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Zimmermann Bruno Rimml:«Zeit kannst du nicht ­ersetzen»

Abwechslung gehört zu seinem ­Beruf. Und zu seinem Leben. Der Zimmermann Bruno Rimml ­montiert in der ganzen Schweiz ­Bühnen, Tribünen, Pop-up-Chalets. Er schreinert massgefertigte ­Tische auf Stundenlohnbasis – und ­übernimmt zu Hause einen Grossteil der Familienarbeit.

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Bruno Rimml zimmert sich sein ­Leben aus Unterwegssein, ­Abwechslung und viel Zeit für die ­Familie. (Foto: Stephan Bösch)

Seine Hände sind rau, von Rissen durchzogen. Am Zeigfinger klafft eine alte Wunde. Diese Hände sind Bruno Rimmls Werkzeug – und sein Archiv. Sie haben Türen, Treppen und Terrassen gebaut. Er hat mit ihnen Dächer gedeckt, Fachwerkhäuser aus Eiche aufgerichtet, Weinfässer gefertigt. Und nicht zuletzt sein eigenes Bauernhaus saniert. Innen wie aussen.

«Die Arbeit mit den Händen liegt mir. Schon als Kind habe ich immer etwas gewerkelt», sagt der 54jährige und rührt in seinem Milchkaffee. Der gelernte Zimmermann sitzt an seinem freien Tag in einem Café in Amriswil TG. Zehn Minuten entfernt wohnt er mit seiner Familie in einem kleinen Weiler mit viel Umschwung. Vor 16 Jahren ist der gebürtige Bündner mit seiner Familie nach einer zweijährigen Reise durch Europa hier im Thurgau gelandet.

Arbeit fand er, wie so oft, auf direktem Weg: Er klopfte bei der damaligen Nüssli Produktion in Hüttwilen an und fragte nach dem Chef.

Ich habe mich nie schriftlich beworben, sondern habe persönlich vorgesprochen. Entweder es passt – oder es passt nicht.

Es hat gepasst. Er ist geblieben.

Perfekte Mischung

Heute arbeitet er an zwei Tagen pro Woche bei der Ruba Objektbau AG, einem Unternehmen der Nüssli-Gruppe, als Montageleiter. Er organisiert Einsätze, plant Aufbauten, stellt Material zusammen, belädt Lastwagen. Dann fährt er von Hüttwilen in die ganze Schweiz. Ans World Economic Forum (WEF) in Davos, ans Oktoberfest in Zürich oder an die Seespiele in Thun.

Vor Ort entstehen temporäre Gebäude wie Bühnen, Festhütten oder komplette Chalets. Am WEF sind es deren fünf, die Bruno Rimml mit seinen Kollegen auf- und nach dem Forum wieder abbaut. Die Arbeit benötigt genaues Planen, rasches Arbeiten – und Freude am Unterwegssein. «Ich habe ein Nomadenherz. Darum schätze ich die Montagearbeit», sagt Rimml. Daneben arbeitet der 54jährige in einer kleinen Schreinerei im Nachbarsdorf auf Stundenlohnbasis. Dort übernimmt er Arbeiten, die andere nicht mehr können oder wollen: Masse im Kopf berechnen, Holz von Hand bearbeiten, Bretter exakt verleimen. Dem passionierten Handwerker geht das Herz auf, wenn die Späne durch die Luft fliegen, wenn der Duft nach frischem Holz durch die Schreinerei zieht – und wenn die Maserungen perfekt ineinanderfliessen.

Das, was aus einem Baumstamm alles entstehen kann – das ist das Schöne am Beruf!

Familienmensch

Für Bruno Rimml gibt es allerdings Wichtigeres als Arbeit – nämlich die Familie. Als das erste Kind unterwegs war, wohnte er noch in Graubünden. Und hatte seine eigene Zimmereibude. Oft arbeitete er 14 Stunden am Tag. Am Abend drehte der Kopf weiter.

