SP-Kantonsrätin zur St. Galler Rassismus-Debatte:
«Im Rheintal gibt es noch viel Luft nach oben»

In ihrem offenen Brief «Liebes Rheintal» gewährt die Kulturschaffende Arzije Asani (31) verstörende Einblicke in eine von Ausgrenzung geprägte Kindheit. In der Ostschweiz hat die Neo-Zürcherin damit eine Rassismusdebatte entfacht. Lokalmedien schreiben von einer «Abrechnung» mit ihrer alten Heimat. Und während Asani von Menschen mit Migrationsgeschichte viel Zustimmung erfährt, fordert SVP-Nationalrat Mike Egger eine Entschuldigung, da sie eine ganze Bevölkerung als fremdenfeindlich verunglimpft habe.
Was ist los im äussersten Osten? Die Rheintaler Politologin und SP-Kantonsrätin Karin Hasler (44) ordnet ein. Und sie verrät, warum die aktuelle Debatte sie auch ganz persönlich trifft.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 14:10

work: Frau Hasler, Sie sind im St. Galler Rheintal aufgewachsen und vertreten die Region im Kantonsparlament. Fühlen Sie sich beleidigt?

Karin Hasler: Überhaupt nicht! Was Mike Egger behauptet, stimmt ja auch nicht. Frau Asanis Brief ist nicht gegen die Rheintalerinnen und Rheintaler gerichtet und sie wirft sie nicht in einen Topf. Vielmehr schildert sie eindrücklich ihre persönliche Erfahrung mit und in der Gegend. Die vielen Likes und Bekräftigungen auf Instagram zeigen, wie sehr das Thema berührt und dass sie mit ihren Erfahrungen alles andere als allein ist. Auch mich machte Asanis Brief betroffen – und es kamen alte Erinnerungen hoch.

Inwiefern machte Sie Asanis Brief betroffen?

Das weiss ja hier fast keiner. Mein Grossvater war der erste türkische Saisonnier des Rheintals! Er kam aus Istanbul und arbeitete in der Rohner-Socken-Fabrik in Balgach. Mein Vater legte dann aber alles Türkische ab, hat sich regelrecht assimiliert, und als ich in der vierten Klasse war, nahmen wir den Schweizer Namen meiner Mutter an.

RHEINTAL- UND RASSISMUSEXPERTIN. Die Politologin Karin Hasler ist im Rheintal aufgewachsen, ihr Grossvater war der erste türkische Saisonnier in der Gegend. Foto: zvg.

Haben also auch Sie Rassismus erlebt im Rheintal?

Klar, Rassismus war in meiner Jugend fest verankert im Alltagsdiskurs – und zwar in allen Schichten der Gesellschaft. Und wenn man als Kind Rassismus erlebt, vergisst man das nie. Es ist schlimm, wenn dir gezeigt wird, dass du nicht dazugehörst und auch nie dazugehören wirst. Als Kind bist du dann ständig um Anpassung bemüht. So wirst du von Anfang an begrenzt oder in Frage gestellt. Mit oft sehr drastischen Folgen. Meinen Eltern war dies klar, deshalb war die Namensänderung ein strategischer Entscheid, um später im Rheintal, aber auch allgemein in der Schweiz keine Begrenzung zu erfahren, sei dies in der Schule, im Lehrstellen- oder im Wohnungsmarkt.

Es scheint funktioniert zu haben, immerhin wurden Sie in den Kantonsrat gewählt!

Ja, ich fühle mich mit meiner Familie im Rheintal verwurzelt. Aber ob ich auch in den Kantonsrat gewählt worden wäre, wenn ich noch den Namen meines Vaters gehabt hätte, frage ich mich schon. Ich denke, nicht, schaue ich auf die Listen bei den Kantonsratswahlen. Im Rheintal bin ich ja sogar die einzige Frau. Es geht eigentlich gar nicht nur um Rassismus, sondern um die Privilegien derjenigen, die denken, sie können bestimmen – eben genau so wie Mike Egger. Er fühlt sich nur mächtig, wenn er andere Bevölkerungsgruppen kleinhält. Das ist keine wahre Grösse. Und es geht Herrn Egger sowieso nur um mediale Präsenz. Das Rheintal steht sinnbildlich für die ganze Schweiz, und diese hat ein Problem mit Rassismus. Da ist Frau Asani sicher nicht die erste, die das schreibt. Es wäre nur naiv, nicht zu bekennen, dass eine Gesellschaft auch negative Seiten hat. Hat Herr Egger etwa etwas gegen eine kritische Perspektive? Dass Arzije Asani da Licht ins Dunkel bringt und eine Debatte anstösst, ist deswegen nichts als richtig.

