schweiz hat die Solarstromproduktion in den letzten Jahren stark zugelegt: 2024 betrug sie gemäss der offiziellen BFE-Statistik 5961 Gigawattstunden und deckte damit rund 10,4 Prozent des Stromverbrauchs. 2025 erreichte die Jahresproduktion über 8 Terawattstunden, was rund 14 Prozent des Strombedarfs entsprach. Im laufenden Jahr 2026 dürfte die Produktion dank weiterem Kapazitätsausbau gegen 9 Terawattstunden erreichen, was rund 1000 Kilowattstunden pro Kopf entspricht. Seit 2010 wächst der Sektor kontinuierlich; allein zwischen 2022 und 2025 hat sich die jährliche Solarstromproduktion mehr als verdoppelt.

Windenergie: Die kommerzielle Nutzung der Windkraft begann um 1980. 1985 lag die weltweite Stromproduktion noch unter einer Terawattstunde. Seither entwickelte sich auch dieser Sektor dynamisch: 2020 waren weltweit Windkraftanlagen mit einer Leistung von 733 Gigawatt installiert, Mitte 2025 lag die Kapazität bereits bei 1245 Gigawatt. Die jährliche Stromproduktion betrug 2024 rund 2500 Terawattstunden und dürfte im laufenden Jahr gegen 2900 Terawattstunden erreichen, was einem Anteil von 8 bis 10 Prozent am Weltstrom entspricht.

Die Leistungsfähigkeit einzelner Anlagen nahm stark zu. Während Turbinen in den 1970er-Jahren lediglich 50 bis 100 Kilowatt erzeugten, erreichen moderne Onshore-Anlagen heute 3 bis 7 Megawatt. Offshore-Turbinen sind mit 12 bis 18 Megawatt noch leistungsstärker; ihre Rotordurchmesser überschreiten häufig 200 Meter.

Gleichzeitig sank der Stromproduktionspreis deutlich. Die sogenannten «Levelized Cost of Electricity» liegen heute bei Onshore-Wind zwischen 30 und 60 Dollar pro Megawattstunde (umgerechnet 27 bis 54 Franken) und sind damit seit rund einem Jahrzehnt konkurrenzfähig mit fossilen Energieträgern.

In der Schweiz bleibt die Windenergie wegen topographischer und raumplanerischer Einschränkungen von geringer Bedeutung: 2024 wurden lediglich 0,17 Terawattstunden produziert, entsprechend 19 Kilowattstunden pro Kopf. 

Rösti-Truppe

Als organisatorische Initiativen-Trägerschaft fungiert der Energieclub Schweiz. Der 2018 gegründete Club hat nach eigenen Angaben über 450 Mitglieder. Bei der Gründung und bis zu seiner Wahl in den Bundesrat dabei war Albert Rösti (SVP). Und das nicht einfach so. Denn Rösti war vor seiner Regierungszeit ein bezahlter Atom-Lobbyist. Er präsidierte auch die AVES (Aktion für vernünftige Energiepolitik), einen anderen von der Atomlobby gesponserten AKW-Fanclub. Die AVES löste sich im November 2018 nach dem Ausstiegsentscheid des Volks als nationaler Verband auf. Acht der AVES-Regionalgruppen machten ohne nationalen Verband weiter, eine Handvoll löste sich auf, andere machten nahtlos als Kantonalsektion des Energieclubs weiter. Viel ganz alter Atom-Wein in einem neuen Schlauch also.

