SGB-Verteilungsbericht zeigt:
Die «ungeklärte Lohnlücke» ist so gross wie noch nie

Frauen verdienen weniger, arbeiten mehr gratis und erhalten deshalb im Alter tiefere Renten. Der SGB-Verteilungsbericht zeigt: Die Lohnlücke ist nicht nur gross, sie lässt sich auch immer schlechter «erklären».

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NICHT GLEICH: Frauen in der Schweiz verdienen weit weniger als Männer. (Foto: Canva)

Frauen verdienen in der Schweiz 1354 Franken weniger pro Monat als Männer. Das entspricht einer Lohnlücke von 16,2 Prozent. So steht es in den neusten Zahlen der Lohnstrukturerhebung. Ein Teil davon lässt sich erklären: mit Branche, Ausbildung, Funktion, Alter oder Dienstjahren. Aber eben nur ein Teil. 48,2 Prozent der Lohnlücke bleiben unerklärt. Dieser Anteil war seit Beginn der Analysen im Jahr 2012 noch nie so hoch.

Immer weniger «erklärbar»

Nicht jeder unerklärte Franken lässt sich in jedem Einzelfall einem bestimmten Entscheid im Betrieb zuordnen. Aber im grossen Bild ist die Sache eindeutig: Frauen werden schlechter bezahlt. Nicht nur, weil sie häufiger in schlechter bezahlten Branchen arbeiten, öfter Teilzeit leisten oder seltener in Chefetagen sitzen. Sondern einfach, weil sie keine Männer sind.

Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man auf das gesamte Erwerbseinkommen schaut. Die AHV-Einkommensstatistik bildet auch die Teilzeitarbeit ab. Sie zeigt: Die Hälfte aller Frauen kommen auf weniger als 5000 Franken im Monat. Ein Viertel liegen unter 3060 Franken. Bei den Männern verdienen die Hälfte mehr als 7000 Franken.

Unter dem Strich fehlen Frauen im Erwerbsleben rund 2000 Franken pro Monat. Rund die Hälfte hängt mit tieferen Arbeitspensen zusammen. Etwa 500 Franken gehen auf tiefere Löhne in typischen Frauenberufen und auf den tieferen Frauenanteil in gutbezahlten Funktionen zurück. Und rund 500 Franken bleiben auch in dieser Rechnung unerklärt.

Das Geschwätz von der «Lifestyle-Teilzeit»

Wenn Frauen häufiger Teilzeit arbeiten, hat das viel mit der Verteilung unbezahlter Arbeit zu tun. Frauen leisten pro Woche im Schnitt 12 Stunden mehr Haus-, Familien- und Care-Arbeit als Männer. Rechnet man bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammen, arbeiten Frauen zu 61 Prozent unbezahlt, Männer zu 42 Prozent. Bei Eltern mit Kindern unter sieben Jahren wächst der Unterschied auf 22 unbezahlte Stunden pro Woche.

Das ist keine private Laune einzelner Paare. Auch wenn rechte Parteien und die Arbeitgeberverbände neuerdings mit dem Kampfbegriff «Lifestyle-Teilzeit» hausieren (zum work-Artikel). Denn wenn die Frau bereits sowieso weniger verdient als der Mann, ist es für viele Familien naheliegend, dass die Frau ihr Pensum reduziert, nicht der Mann. Dies gerade in der Schweiz, wo Kinderbetreuung teuer ist und ein zusätzliches Arbeitspensum rasch von Kita-Kosten aufgefressen wird. So verstärken sich Lohnlücke und Teilzeit gegenseitig.

Die Rechnung kommt spätestens bei der Pensionierung. Mütter haben am Ende eine um gut 25 Prozent tiefere Rente als kinderlose Frauen. Väter hingegen liegen im Vergleich zu kinderlosen Männern rund 5 Prozent höher. Brutale Wahrheit: Kinder kosten Frauen Karriere, Einkommen und Rente.

Schlechtbezahlte «Frauenberufe»

Zur Teilzeit kommt ein zweites Problem: Viele Berufe, in denen vor allem Frauen arbeiten, sind schlecht bezahlt. 40 Prozent der erwerbstätigen Frauen kommen auf ein Jahreseinkommen von weniger als 52'000 Franken. Bei den Männern sind es 15 Prozent. Auch eine Berufslehre schützt Frauen nicht zuverlässig: 40 Prozent der Frauen mit Lehrabschluss verdienen weniger als 5000 Franken im Monat. Bei den Männern sind es 25 Prozent.

Besonders deutlich wird es in Berufen mit einem Frauenanteil von über 80 Prozent. Bei Coiffeusen oder Verkäuferinnen in Bäckereien liegen 89 Prozent der Löhne unter 5000 Franken. Im Gastgewerbe und im übrigen Detailhandel sieht es kaum besser aus. Das sind Branchen, die das Land am Laufen halten. Sie verkaufen, pflegen, bedienen, reinigen, organisieren, betreuen. Und sie werden oft bezahlt, als wäre diese Arbeit wenig wert.

Den Hebel gibt’s

Um die Geschlechter-Lohnlücke wirklich zu schliessen, gibt es einen direkten und sehr wirksamen Hebel: höhere Mindestlöhne, verbindliche Gesamtarbeitsverträge und Lohnerhöhungen gerade dort, wo heute viele Frauen mit knappen Einkommen arbeiten. Dafür kämpfen die Gewerkschaften seit Jahrzehnten, dagegen wehren sich die Arbeitgeber und ihre Politiker verbissen. Aktuell wollen sie die vom Volk beschlossenen Mindestlöhne mit einem Bundesdiktat senken. Dagegen sammeln die Gewerkschaften zurzeit Unterschriften (hier können Sie das Referendum unterstützen).

Ein Papiertiger

Der sogenannt «unerklärte Teil» der Lohnlücke zeigt, dass es auch dort ein Problem gibt, wo Frauen und Männer vergleichbar qualifiziert sind und vergleichbare Arbeit leisten. Das betrifft die Privatwirtschaft genauso wie den öffentlichen Sektor. Die einen reden gern von Leistung. Die anderen gern von Vorbildfunktion. Doch an beiden Orten verdienen Frauen schlicht deshalb weniger, weil sie Frauen sind.

Das heutige Gleichstellungsgesetz ist ein Papiertiger. Lohnanalysen sind nur für grössere Unternehmen vorgeschrieben. Wirkliche Sanktionen gibt es keine. Für die Gewerkschaften ist klar: Nötig sind eine Pflicht zur Lohnanalyse für alle Unternehmen, nachvollziehbare Kontrollen und wirksame Sanktionen gegen fehlbare Firmen.

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