Die Aufmüpfige mit dem Doktortitel

Karin Hasler kam 1982 im St. Galler Rheintal zur Welt, als Tochter eines Türken und einer Schweizerin. Nach längeren Studien- und Arbeitsaufenthalten in Zürich und Freiburg lebt die promovierte Kommunikationswissenschaftlerin und Politologin heute wieder in Balgach SG, zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern. Die 44jährige arbeitet als selbständige Lektorin und als Wissenschaftscoach. Hasler ist Präsidentin der SP Rheintal und politisiert seit 2020 auch im Kantonsrat. Dort gilt sie als beherzte Kämpferin, die nicht aufs Maul hockt. Das wird im konservativen Kanton nicht nur goutiert.


Erst letzten Juni kam es zum Affront: Die bürgerliche Parlamentsmehrheit verweigerte Hasler das Präsidium der Staatswirtschaftlichen Kommission. Dabei galt die Wahl als blosse Formsache. Bisher hatte das Parlament für derartige Posten noch nie einen Fraktionsvorschlag abgelehnt. Bis diesen Juni. Die SP-Frau gelte als «zu politisch», hiess aus SVP-Kreisen. Statt Hasler wurde ihr Parteikollege Florian Kobler gewählt. Doch Kobler, ab 1. August übrigens Regioleiter der Unia Ostschweiz-Graubünden, lehnte die Wahl aus Protest ab. Die engültige Besetzung des SWK-Präsidiums steht damit noch aus. (jok)

Für Frau Asani selbst brachte die Debatte auch einen Haufen gehässige Reaktionen und Leserbriefe ein. Um nicht noch mehr zur Zielscheibe zu werden, stellte die Autorin ihr Instagram-Profil auf privat und zog auch ein Interview zurück, das sie work gegeben hatte. Wie erregt ist die Rheintaler Volksseele zurzeit?

Viele sind sowieso in den Sommerferien und haben das alles gar nicht auf dem Radar. Kaum mehr jemand liest die Zeitung. Aber dass es auch heftige Reaktionen geben würde, war absehbar. Für Mike Egger war es schlicht eine billige Möglichkeit, sich bei seiner Wählerschaft in Szene zu setzen. Er betreibt reinen Populismus und entblösst dabei zwei Dinge. Erstens seine historische Unwissenheit. Denn wenn sich jemand endlich entschuldigen müsste, dann wäre das die offizielle Schweiz für das Leid, das sie Generationen von Saisonnierfamilien wie jener von Arzije Asanis angetan hat.

Und zweitens?

Dass er keine Kritik aushalten kann. Was Asani tat, ist nie falsch. Sie hat ihr emotionales Erleben geschildert. Und zwar öffentlich. Das ist wichtig, weil es ja ums Zusammenleben geht, und dieses ist immer politisch und öffentlich. Aber im Rheintal wird Kritik oft zurückgehalten, eben aus Angst, ausgegrenzt zu werden.

In Ihrer Kindheit war der Rassismus also allgegenwärtig. Und heute?

Es hat sich schon etwas bewegt, auch weil die Gesellschaft durchlässiger geworden ist. Menschen mit migrantischer Geschichte müssen sich aber immer noch doppelt beweisen, und Vorurteile sind noch immer stark verbreitet. Das merkte ich, als ich nach 15 Jahren Studium in Zürich und Freiburg 2015 ins Rheintal zurückkehrte. Wir von der SP Rheintal fanden immer wieder rassistische Aussagen in den Social Media der Polizei und diversen Chats. Dies sollte eigentlich von Gesetzes wegen angezeigt werden, wird aber nicht gemacht. Dass wir sogar bei der Polizei auf Widerstand stiessen, zeigt immer wieder, wo wir kulturell stehen. Auch die krass konservative Haltung bezüglich Einbürgerungspolitik hat bei vielen migrantischen Rheintalern und Rheintalerinnen die Haltung erzeugt, dass sie sich gar nicht einbürgern wollen. So erzeugen die Gemeinden eine gespaltene Gesellschaft – und dieses Problem besteht weiter.

Was für Spaltungen meinen Sie?

