Anne-Sophie Zbinden, Chefredaktorin

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Anne-Sophie Zbinden, Chefredaktorin

Noch beängstigender als die Halloween-Fratzen, die bald wieder durch Läden und Strassen geistern, sind die Aussichten auf die kommenden Krankenkassen-Rechnungen: Im Schnitt steigen die Prämien um 5 Prozent. Wann gab es zuletzt eine Lohnerhöhung von 5 Prozent? Eben. Die Prämien galoppieren, die Löhne trotten hinterher. Dazu kommen höhere Kosten für Miete, Mobilität und Essen. Unter dem Strich bleibt jedes Jahr weniger im Portemonnaie der Lohnabhängigen.

Besonders hart trifft es Menschen, die arbeiten und trotzdem nicht über die Runden kommen: die Working Poor. Das sind rund 360'000 Menschen, 8,8 Prozent aller Erwerbstätigen. Mit ihren Familien sind es über 820'000, schreibt Caritas. Reserven? Null. Kein Puffer, kein Sparen, kein Spielraum. Diese Menschen sind weder faul noch unwillig. Sie arbeiten. In Tieflohnbranchen oder mit Minipensen. Armut trotz Arbeit ist der reichen Schweiz unwürdig.

Die bürgerliche Mehrheit im Parlament lässt das kalt. Stattdessen startet sie unverfroren An­­­griff um Angriff auf Lohn und Zeit der Arbeitnehmenden.

Angriff I

Im Sommer hat das Parlament ­beschlossen, dass Gesamtarbeitsverträge Vorrang vor kantonalen und kommunalen Mindestlöhnen haben sollen. Verkauft wird das als «Stärkung der Sozialpartnerschaft». Klingt nett, ist aber ein hübsch verpackter Angriff auf die Mindestlöhne. Und auf demokratische Entscheide. Denn in ­mehreren Kantonen und Gemeinden hat das Stimmvolk Mindestlöhne beschlossen. Gegen ­diesen Lohn-Angriff haben Gewerkschaften und linke Parteien das Referendum ergriffen und mit 100'000 Unterschriften eingereicht, doppelt so ­viele wie nötig. Jetzt hat das Volk das letzte Wort. Unia-Präsidentin Vania Alleva: «Wer die Mindestlöhne schwächt, trifft genau jene Beschäftigten, die jeden Franken zum Leben brauchen.» (zum work-Beitrag)

Angriff II

Doch damit nicht genug. Seit dreissig Jahren rütteln die Bürgerlichen mit einer Ausnahmebewilligung nach der andern am arbeitsfreien Sonntag. Der neueste Coup: Der Nationalrat will, dass Läden an zwölf statt an vier Sonntagen offen sein dürfen. Verkäuferin Doris Schneeberger ist enttäuscht: «Die Politiker im Bundeshaus würden ja auch nicht am Sonntag arbeiten wollen – warum sollen wir Verkäuferinnen das machen?» Ja, warum eigentlich? Nur weil die Läden länger offen sind, haben die Leute nicht mehr Geld zum Ausgeben. Und trotzdem versuchen es die Turbo-Lädeler immer wieder. (zum Artikel)

Angriff III

Um Lohn und Zeit geht es auch in der Holzbranche. Beim work-Besuch auf einer Grossbaustelle bei Winterthur hämmern Zimmerleute im Takt, ein uralter Brauch, mit dem man früher böse Geister vertrieb. Jetzt wollen sie damit den Ausreden der Chefs den Garaus ­machen. Denn die Meister bieten eine Lohnerhöhung, die nicht mal die Teuerung deckt, mitten im Boom und obwohl Zimmerleute schon jetzt mindestens 500 Franken weniger verdienen als Maurer. Gleichzeitig wollen sie die Samstags­arbeit «normalisieren», von einer Arbeitszeit­reduktion aber nichts wissen. Kein Wunder, denkt fast die Hälfte der «Hölzigen» an einen Jobwechsel. «Auf dem Bau bis 65? Nein danke», sagt Zimmermann Dorian Duangta. (zur Reportage)

Halloween dauert eine Nacht. Der Spuk um Löhne und Arbeitszeit bleibt, wenn wir nichts tun. Gegen böse Geister hilft nur eins: gemeinsam Krach machen, im Takt, wie die Zimmerleute. Wer ­arbeitet, soll vom Lohn leben können und Zeit zum Leben haben. Alles andere ist der reinste Horror.

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