Grossbaustelle der «Hölzigen»
Hämmern für den Aufbruch!

Der Holzbau boomt und ist voller Zukunft. Doch bei den Arbeitsbedingungen harzt es heftig. Bringen die laufenden GAV-Neuverhandlungen die nötige Wende? Stimmungsbild von einer Zürcher Grossbaustelle.

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GLEICHGETAKTETER HAMMERSOUND: Mit dem traditionellen Zimmermannsklopfen werden böse Geister vertrieben oder aber Arbeitsniederlegungen eingeläutet. (Foto: Mike Krishnatreya)

Fast gespenstig leise ist es an diesem Herbstmittwoch an der Riedstrasse in Elsau ZH östlich von Winterthur. Und das, obwohl hier eine gigantische Baustelle liegt. Fast 200 Genossenschaftswohnungen sind geplant. Ihr Betonkern ist längst gebaut. Jetzt sind die Zimmerleute am Werk. Gleich vier verschiedene Holzbaubuden sind engagiert. Sie montieren die vorgefertigten Decken- und Wandelemente, die ihnen ein Kran aufs Dach hebt – eine geräuscharme Tätigkeit. Und auch der Schindelfassadenbauer aus dem Appenzellerland macht kaum Lärm. Denn seine Fichtenschindeln vernagelt er nicht mehr wie anno dazumal mit dem Hammer, sondern mit einer geräuscharmen Akku-Pistole. Doch dann, kurz vor Mittag, hämmert es plötzlich doch noch laut und heftig aus allen Richtungen. Und die Unia steht auf Platz!

Alter Brauch gegen böse Geister

Gekommen ist die Gewerkschaft mit allerhand aktiven Mitgliedern aus der hölzigen Branche. Ihr Ziel: die Kolleginnen und Kollegen auf der Grossbaustelle über die laufenden GAV-Verhandlungen zu informieren. Für die maximale Aufmerksamkeit haben sich die Hölzigen was einfallen lassen. Zuerst verteilen sie sich auf verschiedene Posten und legen dort Holzbalken bereit. Dann beginnt auf Kommando ein kollektives Hämmern. Der zuerst absichtlich dissonante Krach pendelt sich bald ein. Und für ein paar Minuten dröhnt durch Elsau ein rhythmischer, gleichgetakteter Hammersound. Eine ungewöhnliche Darbietung, die natürlich die ganze Baustelle gwundrig macht.

Unia-Sekretär Matthias Wüthrich klärt auf: «Das ist das traditionelle Zimmermannsklopfen!» Dabei handle es sich um einen alten Brauch, den die Zimmerleute teils bis heute praktizierten, besonders nach wichtigen Bauphasen wie der Aufrichte. Früher habe man so auch böse Geister vertrieben, weiss Wüthrich weiter. Oder aber Arbeitsniederlegungen «eingeläutet». So wie an diesem Tag.

IM GESPRÄCH: Unia-Sekretär Matthias Wüthrich. (Foto: Mike Krishnatreya)

«Abnormal» sture Chefs

Während die Gewerkschaft Güggeli offeriert, holt Zimmermann Alvaro Acuña (34) zu einer Ansprache aus: «So viele Zimmerleute auf einem Haufen habe ich seit der LAP nicht mehr gesehen!» Die Menge lacht. Doch dann wird’s ernst: «Die GAV-Verhandlungen laufen extrem harzig», ruft Acuña. Die Arbeitgeber hätten ein «hundslausiges Lohnangebot» gemacht. Nämlich eines, das nicht einmal die Teuerung ausgleiche. Dabei bestehe gerade bei den Löhnen massiver Aufholbedarf, besonders angesichts der körperlich harten Arbeit, der anspruchsvollen Ausbildung und nicht zuletzt auch wegen des anhaltenden Holzbaubooms, der vielerorts fette Profite abwerfe. «Trotzdem verdienen wir mindestens 500 Franken weniger als die Maurer», empört sich Acuña. Doch nicht genug:

Die Meister nehmen auch unsere Forderungen nicht ernst, von einer Arbeitszeitreduktion oder Viertagewoche wollen sie nichts wissen. Im Gegenteil wollen sie jetzt auch noch die Samstagsarbeit normalisieren.

