Inklusions-Initiative
«Die Gewerkschaften müssen ihren Blick erweitern»

Die Inklusions-Initiative fordert die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung. SP-Nationalrat Islam Alijaj (40) setzt sich im Parlament für Verbesserungen beim Gegenvorschlag des Bundesrates ein. Auch bei den Gewerkschaften sieht er Handlungsbedarf.

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KÄMPFT FÜR MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN: SP-Nationalrat Islam Alijaj (40). (Foto: Keystone)

work: Sie sind eine der treibenden Kräfte hinter der Inklusions-Initiative. Was sind Ihre wichtigsten Forderungen? 
Islam Alijaj: Besonders wichtig ist uns, dass die Selbstbestimmung zum Massstab wird: Menschen mit Behinderungen sollen nicht länger in vorgegebene Strukturen passen müssen, sondern selbst entscheiden können, wie sie wohnen, arbeiten und leben. Mit der Initiative wollen wir erreichen, dass es in der Schweiz verbindliche Rechte gibt und wirksame Verbesserungen im Alltag von Menschen mit Behinderung und ihrem Umfeld erreichen.

Der Bundesrat hat einen Gegenvorschlag zur Initiative gemacht. Wie zufrieden sind Sie damit?
Der Gegenvorschlag des Bundesrates konzentriert sich auf das selbstbestimmte Wohnen. Das ist zwar zentral, aber Inklusion darf nicht an der Wohnungstür enden. Sie betrifft ebenso Bildung, Mobilität, politische Teilhabe, den Zugang zu Dienstleistungen und natürlich die Arbeit. Es braucht angemessene Vorkehrungen am Arbeitsplatz und echte Wahlmöglichkeiten. Dabei dürfen auch Menschen, die heute im zweiten Arbeitsmarkt tätig sind, nicht vergessen gehen. Auch sie brauchen faire Arbeitsbedingungen, soziale Absicherung und realistische Möglichkeiten, sich beruflich weiterzuentwickeln oder in den ersten Arbeitsmarkt zu wechseln. Da muss das Parlament nachbessern.

Wie gut funktioniert denn die Inklusion derzeit im Schweizer Arbeitsmarkt?
Es gibt engagierte Unternehmen und einzelne gute Projekte. Insgesamt funktioniert die Inklusion aber noch nicht ausreichend. Zu viele Menschen mit Behinderungen erhalten trotz guter Qualifikationen keine Chance, können nur in sehr kleinen Pensen arbeiten oder stossen auf Arbeitsplätze und Bewerbungsverfahren, die nicht barrierefrei sind. Gleichzeitig wird häufig fast ausschliesslich über die Integration in den ersten Arbeitsmarkt gesprochen. Die Realität vieler Menschen im ergänzenden Arbeitsmarkt bleibt dabei weitgehend unsichtbar. Dort sind Arbeitnehmendenrechte, Löhne, berufliche Entwicklung und soziale Absicherung oft ungenügend.

Was erwarten Sie in diesem Zusammenhang von den Gewerkschaften? 
Gewerkschaften sollten Inklusion als Teil ihres eigentlichen Auftrags verstehen: gute und faire Arbeitsbedingungen für alle Menschen zu schaffen. Sie können sich in Gesamtarbeitsverträgen für barrierefreie Arbeitsplätze, angemessene Vorkehrungen, flexible Arbeitszeiten, Schutz vor Diskriminierung und faire Löhne einsetzen. Ebenso wichtig sind barrierefreie Beratungsangebote und die aktive Einbindung von Menschen mit Behinderungen in gewerkschaftliche Strukturen und Verhandlungen. Dafür müssen die Gewerkschaften ihren Blick allerdings erweitern. Die Arbeitsrealität von Menschen mit Behinderungen beginnt nicht erst mit einem regulären Arbeitsvertrag im ersten Arbeitsmarkt. Auch Menschen im ergänzenden Arbeitsmarkt brauchen eine wirksame Interessenvertretung. Beratung und Unterstützung sollten deshalb möglichst niederschwellig zugänglich sein. 
 

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