Tour de Deutschschweiz
work-Leserinnen und -Leser aus allen Himmelsrichtungen haben das Wort

Alle drei Wochen landet die work-Zeitung in rund 60’500 Briefkästen. Wer sind diese Menschen, die work teilweise seit der Gründung die Treue halten? Warum ist die Gewerkschaftszeitung für sie eine wichtige Lektüre? Welche Inhalte schätzen sie besonders? Und was sollten wir anders machen? Wir haben mit Leserinnen und Lesern aus allen sieben Deutschschweizer Unia-Regionen gesprochen und mehr über ihre Lesegewohnheiten und sie als Menschen erfahren.

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Uhrenarbeiterin Maria-Teresa Cordasco, 60, Unia Biel-Seeland/Solothurn. (Foto: Matthias Luggen)

«Bei euch geht es nicht nur um die Arbeit, sondern um die Menschen»

Was work anders machen sollte? «Gar nichts», sagt ­Uhrenarbeiterin Maria-Teresa Cordasco ohne zu zögern. «work ist gut so, wie es ist.» Besonders mag sie Artikel, in denen Arbeiterinnen und Arbeiter direkt zu Wort kommen: «Das sind Leute, die ich nicht kenne. Aber was sie berichten, das berührt mich. Immer.» 

Schon seit 42 Jahren ist Cordasco in der Gewerkschaft, «davon 30 Jahre sehr aktiv», wie sie selbstbewusst sagt. Als Präsidentin der Region Biel-Seeland, im Zen­tralvorstand, in der Personalkommission ihres Betriebs: Dem Einsatz für die Unia widmet sie viel Freizeit. Die 60jährige gesteht: Manchmal frage sie sich, ob sich der Aufwand lohne. Doch dann lese sie im work zum Beispiel über eine junge Frau, die sich in einem «Männerberuf» behauptet. Oder wie jemand vor Gericht gewonnen hat. «Und ich denke: Ja, die haben recht! Und bin wieder neu motiviert.» 

Nachschlagewerk

Eine gedruckte Zeitung zu erhalten sei ihr wichtig. Gelesene Ausgaben entsorgt sie nicht gleich, sondern legt sie ein paar Monate auf einen Stapel. Zum Nachschlagen, etwa vor einer Abstimmung. Oder wenn sie ihre Kolleginnen oder Kollegen informieren will. «Oder einen Artikel von Vania, in dem sie sagt, welche Themen und Schwerpunkte auf uns zukommen. Wenn es so weit ist, hole ich den Artikel hervor und weiss wieder genau, worum es geht.» 

In Erinnerung blieb ihr auch die work-Doppelseite, auf der Mitglieder schilderten, wie in ­ihrem Land Weihnachten gefeiert wird. Auch Cordasco und ihre Mutter machten mit. Es habe sie fasziniert, wie alle ihre eigenen Traditionen hätten. Und das sei typisch work: «Bei euch geht es nicht nur um die Arbeit, sondern um die Menschen.» (che)


Therapeutin Irene Lehmann, 61, Unia Aargau-Nordwestschweiz. (Foto: Stefan Bohrer)

«Einblicke in solche Machenschaften sind spannend»

Wenn sie in ihrem Alltag Menschen begegnet, die am Arbeiten sind, nimmt sie diese ganz bewusst wahr. Und das hat auch mit work zu tun. Irene Lehmann liest die work-Zeitung seit 25 Jahren und schätzt ­besonders, wenn Büezerinnen und Büezer hier aus ihrem Arbeitsalltag berichten. Etwa wenn eine Verkäuferin erzählt, wie Selbstbedienungskassen ihren Beruf verändert hätten. Oder ein Bauarbeiter von seiner Arbeit zwischen Dreck, Staub und Lärm. Solche Portraits hätten ihren Fokus verändert, sie achte mehr dar­auf, was eine Verkäuferin im Laden leiste, und sei beeindruckt davon, wenn sie zurzeit die Baubüezer im Basler Bahnhof beobachte: «Aus dem Nichts entstehen neue Gleise und Perrons. Das ist faszinierend.» 

