Chrampfen muss endlich besser bezahlt werden
So krass leiden die Kaufkraft und die Gesundheit der Arbeitenden

Die Lohnabhängigen in der Schweiz bekommen immer weniger vom erarbeiteten Wohlstand. Und sie sind immer öfter krank, weil die Arbeitsbedingungen schlechter werden. Die Gewerkschaften wollen das ändern. 

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HARTE ARBEIT, TIEFER LOHN: Büezerinnen wie diese Frau an der Kasse müssen endlich substantielle Lohnerhöhungen erhalten.  (Foto: Keystone)

An seiner Medienkonferenz zum Jahresbeginn legte der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) zwei Entwicklungen offen, die gerne getrennt diskutiert werden, in der Lebensrealität der Lohnabhängigen aber untrennbar zusammengehören: die schwindende Kaufkraft und die zunehmende gesundheitliche Abnutzung durch schlechte Arbeitsbedingungen.

Kaufkraft-Krise

In den USA ist inzwischen selbst im politischen Establishment von einer «Affordability Crisis» die Rede – mit einer prominenten Ausnahme: Präsident Donald Trump und sein Umfeld bestreiten sie weiterhin. In der Schweiz wird das Kaufkraftproblem weniger laut bestritten, aber ebenso konsequent verdrängt. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Konsumentenstimmung ist seit Jahren gedrückt, obwohl es der Wirtschaft in vielen Branchen gut läuft.

«Die Konsumentenstimmung in der Schweiz ist tief», sagt SGB-Chefökonom Daniel Lampart. Der Widerspruch erklärt sich bei den Löhnen. Real, also nach Abzug der Teuerung, liegen die mittleren Löhne heute nur knapp über dem Niveau von 2020. Dabei hätten sie deutlich stärker steigen müssen. Würden sie mit der Produktivität Schritt halten, wären reale Zuwächse von rund einem Prozent pro Jahr nötig gewesen. Tatsächlich lag das reale Lohnwachstum zuletzt bei unter 0,1 Prozent. Seit 2020 hat sich so ein Reallohnrückstand von rund fünf Prozent aufgebaut.

6000 Franken weniger pro Jahr

Was das konkret bedeutet, lässt sich beziffern. Lampart führt aus:

Für ein Paar mit mittlerem Einkommen bedeutet das rund 6000 Franken weniger pro Jahr. Dieses Geld fehlt.

Vor allem bei Fixkosten. Für ein Paar mit zwei Kindern sind die mittleren Krankenkassenprämien innert weniger Jahre um über 2700 Franken gestiegen. Gleichzeitig haben sich die Wohnkosten stark erhöht. Menschen mit tiefen Einkommen können sich zentrale Lagen kaum mehr leisten, in Städten trifft das längst auch die Mittelschicht.

Firmen können feiern

Während unten und in der Mitte Kaufkraft verloren geht, profitieren andere. «Die Lohnschere ging wieder auf», konstatiert Lampart. Trotz guter Geschäftslage traten viele Arbeitgeber in den Lohnverhandlungen ungewöhnlich hart auf, selbst der Teuerungsausgleich wurde vielerorts in Frage gestellt. Gleichzeitig wurden Unternehmen in den letzten Jahren spürbar entlastet: Die Gewinnsteuersätze sanken von rund 17 auf etwa 13 Prozent, die Arbeitgeberbeiträge an Sozialversicherungen gingen zurück. Und nun planen oder beschliessen mehrere Kantone zusätzliche Einkommenssteuersenkungen. «Diese Steuersenkungen sind angesichts der tiefen Steuerbelastung in der Schweiz völlig unnötig», sagt Lampart.