EX-ATOM-LOBBYIST: Bundesrat Albert Rösti (SVP) propagiert im Ständerat am 11. März 2026 den Bau neuer AKW. (Foto: Keystone)

Atom-U-Boot im Bundesrat

Ende August 2022 lancierte der Energieclub seine Initiative. Und im Dezember des gleichen Jahres wurde Atomlobbyist Albert Rösti in den Bundesrat gewählt. Während die Unterschriftensammlung harzte und die Initiative nur mit extrem viel Geld (bis 8 Franken pro Unterschrift) dank professionellen Unterschriftensammlern über die Zielline gebracht wurde, kam Atom-U-Boot Albert Rösti im Bundesrat besser voran. Als Vorsteher des Eidgenössisches Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) liess er umgehend eine Gesetzesrevision entwerfen, die der Initiative entspricht. Sein Trick war diesmal nicht eine Verordnung, um ein Gesetz auszuhebeln (wie er es etwa beim Tierschutz gemacht hatte), sondern mit einem Gesetz eine Initiative umzusetzen, über die nicht abgestimmt wurde und die nur mit Mühe zustande gekommen war.

Ein «Gegenvorschlag», der keiner ist

Üblicherweise greifen Regierung und Parlamentsmehrheit zu einem direkten oder indirekten Gegenvorschlag, um einer beliebten und tendenziell erfolgversprechenden Volksinitiative den Wind aus den Segeln zu nehmen. Gegenvorschläge kommen den Initianten mehr oder weniger entgegen in der Hoffnung, diese zu einem Rückzug ihrer Initiative zu bewegen. Oder um eine Volksinitiative in der Abstimmung zu bekämpfen. So geschah es etwa am 8. März mit der Bargeldinitiative.

Doch Rösti machte etwas anderes: Er schrieb die Initiativforderung quasi 1:1 in eine Gesetzesrevision und erfüllte die Forderung der Initiative vor der Volksabstimmung um. Der Vorteil für die Atomlobby: Das geht schneller, als eine Initiative zur Abstimmung zu bringen. Und damit das Volk darüber entscheiden kann, müssen die Gegnerinnen und Gegner zuerst Unterschriften für ein Referendum sammeln. Das bindet Ressourcen.

Warum das alles?

Strom aus AKW ist teuer, seine Produktion potentiell lebensgefährlich, den Rohstoff gibt’s nur aus dem Ausland, technologisch geht seit Jahrzehnten quasi nichts mehr vorwärts. Und kein privater Investor würde in ein neues AKW investieren ohne massive Subventionen. Warum also diese Hartnäckigkeit?

Natürlich geht es um Geld. Um viel Geld. Das traditionelle Geschäftsmodell der Schweizer Energiekonzerne basiert auf Grosskraftwerken. Mit Gestehungskosten zwischen vier und sechs Rappen pro Kilowattstunde aus den laufenden alten und uralten Schweizer Atomreaktoren winken enorme Profite. Eine dezentrale Energiewende bedroht dieses zentralisierte Geschäftsmodell fundamental. Der zentrale Punkt: Wenn staatliche Mittel etwa aus dem Netzzuschlagsfonds für einen – wenn auch illusorischen – AKW-Neubau umgeleitet werden, stehen sie nicht mehr für die Förderung der kostengünstigen erneuerbaren Energien zur Verfügung. Jeder Franken, der in Richtung Atomkraft fliesst, fehlt den Erneuerbaren.

Die wirtschaftlichen Interessen bestehen also aktuell weniger in einem konkreten Neubauprojekt (das traut sich derzeit finanziell niemand zu), sondern darin, bestehende Machtstrukturen der grossen Energiekonzerne zu schützen und die längst laufende Transformation in Richtung dezentralisierter nachhaltiger Stromproduktion zu bremsen. Denn für die Risiken der AKW haftet am Ende der Staat. Die Profite bleiben den Firmen. Da fallen die Lobbyausgaben für rechte Parteien, Atomfanclubs und Wirtschaftsverbände nicht wirklich ins Gewicht.

