Skandalöses Geschäftsmodell
Kurierin Lio Alves (26) wagt den Aufstand gegen Just Eat

Just Eat stellt Hunderte Kurierinnen und Kuriere auf die Strasse und kopiert das illegale Dumping-Modell von Uber. Die Behörden schauen zu. Bei den Ridern aber brodelt’s!

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ZUM HINSCHMEISSEN: Just-Eat-Fahrerin Lio Alves ist wütend. (Foto: Manu Friederich)

«Panik ist ausgebrochen!» So beschreibt Food-Kurierin Lio Alves (26) die Stimmung bei Just Eat. Viele ihrer Kolleginnen und Kollegen wüssten nicht mehr, wie sie künftig ihre Familien ernähren sollten. Zumal schon bisher viele am Anschlag gewesen seien. «Und jetzt noch dieser unmenschliche Entscheid!» Der Schweizer Ableger des holländischen Lieferdienstmultis hat letzte Woche eine Zäsur angekündigt. Nämlich ab Januar das Geschäftsmodell des Hauptkonkurrenten Uber Eats zu kopieren. Konkret: Auslagerung der Lieferungen an Scheinselbständige ohne Anrecht auf bezahlte Ferien oder Einkommen bei Unfall, Krankheit und Arbeitslosigkeit.

Fast alle schauen weg

Für Unia-Logistik-Sekretär Markus Bardenheuer handelt es sich eindeutig um ein «illegales Geschäftsmodell». Er verweist auf das Bundesgericht, das bereits 2022 entschieden hat, dass Uber-Eats-Kuriere Angestellte sind. Uber Eats muss demnach sämtliche Arbeitgeberpflichten wahrnehmen, korrekte Löhne und Spesen bezahlen und die Beschäftigten bei den Sozialversicherungen anmelden. «Doch Uber Eats ignoriert all das und setzt konsequent auf Schwarzarbeit», sagt Bardenheuer. Und weil ausser Genf und Waadt alle Kantone wegschauten, könne der US-Konzern praktisch ungestört weiterfuhrwerken. Tatsächlich haben bereits mehrere Lieferdienste wegen Ubers Dumping-Konkurrenz dichtgemacht.

Ein «Riesenvorteil» für Fahrer?

Jetzt will Just Eat nachziehen. Und entsprechend seine bisher garantierten Mindestpensen und Stundenlöhne abschaffen. Künftig soll es nur noch Stücklöhne pro Auftrag geben. Und diese sollen erst noch variieren. Ein «Riesenvorteil» sei das für die Fahrerinnen und Fahrer, behauptete Just-Eat-Chef Lukas Streich (44) im «Tages-Anzeiger». Als «Selbständige» hätten sie neu «die Chance», bei hoher Nachfrage mehr zu verdienen, als wenn wenig läuft. «Hier spielt der Markt», schwärmt der HSG-Abgänger. Ihm boten sich die Tamedia-Titel bereitwillig an, um die radikale Zäsur zu verkünden: Nein, um eine Sparmassnahme handle es sich nicht, sagte Streich. 

Blanker Hohn

Just Eat reagiere bloss auf «stark veränderte Kundenbedürfnisse». Heute wollten die Leute halt auch nachts um zwei Uhr noch einen Burger bestellen. Doch nach Mitternacht dürften Angestellte gar nicht mehr ausliefern, das verbiete das Arbeitsgesetz. Mit «Selbständigen» sei das aber machbar. Da wolle man nun auch mitmischen. Bemerkenswert: Noch im April lobte sich Just Eat anlässlich einer neuen Kooperation mit der Migros selbst wie folgt: «Die Fahrerinnen und Fahrer sind nach Schweizer Arbeitsrecht fest angestellt, versichert und erhalten Sozialleistungen.» Heute will Manager Streich ebendiese Fahrerinnen und Fahrer entlassen, bis zu 700 sind betroffen.

Für Fahrerin Lio Alves sind Streichs Worte blanker Hohn. Das neue Geschäftsmodell habe «schreckliche» Folgen. Sie sagt:

Wir müssen künftig etwa doppelt so viel arbeiten, um unseren Verdienst zu behalten.

Dies ergebe sich aus dem Vergleich mit den Entschädigungen, die bei Vorbild Uber üblich seien. Noch kommt Alves auf netto 22 Franken pro Stunde. Besonders die vielen Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Palästina oder der Ukraine seien auf die Jobs angewiesen. Sie selbst sei das weniger. Alves ist Schweizerin, studierte Grafikdesignerin und will bald einen Master anhängen. Prekär ist aber auch sie unterwegs. «An meinem Velo funktioniert nur noch eine Bremse. Eine Reparatur kann ich mir nicht leisten.»

Just Eat helfe da nicht. Überall herrsche Spardruck: Rider-Hubs wurden geschlossen, HR-Aufgaben durch Chatbots ersetzt, und die berühmten orangen Jacken und Transportboxen sind nicht mehr gratis. Neu kosteten diese, trotz mieser Qualität, 80 Franken. Mit Folgen: «Viele fahren total zerfleddert durch die Gegend.» 

All das will Lio Alves nicht mehr schlucken. Sie und gut 60 weitere Rider aus der Region Bern hecken mit der Unia Pläne aus. Auch in anderen Städten gibt es Initiativen. Was geplant ist, verrät Alves nicht. Nur so viel: «Ich bin parat für die Revolution!» 

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