NICHT ZUFRIEDEN MIT DEN MEISTERN: Zimmermann Alvaro Acuña fühlt sich von den Arbeitgebern nicht ernst genommen. (Foto: Mike Krishnatreya)

Auch Giuseppe Reo, bei der Unia mitverantwortlich für die Holzbauverhandlungen, ist konsterniert über das bisherige Verhalten der Arbeitgeber: «Ich sitze in vielen Verhandlungsdelegationen, aber so hart wie bei den Holzbauern ist es nirgends – das ist abnormal!» Reo hat dafür kein Verständnis. Etwas mehr Aufgeschlossenheit käme nämlich auch den Firmen entgegen. Die Zahlen haben es jedenfalls in sich.

Exodus läuft – Polizei profitiert

Wegen der rückständigen Arbeitsbedingungen überlegen sich fast die Hälfte aller Zimmerleute einen Jobwechsel. Zu diesem Schluss kam eine Unia-Umfrage Anfang Jahr. Und beim Überlegen bleibt es nicht. Weil derart viele Holzbauerinnen und Holzbauer ihren Beruf irgendwann an den Nagel hängen, ist das Durchschnittsalter der Verbleibenden ungewöhnlich tief: Zwei Drittel der 22'000 Beschäftigten in der Schweiz sind unter 36jährig. Auch auf der Elsauer Grossbaustelle zeigt sich diese Tendenz. Die allermeisten hier sind erst um die 30 Jahre alt.

Doch viele wollen die Branche bereits verlassen. Zum Beispiel Zimmermann Dorian Duangta (28). Für ihn stehe das Arbeitsvolumen und die täglich erbrachte Leistung in keinem Verhältnis zur Wertschätzung. «Auf dem Bau bis 65? Nein danke!», sagt er. Bald will er mit der Polizeischule beginnen. Duangta ist nicht der einzige auf Platz, der die Zimmermannshose mit einer Uniform tauschen will. Meistgenannter Kritikpunkt ist klar der Lohn: Ein Berufsmann aus Winterthur, der anonym bleiben will, sagt:

Noch vor etwa fünf Jahren hat der Lohn einigermassen hingehauen. Aber heute geht alles gleich drauf bei diesen Preisen!

Er habe kürzlich geheiratet und wolle eine Familie gründen. Ob das aber möglich sei mit seinem jetzigen Beruf, wisse er noch nicht. Und Mirco Küfer, ein ehemaliger Maurer, sagt:

Ich arbeite heute mindestens so hart wie in meinem Erstberuf. Doch im Bauhauptgewerbe haben sie kürzere Arbeitstage, eine Frühpensionierung und erst noch höhere Löhne. Da fühlst du dich einfach verarscht!

Maurer als Vorbild

Eine Steilvorlage für Redner Alvaro Acuña: «Warum haben denn die Maurer bessere Bedingungen? Weil die grosse Mehrheit von ihnen in der Gewerkschaft mitmacht!» Übrigens seien auch die Holzbaumeister fast alle Mitglied in ihrem Verband. «Aber was ist mit uns?»

Der Appell des Vertrauensmanns bleibt nicht ohne Wirkung. Beim Dessert unterschreiben einige Kollegen Beitrittsformulare. Ein gutes Omen für den weiteren GAV-Verhandlungsverlauf? Er sei grundsätzlich optimistisch, meint Unia-Sekretär Giuseppe Reo. Zugleich sei klar für ihn: «Ohne Bewegung und Druck von der Basis werden sich diese Arbeitgeber nicht beeindrucken lassen.»

Zimmerleute fordern:

  • Mehr Lohn für alle
  • Mindestlöhne auch für Berufsleute mit über 10 Jahren Erfahrung
  • Mehr Ferien
  • Kürzere Arbeitszeiten (z. B. Viertagewoche)
  • Besserer Kündigungsschutz für Ältere
  • Keine Karenztage bei Krankheit

Landsgemeinde der Holzbranchen, 31.10.26, 10.15 Uhr, Radisson Blu, Luzern

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