Die Atomfans schimpfen gerne über «Subventionen» für Solarenergie oder Gebäudesanierungen. Wovon sie schweigen: Das Atomgeschäft funktioniert nur, weil der Staat im Katastrophenfall einspringt. Denn das Risiko ihrer potentiell lebensgefährlichen Technologie tragen nicht Axpo & Co., sondern wir. Ein Bundesratsbericht beziffert die möglichen Schäden eines schweren Atomunfalls in der Schweiz auf 80 bis 8000 Milliarden Franken. Eine Spannweite, die vor allem eines zeigt: Niemand kann seriös abschätzen, wie teuer ein Super-GAU tatsächlich würde. Sicher ist nur die Dimension: verheerend.

Zum Vergleich: Die Atomkatastrophe von Fukushima kostete Japan laut Regierungsschätzungen bis heute bereits rund 190 Milliarden Dollar. Und die Rechnung ist noch längst nicht saldiert. In der dichtbesiedelten Schweiz, wo zwischen AKW und Städten oft nur wenige Kilometer liegen, dürften die Folgen noch gravierender ausfallen.

Nur Bruchteil versichert

Die Betreiber müssen eine Haftpflichtdeckung von 1,2 Milliarden Euro vorweisen. Weitere 300 Millionen Euro kommen aus internationalen Abkommen hinzu. Zusammen sind das gerade mal rund 1,5 Milliarden Euro. Die Haftungssummen sind tatsächlich in Euro ausgewiesen, denn die Schweiz ist Vertragsstaat des Pariser Atomhaftungsübereinkommens und des Brüsseler Zusatzübereinkommens. Diese Abkommen harmonisieren die Haftpflichtregeln zwischen den Vertragsstaaten und definieren die Haftungssummen einheitlich in Euro. Übrigens: Seit die Schweiz die Abkommen 2009 ratifiziert hat, ist der Euro-Franken-Kurs von rund 1.50 Franken pro Euro auf aktuell rund 90 Rappen gesunken.

Unbeschränkt beschränkt

Zwar haften die Betreiber rechtlich unbegrenzt. Praktisch nützt das wenig, wenn die Mittel fehlen. Der Energiekonzern Axpo verfügt über rund 13 Milliarden Franken Eigenkapital, Alpiq über gut 4 Milliarden. Selbst zusammen reicht das nicht annähernd, um für die Kosten eines schweren Unfalls aufzukommen. Unbeschränkte Haftung heisst eben nicht unbeschränkte Zahlungsfähigkeit. Das Bundesamt für Energie hält dazu lapidar fest: Risiken, die privat nicht versicherbar sind, trägt der Bund. Reichen die Mittel der Betreiber nicht aus, kann die Politik zusätzliche Entschädigungen beschliessen. Im Klartext: Wenn es richtig teuer wird, kommen wir alle an die Kasse.

Diese staatliche Absicherung ist eine gigantische Gratisgarantie. Atomstrom auch aus bestehenden Werken wäre massiv teurer, müssten ihre Risiken vollständig privat versichert werden. Doch genau das ist sowieso nicht möglich: denn Nuklearrisiken gelten in der Branche als praktisch nicht versicherbar.

Referendum sicher

Gestern zeigte sich im Ständerat einmal mehr klar, dass sich zwar Investitionen in neue AKW nicht lohnen, in verstrahlte Politikerinnen und Politiker aber durchaus. Der Ständerat stimmte denn wenig überraschend dem sogenannten Gegenvorschlag auch zu mit 26 zu 12 Stimmen. Erstaunlich war am ehesten, wie offen die Atomvertreter und auch Bundesrat Albert Rösti neuen AKW und vor allem der Subventionierung solcher Meiler offen das Wort redeten. Das angebliche Ziel der «vernünftigen Technologie-Offenheit, gegen die doch niemand etwas haben kann» ist und war nicht mehr als eine Auffahrtrampe um den Volksentscheid gegen neue AKW zu kippen. Darum lehnte die Ständeratsmehrheit selbst bürgerliche Abänderungsanträge ab, die Subventionen zumindest begrenzen wollten oder festschreiben, dass tatsächlich nur die seit Jahrzehnten versprochenen «sauberen Nuklearanlagen der neuen Generation» zum Zuge kommen. 

