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Anne-Sophie Zbinden, Chefredaktorin

Das Jahr scheint schon alt, arg lädiert, bevor es überhaupt so richtig begonnen hat: Die Brandkatastrophe von Crans-Montana (und plötzlich war die Medienwelt voller selbsternannter Brandspezialisten) oder die Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro durch die USA (und plötzlich schossen ältere Herren als Lateinamerika-Experten wie Pilze aus dem Boden). Das US-Regime, das seine vor langer Zeit angekündigten Pläne mit akribischem Wahn umsetzt. Dazu ein Europa, das fassungslos zuschaut. Wenn es denn nicht gar applaudiert.

Spiegelkabinett

Denn das Verrückte ist ja: das US-Regime handelt auch nach europäischem Vorbild und ist selbst wiederum Vorbild für Europa. Ein globales Spiegelkabinett, vereint gegen Migrantinnen und Büezer, gegen Grundrechte und soziale Gerechtigkeit. Was diese Kräfte auch eint: ihre brillante Beherrschung der Medien. Die rechtsextreme AfD hat Tik Tok schon bespielt, als andere noch dachten, die chinesische Social-Media-Plattform sei eine Uhr. Die grossen US-Medienhäuser berichten (zunehmend) trumpkonform, wenn nicht, werden sie mit Millionenklagen eingedeckt. Und jetzt also auch noch die FPÖ in Österreich unter ihrem rechtsextremen Parteichef Herbert Kickl.

Austria First

Nebst ihren sehr erfolgreichen Social-Media-Kanälen hat die FPÖ jetzt ein eigenes Radio lanciert. Erfreulich daran: das Radio lebt. Alles andere ist gelinde gesagt unschön. Der Name spiegelt über den Atlantik: «Austria First». Das mit Spendenmillionen finanzierte Radio sendet via App oder Internet bekannte Hits aus aller Welt (es wird gemunkelt, österreichische Künstlerinnen und Künstler hätten ihre Songs dem Sender nicht zur Verfügung stellen wollen). Mit News von wohlklingenden Profis gesprochen, jedoch mit klar rechter Schlagseite. Also kein Parteiradio im engeren Sinne. Eher ein «Dudelradio, das so im Hintergrund in vielen Geschäften oder Werkstätten, Büros den ganzen Tag laufen könnte».

Lügenpresse

Das eigene Radio begründet die Partei mit der Behauptung, sie werde in den anderen Medien zu wenig abgebildet. Allerdings: Parteichef Kickl hat zig Anfragen des öffentlich-rechtlichen Senders ORF abgelehnt. Ihre Kanäle sieht die FPÖ als Alterna­tive zu den Mainstreammedien oder zur «Lügenpresse». Seit vielen Jahren hetzen Rechte gegen die etablierten Medien, diffamieren sie als linkslastig. Die einzig wahren Infos gebe es nur auf ihren Kanälen. Da sehen sich FPÖ, SVP & Co. gegenseitig im Spiegel.

Pirouetten

In der Schweiz manifestiert sich das mit der Halbierungsinitiative. Die SVP will damit die SRG zerstören, obwohl das Schweizer Radio- und Fernsehen weit davon entfernt ist, «links unterwandert» zu sein. Doch es wäre schon ganz praktisch für die SVP, wenn es keine kritischen Fragen mehr gäbe, keine öffentliche Konfrontation mehr mit Andersdenkenden. Dann könnte sie noch ungehemmter aus vollen Kanälen schiessend argumentative Pirouetten drehen. Und sich selbst dabei im Spiegel ihrer rechten Freundinnen und Freunde bestaunen.

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