Sie erklommen die extremsten Berge, flogen in schwindelerregenden Höhen oder retteten mit einem Suppentopf-Weitwurf eine Stadt vor dem Verderben. Frauen prägten die Schweiz, doch sie wurden vergessen. Ein neues Buch stellt 20 Pionierinnen ins Rampenlicht.

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PIONIERINNEN: Ärztin Paulette Brupbacher und Pilotin Margaret Fusbahn-Billwiller. (Fotos: Schweizerisches Sozialarchiv / Haus der Geschichte Baden-Württemberg) 

Für Margaret gibt es kein Halten. Das Töchterchen aus schwerreichem Hause flitzt zuerst auf Rollschuhen um die Wette, dann auf dem Pferd, später im Auto. Doch sie will noch höher hinaus, hoch in die Luft. 1928 lernt sie fliegen, erhält ihr Brevet noch vor ihrem Mann. Zu zweit überqueren sie die Alpen, fliegen übers Mittelmeer nach Äthiopien. Das Ehepaar ist monatelang unterwegs.

Doch auf dem Boden, da ist sie ganz devote Gattin. Sie sei ganz Frau geblieben, frohlockt ihr Gatte, keine wisse den Lippenstift in so «schön geschwungener Linie» zu führen wie sie. Doch dann folgt eine Bruchlandung, und Margaret beginnt an den Flugkünsten ihres Gatten zu zweifeln. Kurzerhand ersetzt Margaret ihren Co-Piloten mit einer Freundin. Später heiratet sie erneut, hat Kinder – doch fliegt nie wieder. Ihr Mann verbietet es ihr. Das ist das jähe Ende der Pilotin, die den Höhenrekord für ein Leichtflugzeug knackte, und hochriskante Langstreckenflüge flog.

EINE DER BESTEN FLIEGERIN IHRER ZEIT: Margaret Fusbahn-Billwiller. (Foto: Verkehrshaus Luzern)

Sexbesessene Kommunistin

Die Geschichte der Flugpionierin Margaret Fusbahn-Billwiller (1907–2001) ist eine von 20 Erzählungen über Schweizer Pionierinnen, verfasst von der Journalistin und Autorin Daniele Muscionico. Die Portraits reihen sich ein in Publikationen über bedeutende Frauen, die so alt sind wie die Frauenbewegung selbst, wie die Historikerin Elisabeth Joris im Vorwort schreibt. Bei den Pionierinnen von Muscionico gehe es darum zu zeigen, wie Frauen – mehrheitlich aus der Oberschicht – es verstanden, «Spielräume zu nutzen und auszuweiten». In kleinen Lesehäppchen präsentiert Muscionico Frauen, die sich über die ihnen zugewiesenen Räume hinwegsetzten und Neuland betraten. Eine von ihnen ist auch Paulette Brupbacher (1880–1967), die «sexbesessene Kommunistin».

Als wäre Verhütung Frauensache...

Paulette ist Ärztin. Zusammen mit ihrem Mann Fritz Brupbacher, Arzt und Kommunist, führt sie in Zürich Aussersihl eine Praxis für Arbeiterinnen und Arbeiter. Für Paulette ist klar: Unter allen Belastungen des Arbeiterinnenlebens ist die ungewollte Schwangerschaft die zermürbendste. Deshalb hält sie Vorträge und schreibt über Verhütung. Sie spricht offen mit den Arbeiterinnen und Arbeitern über gefährliche Ammenmärchen und Methoden, die wirklich funktionieren: Diaphragma, chemisches Gel oder das Kondom sind in den 1930er Jahren bereits bekannt. Und sie fordert: Aufklärung und Verhütung sollen kostenlos sein, Abtreibungen legal, in den Betrieben braucht es Mutterschaftsurlaub und Stillpausen.

ARZTIN DER ARBEITERINNEN: Paulette Brupbacher mit ihrem Mann Fritz. (Foto: «Projekt Schweiz»)

Doch das alles ist zu viel, viel zu viel für die Schweiz in den Zwischenkriegsjahren. Das Land braucht Kinder. Verhütung wird als pure Vergnügungssucht des niederen Stands verschrien. Geistliche sind skandalisiert: Paulette sei anrüchig und schamlos. «Geburtenregelung – als wäre das Frauensache!»

Kurz und kurzweilig

Die Frauenportraits reichen vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Von Catherine Royaume, die mit einem Suppentopf-Weitwurf die Stadt Genf vor einem Angriff rettete, bis zur Malerin Martha Stettler, die in Paris die berühmte Kunstakademie La Grande Chaumière gründete. Das Buch porträtiert kurz und kurzweilig inspirierende Frauen. Einziger Wehrmutstropfen: ein paar sprachliche Unschönheiten und Tippfehler.

Das Buch

Daniele Muscionico: Starke Schweizer Frauen. Pionierinnen. Limmat-Verlag, 171 Seiten. Bestellen über diesen Link.

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