Auch Recherchebeiträge von work liest sie gerne. Etwa wenn die Zeitung Machenschaften einer Gaunerbude aufdeckt. «Mir war nicht bewusst, dass es Firmeninhaber gibt, die immer wieder Konkurs machen und die Leute verseckeln. Solche Einblicke finde ich spannend.» Besonders gefallen haben ihr auch die Texte der früheren work-Kolumnistin Sandra Künzi. Generell sei sie fasziniert davon, wenn Menschen es schafften, eine Meinung in so kurzen Texten auf den Punkt zu bringen. 

Eigene Praxis

Dass sie als Arbeiterin einer Gewerkschaft beitritt, war für Irene Lehmann immer klar. Das habe sie in ihrer Familie so vorgelebt bekommen. Ihr erster Beruf war Gärtnerin, mit Mitte 20 kam der ­soziale ­Bereich dazu. Sie war Teil des ersten schweizerischen Lehrgangs als Arbeitsagogin. Heute betreibt sie in Basel eine eigene Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin und arbeitet in einem Pflegeheim in der Aktivierung und Alltagsgestaltung. Der Gewerkschaft ist sie stets treu geblieben, und besonders ihr Job im Pflegeheim zeigt ihr, wie wichtig es ist, dass Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Rechte kennen und ­gemeinsam für bessere Bedingungen einstehen. Denn durch den Stress und die Fluktuation des Pflegepersonals komme es zu viel Unzufriedenheit, Mobbing-Situationen und Gleichgültigkeit. Und darunter würden auch die alten Menschen im Heim sehr ­leiden. (pam)


Konstrukteurin Vivienne Clénin, 25, Unia Ostschweiz-Graubünden. (Foto: Stephan Bösch)

«Mich interessieren aktuelle Arbeitskämpfe»

Sie schraubt an ihren Töffs, baut PCs, fliegt Propellermaschinen oder schiesst im Schützenverein mit dem alten Sturmgewehr 57. Dazu noch das Ehrenamt: Vivienne Clénin hat letztes Jahr geholfen, die Ostschweizer Unia-Jugend neu aufzustellen – und wurde flugs zu deren Präsidentin gewählt. Und «nebenbei» bolzt die gebürtige Appenzell-Ausserrhödlerin noch eine 43-Stunden-Woche als Konstrukteurin in einem Betrieb für Industrielogistik. 

Blocher-Propaganda

Viel Zeit für anderes bleibt da nicht mehr. Lesen etwa würde die 25jährige gerne mehr. Für Fantasy-Romane reiche es schon. Aber politischere Kost, wie aktuell George Orwells «1984», bleibe eher mal liegen. Auf Social Media verzichtet Clénin seit ein paar Jahren komplett. «Damit habe ich viel zu viel Zeit vergeudet.» Und wie hat sie’s mit Zeitungen? «Immer wieder liegt ungefragt der ‹Rheintaler Bote› im Briefkasten, doch der landet direkt im Altpapier.» Die Parteipropaganda aus dem Blocherschen Medienimperium könne ihr ­gestohlen bleiben.

work ergeht es da – als einzige Zeitung im Hause Clénin – deutlich besser: Zwar verschlingt die Konstrukteurin eine druckfrische Ausgabe nicht sofort, sondern lässt sie erst mal etwas auf dem Küchentisch liegen. Doch irgendwann, zwischen Arbeit und Tech-Hobbys, langt sie zu – und zwar nach Lust und Laune statt chronologisch. «Am meisten interessieren mich Berichte über aktuelle Arbeitskämpfe.» Wie jene aus dem Frühjahr, als sich die Winterthurer Busfahrer Verbesserungen erstreikten. «Solche Artikel stelle ich auch mal in den Familienchat!» Schade finde sie bloss, «dass wir von so vielen Rückschlägen lesen und nur selten von Siegen». Das aber sei der Realität geschuldet. Ändern müsse sich diese, nicht work. (jok)


Juristin Helin Genis, 32, Unia Bern/Oberaargau-Emmental-Oberland. (Foto: Yoshiko Kusano)

«work auf Instagram ist ein Muss!»

