Klicks auf Kosten anderer:
Das schmutzige Geschäft mit der Meta-Brille

Gefilmt werden, ohne es zu merken. Genau daraus macht Meta ein Geschäft: Smart Glasses machen heimliche Aufnahmen kinderleicht und aus den Bildern anderer werden Klicks, Geld und Trainingsdaten für KI.

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KAMPAGNE: Kylie Jenner wirbt für die Meta-Brille.

Du bist auf dem Weg zur Arbeit. An der Tür musst du einen Code eingeben. Du tippst ihn ein und gehst hinein. Alles ganz normal. Am nächsten Tag erfährst du: In eurem Betrieb wurde eingebrochen. Jemand muss den Code gekannt haben. Du denkst, niemand hat dich beobachtet. Vielleicht aber doch. Denn inzwischen braucht es dafür nicht einmal mehr ein Handy, das jemand auffällig vor sich hält. Eine gewöhnliche Brille reicht.

Die Smart Glasses von Meta sehen aus wie normale Brillen. Integriert sind jedoch Kameras, Mikrofone, Lautsprecher und künstliche Intelligenz. Die Brille kann fotografieren und filmen, Musik abspielen, Fragen beantworten und analysieren, was die tragende Person gerade sieht. Der Haken:

Die Person, die die Brille trägt, weiss, was sie tut. Alle anderen wissen es nicht.

Die LED-Lüge

2021 brachten Meta und Ray-Ban die ersten Smartglasses auf den Markt. Meta verteidigt die Brillen stets mit dem Argument, eine kleine LED leuchte auf, wenn man filmt. Ein Witz. YouTuber haben bewiesen, dass man diese LED ohne grossen Aufwand unsichtbar machen kann. Zudem ist sie bei Sonnenlicht kaum sichtbar. Das bewies auch der niederländische Journalist Roel Maalderink. Er ging mit den Meta-Glasses vor das Meta-Büro in Amsterdam und filmte die Mitarbeitenden. Die Mehrheit merkte nicht, dass sie gefilmt wurde. Wenn selbst die Meta-Mitarbeitenden das LED-Licht nicht erkennen, welche Chance haben wir?

Auf Kosten der Frauen: Grüsler kassieren, Meta hilft mit 

Auf Social Media durchstarten und richtig fett Kohle machen: für viele ein Traum. Doch wenn die eigene Persona nicht reicht, hilft die Meta-Brille: Männliche «Pickup Artists» filmen damit heimlich Frauen auf der Strasse, in der Badi oder im Gym. Die Videos gehen viral, die Männer kassieren und die Frauen wissen von nichts.

Genau das erlebte diesen Sommer Zeina aus Hamburg. Dem Sender ARD gegenüber erzählte sie, dass ihr eine Kollegin das Video zugeschickt habe: Darauf war sie selbst im Bikini in der Badi zu sehen. Ein Mann hatte sie mit einer Meta-Brille gefilmt, während er sie nach ihrem Beziehungsstatus fragte. Als Zeina das Video später auf Social Meida sah, war sie schockiert: 

Wie kann das sein? Warum bin ich in so einer verletzlichen Situation gefilmt worden?

Die Geschichten häufen sich. Die BBC berichtete Anfang des Jahres von mehreren Betroffenen. Eine von ihnen ist Dilara (21), eine Detailhandelsangestellte, die an ihrem Arbeitsplatz mit einer Smart-Brille gefilmt wurde. Der Mann sprach sie an: «Ich schwöre, rote Haare bedeuten, dass dein Herz gebrochen wurde.» Das Video ging mit 1,3 Millionen Views viral.

PLÖTZLICH IM INTERNET BEKANNT: Dilara wusste nicht, dass sie mit einer Smart-Brille gefilmt wurde. (Foto: BBC)

Es kam noch schlimmer: Dilaras Handynummer war im Clip zu sehen. Wochenlang wurde sie mit Tausenden Nachrichten und Anrufen bombardiert. Männer tauchten an ihrem Arbeitsplatz auf, wiederholten den Spruch aus dem viralen Video oder fragten nach ihren Social-Media-Accounts. Sie sagt:

Ich war nur eine Ware, ein Stück Fleisch.

Und Meta? Das Unternehmen ignorierte die Beschwerden der Frauen zunächst. Obwohl sie erklärten, ohne ihr Wissen gefilmt worden zu sein, sah Meta darin keinen Richtlinienverstoss. Kein Wunder. Meta profitiert von der Aufmerksamkeit: Je mehr die Brille genutzt wird, desto bekannter wird sie. Die Ausbeutung von Frauen ist schlicht gutes Business. Erst nach massivem öffentlichem Druck entzog das Unternehmen den Accounts die Monetarisierung und liess die Videos entfernen.