Die volkswirtschaftlichen Folgen dieser Politik sind messbar. Der reale Pro-Kopf-Konsum wächst seit 2015 nur noch halb so stark wie früher. Rechnet man die Gesundheitsausgaben heraus, liegt er heute sogar unter dem Niveau von vor zehn Jahren. Das ist brisant, weil der private Konsum rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung ausmacht. Bleibt er schwach, bremst das die gesamte Konjunktur. Daniel Lampart bringt es nüchtern auf den Punkt:

Eine unsoziale Lohn- und Verteilungspolitik wirkt sich letztlich wirtschaftlich negativ aus.

Ein Schub muss kommen

Der SGB fordert deshalb substantielle Lohnerhöhungen, insbesondere für untere und mittlere Einkommen. Ein zentraler Richtwert: Wer eine Lehre abgeschlossen hat, muss mindestens 5000 Franken pro Monat verdienen. Heute liegen rund ein Drittel der Berufstätigen mit Lehrabschluss darunter. Zudem fordert der SGB mehr kantonale Mittel für Prämienverbilligungen und sozialen Wohnungsbau statt Steuersenkungen, die vor allem hohen Einkommen und Vermögen zugute kommen.

Gesundheits-Krise

Nicht besser sieht es beim Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz aus. Die krankheitsbedingten Absenzen liegen heute rund 80 Millionen Arbeitsstunden über dem Niveau von vor der Pandemie – ein Plus von gut einem Drittel. Besonders stark zugenommen haben die Langzeitabsenzen. Co-Sekretariatsleiterin Gabriela Medici sagt:

Die steigenden Absenzen sind nur die Spitze des Eisbergs. Je länger eine Arbeitsunfähigkeit dauert, desto höher ist das Risiko von Kündigungen, Invalidisierungen und bleibenden gesundheitlichen Schäden.

Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, invalid zu werden, erstmals seit rund 20 Jahren wieder gestiegen – um etwa zehn Prozent seit 2020. Besonders deutlich ist der Anstieg bei unter 40jährigen. Die Belastung ist ungleich verteilt: Arbeitnehmende im Verkauf, in Dienstleistungsberufen, im Transport, Bau sowie im Gesundheits- und Sozialwesen sind deutlich häufiger krank als Personen in akademischen Berufen oder Führungspositionen. Rückenschmerzen und psychische Erkrankungen sind die häufigsten Ursachen.

Krank chrampfen

Hinzu kommt ein oft unterschätztes Phänomen: Viele arbeiten trotz Krankheit weiter. Homeoffice und Smartphones haben diese Entwicklung verstärkt – E-Mails und Teams-Nachrichten lassen sich auch krank im Bett beantworten. Die Produktionsverluste durch diesen sogenannten Präsentismus werden auf rund 34 Milliarden Franken geschätzt – fast doppelt so viel wie die Kosten der Absenzen selbst. Für die Betroffenen kommen Lohneinbussen hinzu: Der Lohnersatz beträgt meist nur 80 Prozent, vielerorts gibt es zusätzliche Karenztage. Auffällig ist auch, dass sich die Zahl der Frauen, die aus gesundheitlichen Gründen den Job verlassen, in den letzten fünf Jahren verdoppelt hat.

Medici macht die Arbeitsbedingungen als zentrale Ursache aus. Zeitdruck, Personalmangel, unregelmässige Arbeitszeiten und ständige Erreichbarkeit seien für viele zur Normalität geworden. Rund die Hälfte der Schweizer Unternehmen geben selbst an, dass Zeitdruck ein psychosoziales Risiko darstelle – mehr als im EU-Durchschnitt. Knapp 30 Prozent nennen lange oder unregelmässige Arbeitszeiten als Gesundheitsrisiko.

Kontrollen statt Kürsli

Bereits 2021 berichteten über ein Drittel der Arbeitnehmenden, dass sie in der Freizeit arbeiten müssten, um die Anforderungen zu erfüllen.

Statt an den Ursachen anzusetzen, setzten viele Arbeitgeber auf Individualmassnahmen. Stresskurse und Resilienztrainings ersetzten keine ausreichende Personalplanung, keine verlässlichen Arbeitszeiten und keinen funktionierenden Gesundheitsschutz.