Helin Genis’ erste Erinnerung an work katapultiert sie gedanklich in ihre Kindheit: work lag bei ihr zu Hause auf einer ganz bestimmten Kommode, und seit sie lesen kann, ist die Zeitung in ihrem Leben. Genis wurde der Sinn und die Leidenschaft für die Gewerkschaft bereits in die Wiege gelegt. Ihre Mutter selbst ist bereits Jahrzehnte aktives Gewerkschaftsmitglied. Sie erinnert sich zurück: «Als Kind habe ich work gerne durchgeblättert, immer schön bunt war die Zeitung.» Heute ist ihr Leseverhalten anders: Wenn work in ihrem Briefkasten landet, blättert sie die Zeitung noch auf dem Weg zur Haustüre durch. Ihr Highlight in jeder Ausgabe: der worktag.

Gewerkschaftspolitisch im Bild

«Für mich ist work eine Auszeit vom Bildschirm!» Denn die Juristin sitzt in der Regel täglich stundenlang vor dem Computer. Zusätzlich die Arbeit im Berner Stadtparlament und im Berner Gewerkschaftsbund, wo vorausgesetzt wird, dass Genis gerade gewerkschaftspolitisch immer im Bild ist. Und genau das bringt die Zeitung für sie mit: «work hält mich auf dem Laufenden, informiert und bringt mir neue Sachen bei. Egal ob national oder international: wichtige Arbeitskämpfe gehen hier nicht unter.» 

Doch ganz ohne Bildschirm konsumiert sie work nicht: «work auf Instagram ist ein Muss! Ich liebe die Videos und teile die Inhalte immer – egal ob an Junge oder Alte.» Für die nächsten 25 Jahre work wünscht Genis sich weiterhin kämpferische, Missstände aufdeckende, Erfolge aufzeigende und gewerkschaftsstärkende Beiträge. (dak)


Chemielaborantin Barbara Wildner, 28, Unia Oberwallis. (Foto: Matthias Luggen)

«Ihr gebt den Arbeitenden ein Gesicht und eine Stimme»

Sie gehört zwar zur Gen Z. Aber die Zeitung lese sie «noch ganz altmodisch», lacht Barbara Wildner. Heisst? «Gemütlich auf dem Sofa und selbstverständlich gedruckt statt digital.» Auf Social Media verzichtet die 28jährige Deutsche komplett. Und generell verbringe sie online nur wenig Zeit. Lieber geht sie Joggen, Schwimmen oder Bouldern. Oder ins Labor. Bei der Lonza in Visp ist die Chemielaborantin für die Qualitätssicherung zuständig. Aber wie steht’s um die Qualität bei work? 

Portraits

Sie lese «nicht immer alles», gesteht Wildner. Aber besonders Berichte über aktuelle Streikbewegungen interessierten sie. Auch biete work sehr nützliche Informationen über das politische Geschehen – und dies aus einer seltenen Perspektive. «Ihr gebt den Arbeitenden ein Gesicht, eine Stimme und das nötige Gewicht.» 

Was Wildner aber am meisten fasziniert, sind die Portraits auf der letzten Seite der Zeitung: «Dort lernt man immer viel Neues über Menschen und ihre Branchen. Es wird ein sehr differenziertes Bild der arbeitenden Gesellschaft gezeichnet.» 

Manchmal aber mache sie die Lektüre wütend. Wobei die Themen schuld seien. Der Wucher mit dem Grundbedürfnis Wohnen etwa. Wildner selbst ist kürzlich von Visp nach Thun gezogen. Allerdings weniger wegen der Walliser Wohnungsnot. Sondern weil sie etwas mehr Distanz zur Arbeit wollte. Im Berner Oberland flattert nun auch die «Thuner Zeitung» in ihren Briefkasten, hie und da auch eine TAZ oder «Zeit» aus ihrer alten Heimat. Abonniert ist sie aber nach wie vor nur auf die Gewerkschaftszeitung. (jok) 


Pensionierter Maschinenbediener Mustafa Sengül, 71, Unia Zürich-Schaffhausen. (Foto: Raja Läubli)

«Wenn Kollegen ein Thema nicht verstehen, lege ich das work hin»