Alles für die Klicks

Es wird noch absurder. Nebst den Pickup-Artists wird die Brille auch für Skandal-Inhalte missbraucht. Verschiedene Social-Media-Kanäle produzieren mit den Smartglasses Pranks, also Streiche, bei denen andere blossgestellt werden. Dabei geht es längst nicht mehr um lustige Spässe, sondern um Grenzüberschreitungen als Geschäftsmodell. Sie provozieren so lange, bis die Situation eskaliert.

Mit der Meta-Brille sind die Hände frei zum Rennen oder Werfen und die Kamera zeigt alles aus der Ich-Perspektive. Gefilmt werden meist Menschen, die sich nicht wehren können: Obdachlose, Suchtbetroffene oder Dienstleistende. Wer an der Kasse im Coop steht oder als Security vor dem Club jobbt, muss dort bleiben. Dieser Arbeitsort-Zwang macht sie zu perfekten Opfern. Sie werden provoziert, bis sie ausrasten und online der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Ersteller der Videos machen mit der Demütigung der Schwächsten Profit. In der Schweiz kann man mit Klicks zwar weniger direkt Geld verdienen, doch auch hier zählt die Reichweite.

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Image Wende durch Kylie Jenner

Bislang ist die Brille hauptsächlich bei Männern beliebt. Was aber alle Betriebswirtschafts-Stutierende im Grundstudium lernen: Frauen haben eine enorme Macht im Verbrauchermarkt. Genau das wusste auch die Marketingabteilung von Meta. Nur blöd, dass in der Vergangenheit gerade Frauen die Leidtragenden der Meta-Brillen waren und sie bei vielen ein Gefühl von Überwachung und Unsicherheit auslösen. Also musste die Technologie mit etwas Vertrautem verbunden werden: Fashion, Beauty und Celebrity-Kultur. Und wer könnte dafür besser geeignet sein als Kylie Jenner? Der Kardashian-Jenner-Clan prägt seit Jahren Beauty- und Modetrends und verdient damit Millionen.

Im Juni 2026 kam dann die grosse Werbekampagne mit einem neuen Meta-Ray-Ban-Modell und Kylie Jenner als Werbegesicht. Die Brille wurde plötzlich nicht mehr nur als Tech-Gadget vermarktet, sondern als Lifestyle-Produkt, inklusive Kylie-Jenner-Chatbot.

Diese Kampagne hat einen gesellschaftlichen Einfluss: Die Verantwortung verschiebt sich. Plötzlich geht es nicht mehr darum, dass Männer Frauen heimlich filmen könnten. Stattdessen müssen Frauen damit leben, dass sie potenziell gefilmt werden und ihr Verhalten entsprechend anpassen. Die Brille wird zum Lifestyle-Produkt und damit wird eine Technologie normalisiert, die gleichzeitig unsere Privatsphäre, Sicherheit und persönliche Freiheit einschränken kann.

Die Schweiz diskutiert – der Bundesrat lehnt sich zurück

In der Schweiz wächst der politische Widerstand. Das zeigt eine Petition von Campax: Sie fordert Bundesrat Beat Jans auf, den Verkauf von Smart-Brillen in der Schweiz zu verbieten. Innert weniger Wochen kamen mehr als 16'000 Unterschriften zusammen, inzwischen sind es über 18'000. Auch auf lokaler Ebene wird gehandelt: In Bern, Basel und Luzern fordern Politikerinnen und Politiker ein Verbot der Brillen in städtischen Badis und Garderoben. In Wil (SG) gibt es einen Vorstoss zum Umgang mit Smart Glasses in sensiblen Bereichen des öffentlichen Raums.
Der Bundesrat sieht trotz Datenschutzrisiken keinen Handlungsbedarf für neue Gesetze.

Big Brother sitzt auf deiner Nase

Nebst dem, dass man mit den Tech-Brillen heimlich gefilmt werden kann, wird das gefilmte Material auch noch von Menschen im Auftrag von Meta überwacht. Das zeigt ein Bericht des Tages-Anzeigers: Intime Videos, die mit Meta-Brillen aufgenommen wurden, landen bei Subunternehmen in Kenia. Dort sitzen Menschen für Hungerlöhne vor Bildschirmen und sichten und kategorisieren die Clips, damit Metas KI daraus lernen kann (work berichtete). Die Überwachung endet also nicht beim Filmen. Sie wird gleich mitgeliefert: Die Aufnahmen wandern in eine globale Ausbeutungskette, in der Menschen das Material für die KI aufbereiten, die uns morgen vielleicht auf der Strasse wiedererkennt.

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