Erstlingsroman «Was wir vergraben»
Von ganz unten durch die Zürcher Klassengesellschaft

Im Alter von neun Jahren verlor Mehmet Buri Keklikçi (40) seine Mutter durch einen Femizid. Jetzt erzählt er im autobiographischen Roman «Was wir vergraben» von Heimjahren, Lehrabbrüchen und Drogenerfahrungen. Aber auch über Reisen, Freundschaften und wie er den Rank doch noch gefunden hat.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 5:03
EIN LEBENSWEG, DER GANZ UNTEN ANGEFANGEN HAT: Autor Mehmet Buri Keklikçi. (Foto: zvg)

Mutter ist tot. Das ist der letzte Satz des Romans. Diese Leerstelle umkreist Mehmet Buri Keklikçi. Seine Geschichte handelt von seinem Leben als «Schattenkind», vom Aufwachsen ohne Eltern in Zürich und von Auf- und Abbrüchen. Da ist die Pflegefamilie, die ihn zwar herzlich aufnimmt, aber auch schon bald in ein Heim weitergibt. Dort lernt er die Sozialpädagogen kennen. Ihre Sprache und die Abkürzungen der «Sozis» werden trotz Widerständen verinnerlicht: TG für Taschengeld, LK für Lebensmittelkredit, RK für Reisekosten. Bei den «Ferien auf dem Bauernhof» wird er als billige Arbeitskraft missbraucht. Beeindruckend ist die Präzision, mit der sich Keklikçi erinnert und das Vergangene beschreibt. Bereits im Alter von sechs Jahren nimmt er sich vor, genau hinzusehen: «um zu verstehen, zu lernen, so dass ich irgendwann eine Geschichte zu erzählen habe». 34 Jahre später hat er viele Geschichten zu erzählen.

Intime Erfahrungen

Es sind meist kurze Kapitel in der Länge von zwei bis fünf Seiten, auf denen Keklikçi seine zum Teil auch intimen Lebenserfahrungen teilt. Zum Beispiel von den unfreiwilligen Begegnungen mit seinem Vater und der Frage, ob das Blut und der Wahnsinn des Vaters auch in seinen Adern fliessen und eines Tages ausbrechen könnten. Auch der Vater bildet eine Leerstelle. Keklikçi sieht ihn nicht als Täter oder Opfer, sondern als Versager auf ganzer Linie. Im Kapitel «Horrorfilm» beschreibt Keklikçi den Weg nach Luzern zu seinem Onkel, wo er in dessen Wohnzimmer unvorbereitet beschnitten wird. Er erinnert sich an die Scham und die Schmerzen danach und seine Lehrerin, die für die Mitschüler eine Notlüge bereithält, so dass Keklikçi Normalität vortäuschen kann. 

Lehrjahre, Koks und Jobs

Nach der Volksschulzeit beginnt Keklikçi eine Lehre als Schreiner. Doch trotz handwerklichem Geschick kommen bei ihm schnell Zweifel an seiner Berufswahl auf. Aber als Heimkind eine Lehre abzubrechen ist riskant. Er sagt:

Mir sind keine Fehler erlaubt, und den Versagerstempel trage ich seit Vaters Tat.

Dennoch bricht Keklikçi die Lehre ab. Auch eine weitere Lehre in der Küche eines Zürcher Restaurants hängt er an den Nagel. Es ist dieser Mut zum Ausbruch und allen Ratschlägen zum Trotz, der ihn immer wieder an neue Ufer führt. Auch nach Mexiko, wo er sich ohne Geld durchschlägt und mit Gelegenheitsjobs und Deals über Wasser hält. Hasch, Alkohol und Koks gehören in verschiedenen Lebensabschnitten dazu. Die Lehre als Koch kann er nach seiner Rückkehr nach Zürich dann doch noch abschliessen, aber in der Küche bleiben will Keklikçi nicht. Er findet Jobs auf dem Steueramt und als Bademeister, die ihm mehr zusagen und weniger stressig sind. Sein Berufsweg führt ihn weiter zur sozialen Arbeit und zum Thema Arbeitsintegration, wo er auch viele seiner früheren Verhaltensmuster und Probleme wiedererkennt. 

Klassengesellschaft und Freundschaften

Der Roman erzählt auch mit grosser Offenheit von Freund- und Liebschaften, viele auch nur flüchtig. Und über die Einsamkeit eines Menschen, der in der Zürcher Klassengesellschaft weit unten beginnen musste. 

Immer wieder bringt Keklikçi in seinem Roman auch Dankbarkeit gegenüber Personen zum Ausdruck, die ihn auf seinem Lebensweg unterstützt und zu ihm gehalten haben. Es ist nicht der Stil, der diesen Roman einzigartig macht, sondern Keklikçis Stimme, die in diesem Buch die verborgenen und aufgestauten Geschichten in Fluss bringt. 

Was wir vergraben, Mehmet Buri Keklikçi, Zürich 2026, 258 Seiten, 22.90 Franken, ungesagtlesen.ch
 

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.