Besonders gravierend ist der fehlende Vollzug des Arbeitsrechts. Pro Jahr werden schweizweit nur rund 40 Unternehmen wegen Arbeitszeitverstössen gebüsst, im Bereich Gesundheitsschutz noch weniger. Gemessen an der Zahl der Betriebe werden Arbeitgeber von den Kantonen durchschnittlich nur alle 20 Jahre kontrolliert. Gleichzeitig wurden die Bewilligungen für Nacht- und Sonntagsarbeit in den letzten Jahren massiv ausgeweitet, während Schutzbestimmungen durch zahlreiche Verordnungsänderungen schrittweise gelockert wurden.

Vollziehen statt verstecken

Der SGB fordert deshalb eine Vollzugsoffensive: mehr Arbeitsinspektorinnen und -inspektoren und Kontrollen mindestens alle zwei Jahre. Weitere Lockerungen des Arbeitnehmendenschutzes werden die Gewerkschaften entschieden bekämpfen. Medici zieht eine klare rote Linie: «Eine Ausweitung der Sonntagsarbeit und eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten kommen nicht in Frage.»


SGB-Chef Maillard:«Wir können kämpfen»

SGB-Präsident und SP-Ständerat Pierre-Yves Maillard macht eine klare Ansage an die Arbeitgeberschaft und ihre verbündeten Politikerinnen und Politiker.

BEREIT ZUR GEGENWEHR: SGB-Präsident Pierre-Yves Maillard. (Foto: Keystone)

work: Pierre-Yves Maillard, Sie sprechen von einem verschärften Klassenkampf von oben in der Schweiz. Ist das nicht etwas übertrieben?
Pierre-Yves Maillard: Alles deutet darauf hin, dass die dominierenden wirtschaftlichen Kreise in unserem Land den Klassenkampf neu entfachen. Die Fakten zeigen eine Entwicklung, wie wir sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kaum mehr gesehen haben.

Die Arbeitgeberschaft argumentiert, in unsicheren Zeiten müssten halt alle den Gürtel enger schnallen.
Von einer Opfersymmetrie kann keine Rede sein. Erstens, weil es keine Opfer zu bringen gab – die Schweizer Wirtschaft ist weiter gewachsen. Und zweitens, weil die hohen Einkommen und die Reichsten einen immer grösseren Teil des nationalen Reichtums an sich gezogen haben. Die Verluste treffen vor allem die Menschen mit tiefen und mittleren Einkommen.

Die Sozialpartnerschaft gehört doch schon fast zur DNA der Schweiz.
Heute stellt sich eine Frage mit neuer Dringlichkeit: Müssen wir feststellen, dass der Wille zur Sozialpartnerschaft seitens des Schweizer Arbeitgeberlagers und seiner politischen Verbündeten zu Ende geht? 

Die Zeichen stehen also auf Konfrontation?
Diese Entwicklungen sind nicht das, was wir uns wünschen. Wir bevorzugen Verhandlungen und Konsens. Doch wir haben gezeigt, dass wir Referenden und Initiativen lancieren und gewinnen können. Wir sind bereit, diese Instrumente der direkten Demokratie überall dort einzusetzen, wo die Interessen der arbeitenden Bevölkerung und des Service public bedroht sind. Unsere Verbände haben zudem bewiesen, dass sie Kämpfe führen können – einschliesslich Streiks.

Woran werden wir Ende Jahr erkennen, ob die Arbeitgeberverbände an einer wirklichen Sozialpartnerschaft noch interessiert sind?
Über die wohlfeilen Worte hinaus wird das Jahr 2026 auf diese Frage eine konkrete Antwort geben – je nachdem, wie das Abkommen des Bundesrates mit der EU im Parlament behandelt wird und wie mit den verschiedenen laufenden politischen Angriffen auf die ohnehin schwachen Schutzbestimmungen unseres Arbeitsgesetzes umgegangen wird. 

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