Wie geht es weiter? Es ist zu erwarten, dass der Nationalrat dem Ständerat folgen wird. Auch dort haben die Atomparteien SVP und FDP fast eine Mehrheit, und mindestens ein Teil der Mitte wird sich auch verabschieden wollen vom Erbe ihrer ehemaligen Bundesrätin Doris Leuthard. Grüne, SP und Umweltverbände haben das Referendum bereits angekündigt.


Flatter-AKW GösgenSicherheitslücke Jahrzehnte ignoriert

Seit zehn Monaten steht das AKW Gösgen still. Wegen eines Defekts, der seit Jahrzehnten bekannt ist, aber der breiten Öffentlichkeit verschwiegen wurde. Das kommt teuer zu stehen für die Steuerzahlenden. Und das ist peinlich für die AKW-Fans.

WAS WIRD NOCH VERSTECKT? Greenpeace-Aktion beim AKW Gösgen. (Foto: Keystone)

Im Mai 2025 wird das Kraftwerk für die planmässige Revision heruntergefahren. Zurück am Netz ist es bis jetzt nicht. Die Nuklearsicherheitsbehörde ENSI entdeckt eine Schwachstelle im Speisewassersystem: defekte Rückschlagklappen, die bei einem Störfall Druckstösse auslösen, Rohrleitungen überlasten und die Kühlung lahmlegen könnten. Die Folge im schlimmsten Fall: Kernschmelze. Wie in Fukushima.

Der Mangel besteht seit Inbetriebnahme 1979. Im AKW Beznau wurde dasselbe Problem bereits in den 1990er Jahren behoben. In Gösgen nicht. Die Atomaufsicht ENSI erwähnte zwar die Schwachstelle in Berichten wiederholt, verlangte aber keine Behebung, sondern genehmigte 2003 eine Ausweichlösung – und schaute danach offenbar 22 Jahre weg. Noch im Jahr 2024 wiederholte das ENSI sein Mantra, alle Schweizer AKW seien sicher.

Teure Sache

Der längste Stillstand in der Geschichte des Kraftwerks kommt teuer. Alpiq beziffert den Ertragsausfall – also den entgangenen finanziellen Nettoertrag – auf 149 Millionen Franken. Insgesamt kostet der Produktionsausfall – gemeint ist der Marktwert der nicht produzierten elektrischen Energie – die Eigentümerinnen (Axpo, Alpiq, CKW und die städtischen Elektrizitätswerke Zürich und Bern) rund eine halbe Milliarde Franken.

Auch den Standortkanton Solothurn trifft es direkt: bis zu 7 Millionen Franken weniger Steuereinnahmen, dazu rund 3 Millionen Franken an entgangenen Wassergebühren, weil da nichts mehr zu kühlen war. Das sagte der Regierungsrat auf Parlamentsanfragen. Sonst wisse er nichts und sowieso seien da andere zuständig.

Peinliche Sache

Fast 6 Terawattstunden Strom fielen mit dem AKW Gösgen aus. Auch in den Wintermonaten. Wurde es dunkel im Land? Nein. Der massive Ausbau der Solarenergie in den letzten Jahren hat den Ausfall kompensiert. Die Schweiz importiert im Winter 2025/26 nicht mehr Strom als vier Jahre zuvor. Eindrücklicher kann die Mär von der «sicheren, sauberen, zuverlässigen Bandenergie» aus AKW nicht widerlegt werden.

Roter Faden

Ende Januar 2026 projizieren Greenpeace-Aktivistinnen und -Aktivisten einen Totenkopf und die Worte «Sicher? Nicht!» auf den Kühlturm. In diesem Monat legten sie einen 42 Kilometer langen roten Faden in einem 5-Kilometer-Umkreis um das AKW, darin ganz oder teilweise auch die Städte Olten und Aarau. Eine stumme Mahnung, wie viel dicht besiedeltes Gebiet bei einem Unfall verloren ginge.

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