work: Herr Saito, Sie sind einer der meistgelesenen marxistischen Autoren der Gegenwart, in Ihrer Heimat Japan, aber auch in Europa. Was hat Sie zu Karl Marx geführt?
Kohei Saito: Ich bin Teil einer Generation, die von der Finanzkrise im Jahr 2008 geprägt ist. Die Staaten halfen nur den grossen Finanzkonzernen. Da wurden mir die Ungerechtigkeiten des Kapitalismus bewusst, dass die aktuellen Regeln nur den Reichen helfen, obwohl diese für die Krisen verantwortlich sind. 2011 folgte dann die Atomkatastrophe von Fukushima. Da ist bei mir auch ein ökologisches Interesse entstanden. Die Katastrophe und der Umgang damit haben auch gezeigt, welche grossen Ungleichheiten es zwischen ländlichen Regionen und den Grossstädten gibt. 2019 wurde ich als Autor der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) in Berlin aufgenommen. So wie Marx bin auch ich sehr interessiert an Fragen von Nachhaltigkeit, also auch an der Erschöpfung von natürlichen Ressourcen im Kapitalismus.
Der Klimakollaps ist in Ihren beiden Büchern «Systemsturz» und «Am Ende des Fortschritts» omnipräsent. Wie verbinden Sie diese Gegenwart mit den fast 200jährigen Ideen von Marx?
Marx hat realisiert, dass unendliches Wachstum ein zentrales Thema im Kapitalismus ist. Ich übertrage seine Theorien auf die heutige Zeit. Also auf den enormen Bedarf nach Erdöl und weiteren Rohstoffen. Der Riss im natürlichen Stoffwechselsystem, von dem Marx sprach, zeigt sich heute auf globaler Ebene im Klimakollaps und beim Schwund der Biodiversität. Marx hat beschrieben, wie sich der Kapitalismus auf die natürlichen Lebensgrundlagen auswirkt, insbesondere auf Böden, die unfruchtbar werden. Daher sehe ich in der Lehre von Marx auch die Notwendigkeit eines Ökosozialismus, nicht nur für mehr Gleichheit, sondern auch für Nachhaltigkeit.
Bei Gewerkschaften ist das Konzept von Postwachstum, also einer schrumpfenden Gesamtwirtschaft, allerdings nicht sehr populär.
Es gibt ein Spannungsverhältnis zwischen Gewerkschaften und dem Konzept von Degrowth, also Postwachstum. Die Forderung nach höheren Löhnen steht in einem gewissen Widerspruch zur Idee von Postwachstum, oder dann muss die Verteilungsfrage viel stärker ins Zentrum gerückt werden. Ich halte es für sehr wichtig, dass die Gewerkschaften die ökologischen Aspekte und die sozialen Forderungen zusammenführen. Zum Beispiel auch mit der Forderung nach einem Ausbau des Service public, da geht es um öffentlichen Verkehr, Spitäler, Bildung, Care-Arbeit – auch die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen käme sehr wohl der Arbeiterklasse zugute.
In Ihrem aktuellen Buch ist auch viel von Planwirtschaft die Rede. Gleichzeitig durchdringt der Glaube an den Markt heute alle Schichten und Lebensbereiche.
Für viele Menschen ist eine sozialistische Planwirtschaft heute tatsächlich fast unvorstellbar. Und wenn sie es sich vorstellen, dann denken sie an das Ende der Sowjetunion: ineffizient und totalitaristisch. Aber wenn wir die heutige Realität genau anschauen, lässt sich erkennen, dass Firmen wie Amazon oder Google sehr genau berechnen und dass sie dies mit enormen Datensätzen machen. So wissen sie, wer welches Produkt will und wie sie es beschaffen können. Sie können antizipieren und manipulieren. Diese Firmen nutzen mächtige Vorhersagetools und KI. Aber das Problem ist, dass sie diese Möglichkeiten lediglich zur Maximierung des Profits und der Vermögen der Besitzenden nutzen. Es ist eine private Planwirtschaft, die nur den Milliardären dient. Wir müssen diese Rechenkapazitäten für die arbeitende Bevölkerung umnutzen. Es geht um die Vorstellung einer effizienteren Verteilung durch eine Planwirtschaft, bei der auch Vermögen gerechter verteilt werden.
