Unia ruft Notstand aus!
Vertrödelter Hitzeschutz bringt Bauarbeiter zum Umfallen 

Eine neue Umfrage zeigt: Der Hitzeschutz auf Schweizer Baustellen funktioniert miserabel. 15 Prozent der Bauleute haben diesen Sommer sogar einen Zusammenbruch erlebt. Die Unia fordert ultimativ Taten statt Lippenbekenntnisse – und weiss ein sattes Volksmehr hinter sich.

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CHRAMPFEN UNTER EXTREMBEDINGUNGEN: Die Gesundheit der Baubüezer steht auf dem Spiel. (Foto: Keystone)

Warnrufe gehören zum normalen Repertoire einer jeden Gewerkschaft. Doch was die Unia heute morgen an einer Pressekonferenz in Bern vortrug, ist keine Warnung mehr, sondern ein veritabler Alarm:

Das Leben der Menschen, die unser Land bauen, steht auf dem Spiel.

Zu diesem gravierenden Schluss kommt die Gewerkschaft aufgrund einer Umfrage, die sie diesen Juli unter knapp 1000 Bauarbeitern aus der ganzen Schweiz durchgeführt hat. Die Unia wollte damit herausfinden, ob die geltenden Hitzeschutzbestimmungen der Suva im Bau-Alltag auch tatsächlich umgesetzt werden. Das Resultat hat es in sich:

  1. Obwohl die Suva ab 33 Grad stündliche Pausen von 15 Minuten an einem kühlen Ort vorgibt, erfolgten solche Pausen auf 82 Prozent der Baustellen nicht.
  2. Ein fixer, kühler Pausenort ist auf zwei Dritteln der Baustellen gar nicht vorhanden.
  3. Obwohl die Suva ab 28 Grad eine Anpassung der Arbeitsrhythmen und -zeiten verlangt, mussten zwei Drittel aller Bauleute weiterchrampfen wie bisher. Selbst bei 39 Grad gab es laut der Umfrage für die allermeisten Bauleute keine Anpassung.
  4. 15 Prozent der befragten Bauleute sind in dieser Hitzeperiode am Arbeitsplatz bereits einmal ohnmächtig geworden. Oder haben miterlebt, wie ein Kollege oder eine Kollegin zusammengebrochen ist.

Einer, der diesen Extremsommer auf dem Bau verbrachte, ist der Zürcher Kranist Zeqir Binakaj (59). Er schilderte vor versammelter Presse, was es bedeutet, bei bis zu 40 Grad unter der sengenden Sonne arbeiten zu müssen:

Dein Körper macht irgendwann nicht mehr mit, du wirst müde, der Kopf schmerzt, die Konzentration lässt nach und dann passieren die Unfälle.

Die Teams in seiner Firma hätten die Pausenregel zum Glück strikt durchgezogen. «Es macht einen riesigen Unterschied, wenn man sich regelmässig abkühlen kann!» Doch den gefährlichen Leistungsabfall könnten auch solche Pausen nicht ganz verhindern.

Im Kontrollwesen herrscht «Vollzugsnotstand»

Für Chris Kelley, Unia-Co-Leiter Bau, macht die Umfrage überdeutlich: «Es geht längst nicht mehr darum, ob arbeiten bei Hitze anstrengend oder unangenehm ist. Heute stehen nichts weniger als die Gesundheit und die Arbeitssicherheit auf dem Spiel!» Das Problem liege bei weitem nicht nur bei fahrlässig wirtschaftenden Baufirmen. Mindestens so grossen Einfluss hätten die Bauherren, die – Hitze hin oder her – auf die Einhaltung der Termine pochten und die Firmen mit Konventionalstrafen unter Druck setzten.

KÄMPFEN FÜR DIE BAULEUTE: (v.l.) Simon Constantin, Nico Lutz und Chris Kelley von der Unia. (Foto: Thierry Porchet)

Und dann die Suva. «Ihre Regeln sind eigentlich gut, aber in der Realität oft zahnlos», sagte Simon Constantin vom Unia-Bausektor. Denn: «Heute gibt es weder effektive Kontrollen noch Sanktionsmöglichkeiten bei Verstössen.» Man müsse daher von einem eigentlichen «Vollzugsnotstand» sprechen. Es sei aber die Suva, die zuständig sei für die Durchsetzung der Bauarbeitenverordnung (BauAV) mit ihren Bestimmungen zu Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Falls die Suva aber weiterhin nicht fähig oder nicht willens sei, ihre Kontrollfunktion wahrzunehmen, müsse eben eine andere Stelle beauftragt werden.

Nico Lutz kritisiert zögernde Baumeister

Auch der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) steht in der Kritik. Unia-Geschäftsleitungsmitglied Nico Lutz erinnerte daran, dass der 2024 gestartete «Runde Tisch Hitze» «ziemlich vielversprechend» begonnen habe. Dies weil sich zunächst alle Involvierten – also Baumeister, Gewerkschaften, grosse Auftraggeber, Bund und Suva – einig geworden seien. Der Konsens: Es brauche klare Regeln, ab wann die Arbeiten eingestellt werden müssen. Doch: «Als es dann darum ging, konkret zu werden und die Bauarbeitenverordnung zu präzisieren, ist der SBV skeptisch geworden und wollte sich zuerst mit anderen Branchen abstimmen.»

Die Bauherren wiederum hätten sich auf den Standpunkt gestellt, ein besserer Schutz sei zwar schon recht, dürfe sie aber nichts kosten. «So geht das Schwarzpeterspiel immer weiter», kritisiert Lutz. Statt Lippenbekenntnisse brauche es jetzt endlich Taten. Konkret müsse die Bauarbeitenverordnung künftig vorschreiben, dass schwere Arbeiten im Freien ab 33 Grad eingestellt werden müssen, ausser es sind pro Stunde 15 Minuten bezahlte Pause an einem gekühlten Ort möglich. Zudem müsse der Ständerat dem Nationalrat endlich folgen und die 2024 eingereichte Motion «Gesundheitsschutz der Bauarbeitenden stärken» ebenfalls verabschieden. Diese verlangt, dass keine Konventionalstrafen mehr gegen Unternehmen verhängt werden können, wenn sie wegen hitzebedingter Arbeitsunterbrechungen in Verzug geraten. Opposition dagegen gab es bisher vor allem vom Bundesrat und der SVP.

Ebenfalls brauche es eine Anpassung der Schlechtwetterentschädigung. Diese sei für längere Ausfälle im Winter konzipiert und mit ihren Karenzfristen für die zunehmenden und oft kürzeren hitzebedingten Ausfälle nicht geeignet. Lutz:

Es kann nicht sein, dass am Ende die Bauarbeiter das ganze Risiko des Klimawandels tragen müssen!

Sattes Volksmehr ist pro Hitzefrei

Das sieht offenbar auch die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung so. Laut einer von Tamedia und «20 Minuten» in Auftrag gegebenen Studie unterstützen 81 Prozent die Unia-Forderung nach Baustops ab 33 Grad. Selbst unter Anhängern von FDP und SVP sprechen sich rund sieben von zehn Befragten ganz oder eher für Hitzefrei aus. Wird die Unia also bald eine Volksinitiative in Angriff nehmen? Es gebe einfachere Mittel, meinte dazu Nico Lutz an der Pressekonferenz. «Die Lösungen liegen längst auf dem Tisch. Jetzt müssen die Aktuere nur noch liefern – und zwar alle!» Wenn aber weiter nichts passiere, dann stelle sich diese Frage durchaus.
 

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