Lieferdienste: Hat die Migros ihre Subunternehmen im Griff?
Kurier verdient läppische 10 Franken pro Stunde

Seit Anfang Mai beliefert die Migros ihre Kundinnen und Kunden mit dem Kurierdienst Just Eat. Und nimmt dafür Hungerlöhne bei Subunternehmen in Kauf.

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MIGROS OHNE SOZIALES GEWISSEN: Der Wechsel vom eigenen Lieferdienst zu Just Eat birgt für die Arbeitnehmenden Gefahren. (Fotos: Keystone / Montage: work)

 «Wir sind enttäuscht und fühlen uns von der Migros verraten», sagt Grégory Fabbri (42). Er ist einer von über 400 entlassenen Kurierinnen und Kurieren des Lieferdienstes und Migros-Tochterunternehmens Smood. Die Migros hat Ende April sämtliche Smood-Fahrerinnen und -Fahrer entlassen, weil sie nicht rentabel waren (work berichtete). Nun hält die Migros nicht mal den eigenen minimalistischen Sozialplan ein. Darin steht auch, dass die Migros die ehemaligen Smoodeurs bei der Stellensuche unterstützt, zum Beispiel mit einer Nachfolgelösung beim Lieferdienst Just Eat. Dieser ist seit Anfang Mai neuer Partner der Migros für Heimlieferungen. 

Gutschein statt Job

Doch Fabbri, der während sechs Jahren für Smood und die Migros gearbeitet hat, hat sich vergebens bei Just Eat beworben. «Ich kenne die Migros-Kundinnen, die Arbeit und die Routen, aber bei Just Eat wollte man mich nicht.» So wie ihm sei es auch vielen seiner Kollegen ergangen. «Sie haben uns ehemaligen Smoodeurs einen 10-Franken-Gutschein für Just Eat geschickt, aber Jobs haben sie keine für uns.» Die Arbeitsbedingungen bei Smood und Just Eat wären dabei sehr ähnlich, auch wenn bei Smood noch ein Firmen-GAV von Syndicom gegolten hätte, meint Fabbri.

Hungerlohn bei Subunternehmen

Doch nicht überall, wo Just Eat draufsteht, ist auch Just Eat drin. Die «NZZ am Sonntag» berichtete von Fahrerinnen und Fahrern mit Just-Eat-Rucksäcken, die beim Basler Subunternehmen On Duty angestellt sind und lediglich im Stücklohn bezahlt werden. In den Wartezeiten und für den Rückweg erhalten die Kuriere keinen Lohn. Das führt dazu, dass die Mindestlöhne massiv unterschritten werden. Ein Fahrer sagt, dass er nur 10 Franken pro Stunde verdiene. 

Auf Anfrage der italienischsprachigen Unia-Zeitung «Area» verspricht die Migros Genf, die geltenden Gesetze einzuhalten. Just Eat respektiere die wichtigsten Grundsätze des Schweizer Arbeitsrechts, die GAV und die kantonalen Mindestlohnvorgaben. Wie die Migros sicherstellt, dass ihre Aufträge nicht über Subunternehmen mit Hungerlöhnen ausgeführt werden, bleibt jedoch unklar. Die Migros schreibt lediglich, dass die kantonalen Arbeitsinspektorate die Arbeitsbedingungen der Kurierfahrer jederzeit überprüfen könnten. 

Mindestlohn vor Bundesgericht

Das Tessiner Arbeitsinspektorat hat Divoora kontrolliert, eine Lieferfirma mit ähnlichem Geschäftsmodell wie On Duty. Die Kontrollbehörde hat dabei massive Unterschreitungen des Tessiner Mindestlohns von 20 Franken 50 festgestellt. Das Arbeitsinspektorat klagte deshalb gegen Divoora und hat vor dem Bundesverwaltungsgericht recht erhalten. Divoora zog das Urteil ans Bundesgericht weiter. 

Falls dieses das vorinstanzliche Urteil bestätigt, könnten die unterbezahlten Kurierinnen und Kuriere Nachzahlungsforderungen an Divoora stellen. Ein Urteil, das auch die unterbezahlten Kuriere bei den Subunternehmen von Just Eat und die Migros interessieren dürfte. 

Prosus: Der Konzern hinter Just Eat

Neben Uber Eats ist Just Eat der wichtigste Anbieter von Essenslieferungen in der Schweiz. Firmen wie Just Eat liefern aber nicht nur Essen und Lebensmittel, sie sammeln auch umfangreiche Daten von ihren Fahrerinnen und Kunden: GPS-Standorte, Lieferzeiten, Routen, App-Nutzungen, Leistungsdaten und teilweise sogar Bewegungsdaten ausserhalb aktiver Lieferungen. 

Der Just-Eat-Konzern gehört der niederländischen Beteiligungsgesellschaft Prosus. Diese ist auch Hauptaktionärin der chinesischen Techfirma Tencent, die unter anderem WeChat, eine der wichtigsten Zahlungs- und Ortungsapps in China, Online-Games und KI-Dienste betreibt.

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