Die Volksschule trägt eine grosse Verantwortung. In einigen Schulgemeinden werden die Klassen in Christen und Nichtchristen eingeteilt, damit die Einteilung in den Religionsunterricht schulorganisatorisch einfacher ist. Damit lernen schon die Kinder, wer zur dominanten Gruppe gehört und wer zweite Geige spielt. Hier entstehen die ersten Diskriminierungserfahrungen, die die Schullaufbahn prägen. Ich habe dagegen rekurriert. Doch die zuständige Stelle ist rechtsbürgerlich dominiert und hielt die Trennung für legitim, obwohl das Bundesgericht kurz davor in einem ähnlichen Fall anders entschieden hatte.

Die SVP hat im Rheintal die einst dominante CVP (heute «die Mitte») längst überholt und erreicht auch im schweizerischen Vergleich Spitzenwerte. Aber anders als etwa die ausländerarmen SVP-Hochburgen der Innerschweiz hat das Rheintal mit gut 30 Prozent einen überdurchschnittlichen Ausländeranteil. In St. Margrethen ist sogar die Mehrheit ohne Schweizer Pass. Wie geht das zusammen?

Je ländlicher eine Gegend, desto eher wird Zugehörigkeit und Identität über Homogenität definiert. Vielfalt wird als Bedrohung der eigenen Identität erlebt und erzeugt bei solchen Leuten eben eine Abwehrhaltung, die sich in fremdenfeindlichen Äusserungen zeigt. Rassismus wird anerzogen, das heisst, er entsteht in der Familienkultur und erfährt dort seine Legitimation. Es ist also eine Frage der Erziehung, der Werte und des Anstandes, wie andere Leute behandelt werden. Hier gibt es im Rheintal tatsächlich noch viel Luft nach oben.

Dabei wäre das Rheintal als Grenzgebiet ja schon rein geografisch auch international ausgerichtet, ganz zu schweigen von der stark vertretenen exportorientierten Industrie!

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ging es Vorarlberg wirtschaftlich extrem schlecht und es wurde über einen Anschluss an die Schweiz abgestimmt. Auf Schweizer Seite gab es grosse Vorbehalte dagegen und letztlich blieb der Status quo. Heute ist Vorarlberg zusammen mit dem Schweizer Rheintal eine signifikant wichtige Wirtschaftszone in Europa. Doch diese wird nicht gemeinsam wahrgenommen – jeder für sich, typisch Schweiz.

Und es ist schon so, wie Asani es beschreibt. Die soziale Mobilität im Rheintal ist gering, das beginnt schon beim Wohnen. Früher war klar, wer in diesem Quartier wohnt, geht dann in die Realschule und die von dort in die Sek. Es gibt allgemein zu wenig kulturellen Austausch mit unseren Nachbarn, ob vom Dorf oder ennet der Landesgrenzen. Man muss aber nicht verschweigen, dass es auch migrantische Menschen gibt, die schon länger hier sind und gewisse Abwehrreflexe übernommen haben, sofern diese gegen andere migrantische Gruppen zielen. Das ist auch eine Art der Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft. Grundsätzlich funktioniert Integration aber nicht als Einbahnstrasse, bewegen müssen sich alle, auch die Alteingesessenen, sonst handelt es sich um Assimilation.

Werden Sie das Thema aufs politische Parkett bringen?

Wir brauchen eine Politik, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt, statt Menschen gegeneinander ausspielt. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Volksschule. Noch immer werden im Kanton St. Gallen die Kinder in Real- und Sekundarklassen aufgeteilt. Und das sehr früh. Das beeinflusst ihre Bildungs- und Berufschance erheblich. Kinder aus Familien mit wenig finanziellen Ressourcen oder mit Migrationsgeschichte sind von dieser Selektion besonders häufig betroffen. Bei mir war es so, dass praktisch alle migrantischen Mitschülerinnen und Mitschüler automatisch der Real zugewiesen wurden. In der Sek hatte es kaum, an der Kanti und der Uni dann gar keine Migranten mehr. Das zieht sich bis heute weiter. Es darf aber nicht sein, dass ausgerechnet unsere Schulstruktur dazu beiträgt, soziale Unterschiede über Generationen hinweg fortzuschreiben. Aktuell läuft die Totalrevision des St. Galler Volksschulgesetzes. Die SP setzt sich klar für die Abschaffung der heutigen Auftrennung ein.

«Liebes Rheintal»

Arzije Asani hat ihr Instagram-Profil mittlerweile auf privat gestellt, womit ihr heiss diskutierter Text nicht mehr öffentlich zugänglich war. Doch work hat die Erlaubnis zum Nachdruck.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.