In der politisch aufgeladenen Türkei der 1970er Jahre studierte Mustafa Sengül Soziologie und Jura – und war Aktivist der ­Gewerkschaftsbewegung. Dann putschte sich 1980 das Militär an die Macht, beerdigte die Demokratie blutig und steckte Tausende ins Gefängnis. Auch der ­Gewerkschafter Sengül sass jahrelang in Haft, bevor er 1989 via Deutschland in die Schweiz ­gelangte. Hier fand er Arbeit als Maschinenbediener in verschiedenen Fabriken. Und trat der damaligen Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI) bei. Es folgten ­diverse Engagements und Basisfunktionen, darunter die Tätigkeit als Schaffhauser Sektionsvorsteher. Bis heute ist Sengül ein engagierter Vertrauensmann der Unia, hat sich etwa ins Zeug gelegt für die erfolgreichen Mindestlohnabstimmungen in Zürich und Winterthur. 

Horizont erweitern

Und welche Rolle spielt dabei work? «Eine sehr wichtige», ist Sengül überzeugt. Und gibt ein Beispiel: «Wenn Kollegen ein Thema noch nicht so gut verstehen, lege ich ihnen das work hin und verweise auf den passenden Artikel.» Das helfe oft. Zumal work im Vergleich zu den frühen Jahren «politischer und besser» geworden sei. Für seinen Geschmack könnten die wichtigsten Dossiers ruhig noch vertiefter beleuchtet werden. So oder so. Ein eigenes Medium sei für die Unia zentral. Nicht nur, um Informationen zu verbreiten, die sonst im bürgerlichen und zunehmend kargen Blätterwald untergingen, sondern auch für Debatten, die den Horizont erweiterten. Solche verfolge er als Vielleser auch in der WOZ oder im «Spiegel». Auch den «Tages-Anzeiger» blättere er durch, und sogar auf die kuba­nische «Granma» ist er abonniert. Aber: «Nur im work lese ich fast alles!» (jok)


Pensionierter Elektroindustriearbeiter Ruedi Amrein, 73, Unia Zentralschweiz. (Foto: Raja Läubli)

«Es ist wichtig, mit dem Namen hinzustehen»

«Wenn ich wissen will, was in der Arbeitswelt passiert, lese ich work. In diesen ganzen bürgerlichen Tageszeitungen erfährt man nichts über GAV-Verhandlungen.» Das sind die Worte von Ruedi Amrein, work-Leser der ersten Stunde. Manche Kollegen aus der Gewerkschaft sagen, so Amrein, dass work mehr über Mitgliederanlässe wie Kegel­abende und so berichten sollte. Diese Meinung teilt Amrein nicht. Er schätzt eben gerade, eine Zeitung zu haben, die links und gewerkschaftlich über die wichtigen Themen berichtet, national wie auch international.  

Ruedi Amrein ist seit 1969 ein überzeugter Gewerkschafter. Damals hat der gelernte Elektro-Eicher seine Arbeit beim Zuger Elektroindustriekonzern Landis + Gyr angetreten und blieb dem Betrieb trotz vielen Besitzerwechseln bis zur Pensionierung treu. ­Amrein engagierte sich aktiv und vertrat die Interessen seiner Kolleginnen und Kollegen über Jahrzehnte in der Betriebskommission.  

Leserbriefe

Dass Amrein auch nach seiner Pensionierung nicht in den gewerkschaftlichen Ruhestand getreten ist, dürfte fleissigen work-Leserinnen und -Lesern bekannt sein: Der frühere Innerschweizer, der nun im Kanton Schaffhausen wohnt, meldet sich regelmässig mit Leserbriefen zu Wort. Dabei halte er sich bewusst zurück. Amrein sagt: «Wenn man zu viel in den Le­serbriefspalten erscheint, verbraucht man sich.» Dass heute viele Kommentare auf Social Media über ein Pseudonym abgegeben werden, findet er keine gute Entwicklung. Auch als Gewerkschafter könne man nicht einfach nur ausrufen. «Es ist wichtig, dass man mit seinem Namen hinsteht und eine fundierte Meinung präsentiert. Sonst wirst du nicht ernst genommen.» (pam) 

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