Wir hatten viel zu tun, das Geschäft lief rund. Aber mir fehlte die Zeit.

Er gab seine Firma auf und reiste mit seiner Frau und zwei Kleinkindern quer durch Europa. Sie lebten eng im Bus zusammen. «Wir schliefen alle im gleichen Bett – ein richtiges Durcheinander an Füssen und Händen», sagt er und lacht. Ab und an jobbte er in Handwerksbetrieben.

Mit dem dritten Kind wuchs der Wunsch nach etwas mehr Ruhe und Sesshaftigkeit. So landeten sie im Thurgau. Als seine Frau eine 60-Prozent-Stelle fand, reduzierte er sein Pensum. Das war vor 14 Jahren. Dabei ist es geblieben. «Ich will ein präsenter Vater sein», betont er. Einer, der trägt, tröstet, kocht, nachts aufsteht. Einer, der mit den Kindern durch die Wälder zieht, Ski fahren geht und bei den Hausaufgaben hilft. Heute sind alle drei in der Lehre. Leben ihr Leben. Geblieben ist die Nähe zu ihnen. «Zeit kannst du nicht ersetzen!» ist Bruno Rimml überzeugt.

Die Sprüche seiner Arbeitskollegen nimmt er gelassen. «Da stehe ich darüber.» Wichtig ist das Verständnis seines Chefs. Das sei da. «Sonst wäre ich gegangen.» Derzeit läuft ein gemeinsames Projekt der Sozialpartner in der Branche, um die Vereinbarkeit zu verbessern (arbeitsmodelle-holzbau.ch). Für Rimml ist klar: Solche ­Modelle müssen möglich sein – auch oder gerade im Baugewerbe.

Wandel im Beruf

In Zeiten des Fachkräftemangels seien gute Arbeitsbedingungen zentral, sagt Rimml. Die Unia, in der Rimml Mitglied ist, verhandelt derzeit über den ­Gesamtarbeitsvertrag in der Holzbranche neu, eine Petition soll die Forderungen in die Betriebe tragen. Für den Vorarbeiter geht es dabei nicht nur um den Lohn. Er verdient 2800 Franken brutto bei 40 Prozent. «Das ist so weit okay», sagt er. Mehr beschäftigt ihn das Image der Branche. Gemäss einer Unia-Umfrage will fast jeder zweite den Beruf verlassen. «Viele Junge suchen sich eine körperlich weniger strenge Arbeit.» Das beginne bereits in der Schule.

Wer gut ist, dem wird das Handwerk oft ausgeredet.

Aber auch die Arbeit selbst hat sich verändert. Mehr Technik. Weniger Hand- und Kopfarbeit. Der 54jährige schaut auf seine rauen Hände. Dann sagt er: «Ich habe es mir gut eingerichtet. Aber ich verstehe, wenn den Jungen heute die Arbeit zu einseitig wird.»


Bruno RimmlAuf der Walz und im Wald

Unterwegs sein, Abenteuer erleben, die Welt entdecken: Das zeichnete Bruno Rimml schon als Jugendlichen aus. Was lag nach der vierjährigen Lehre näher als auf die Walz? In schwarzer Zunfthose, mit Hut, weissem Hemd und fünf Franken zog er zu Fuss los. Wilde Jahre seien es gewesen. Und ­lehrreiche.

Bis Russland

Er arbeitete in unzäh­ligen Betrieben in ganz Europa und bis nach Russland. Er segelte über den Atlantik bis in die Karibik – und wieder zurück. Und brachte nebst den fünf Franken – man bereichert sich auf der Walz nicht ­materiell – einen unglaublichen Fundus an Wissen, Erfahrung, Erlebnissen und Freundschaften mit. Heute zieht es ihn weniger in die Welt, es reicht die Umgebung im Thurgau. Am liebsten läuft er durch nahe gelegene Wälder. «Das ist nebst der Familie meine Art, mich zu entspannen.

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