Sie sprechen in Ihrem neuen Buch auch von «dark socialism» – düsterem Sozialismus. Können Sie das erklären?
Bei Mitgliedern von linken Parteien und Gewerkschaften ist immer noch die Vorstellung einer besseren Zukunft verbreitet. Man sagt den Leuten: Wir bieten die Lösung zur Überwindung der jetzigen Krisen. Das geht auch auf Rosa Luxemburg und ihren berühmten Leitspruch «Sozialismus oder Barbarei» zurück. Im Zeitalter des Klimakollapses ändert sich jedoch Grundsätzliches: Jedes zukünftige Jahr wird global noch heisser, es wird mehr Mangel geben, weniger Wachstum, mehr Autoritarismus. Die Zukunft wird insgesamt schlechter, das müssen wir zuerst anerkennen. Ich schlage daher einen «Sozialismus in der Barbarei» vor. Menschenrechte und Demokratie können wir nur verteidigen, wenn wir akzeptieren, dass das Zeitalter des Fortschritts vorbei ist. Wer noch eine optimistische Zukunftsvision hat, ist noch nicht so ganz in der Gegenwart angekommen.
In der Schweiz ist diese Gegenwart trotz Hitzewellen und Bergstürzen noch nicht ganz so dramatisch.
In Fukushima oder im Globalen Süden, zum Beispiel in Bangladesh und an vielen anderen medial weniger beachteten Orten, leben Menschen schon in den Ruinen des Kapitalismus. Elon Musk oder Peter Thiel leben zwar nicht dort, aber sie haben diese globale Endzeit erkannt und für sich zunutze gemacht. Ihre Technologien sind eine Form der Anpassung an den Klimakollaps und die permanente Knappheit. Es ist ihre Überlebensstrategie. Sie haben eine sehr gefährliche Vision der «düsteren Aufklärung», bei der nur die technologische Überlegenheit zählt. Menschenrechte, Demokratie und staatliche Umverteilung werden verachtet und bekämpft. Die Linke sollte sich daher auch neue Formen der Anpassung überlegen. Befreiung und Emanzipation stehen da weniger im Zentrum, sondern mehr die Sphäre des Notwendigen, Überlebenswichtiges wie Wasser oder ein Zuhause.
Haben Sie auch Kontakte zur kommunistischen Partei in Japan?
Nein, ich bin nur Mitglied von nichtkommunistischen lokalen Gruppen und einer Gewerkschaft. Meine Vision einer düsteren Zukunft ist für die kommunistische Partei sehr schwer vorstellbar. Sie ist älteren Ideen mit Wachstum durch einen Green New Deal verhaftet. Sie mag meine Idee des Kollapses und des Degrowth gar nicht.
Und welchen Ratschlag würden Sie für den Widerstand gegen die Finanzeliten geben?
Neben dem Bücherschreiben bin ich auf lokaler Ebene politisch aktiv. Da geht es viel um die Commons: Wie können wir die Privatisierung von öffentlichen Ressourcen wie Wasser und Wald verhindern? Es geht auch um die Rehabilitierung von aufgegebenen Wäldern. Das Problem ist, dass in der eskalierenden Klimakrise auch die Naturkatastrophen stark zunehmen. Auch im Kriegsfall oder bei einer Pandemie reichen lokale Kollektive und Genossenschaften nicht aus. Deshalb habe ich in meinem Buch diese Vorschläge auf der Ebene des Staates und der Planwirtschaft gemacht. Denn die Staaten in ihrer jetzigen Form werden nur den Kapitalisten nützen. Bei einer Finanzkrise wird es die Wiederholung der Fehler von 2008 geben. Doch die Staatsinterventionen müssen ganz anders ablaufen. Die Sphären der Politik und der Wirtschaft müssen wieder zusammengedacht werden. Die Sphäre der Wirtschaft sehe ich dabei breiter als traditionelle Marxisten. Auch andere Akteure wie zum Beispiel Indigene, Care-Kollektive oder Mieterverbände sehe ich als wichtige Gruppen. Oder auch Gewerkschaften. Wenn sie Betriebe verändern können, schafft das die Grundlagen für weitergehende Veränderungen beim Staat und auch für eine sozialistische Planwirtschaft. Dagegen wird es jedoch erbitterten Widerstand geben. Aber es ist trotzdem der einzig realistische Weg in eine katastrophale, aber menschliche Zukunft.