30 Jahre Gleichstellungsgesetz
Drei Feministinnen aus drei Generationen ordnen ein

Das Gleichstellungsgesetz verlangt Lohngleichheit, das Verbot von Diskriminierung, sexueller Belästigung oder diskriminierender Kündigung. Am 1. Juli wird es 30 Jahre alt.

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DREI GENERATIONEN: (v.l.) Unia-Präsidentin Vania Alleva, SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser und die frühere Nationalrätin Christine Goll.

Am 1. Juli 1996 trat das Schweizerische Gleichstellungsgesetz in Kraft. Was eine Porno-Darstellerin, schnippische Bemerkungen in Rom und SVP-Übervater Christoph Blocher mit dem Gesetz, Feminismus und Gleichstellung zu tun haben, darüber sprechen drei Feministinnen aus drei Generationen in drei Interviews: Frauenstreik-Pionierin Christine Goll, Gewerkschafts-Pionierin Vania Alleva und Queer-Pionierin Anna Rosenwasser. 


«Das Gesetz war eine Folge der wiedererstarkten Frauenbewegung»

Christine Goll (69) sass von 1991 bis 2011 im Nationalrat, zuerst für die Zürcher FraP! (Frauen macht Politik!) und später für die SP. Sie war Präsidentin der Gewerkschaft VPOD und später Leiterin von Movendo, dem Bildungsinstitut der Gewerkschaften. 

CHRISTINE GOLL: «Im bürgerlichen Lager lautete der Tenor: Dieses Gesetz braucht es nicht. Bei uns herrschte hingegen Aufbruch­stimmung.» (Foto: Nicolas Zonvi)

work: Sie sassen für die SP im Nationalrat, als das Gleichstellungsgesetz ausgearbeitet wurde. 
Christine Goll: Ja! Es war 1994/95, während meiner ersten Legislatur. Im bürgerlichen Lager lautete der Tenor: Dieses Gesetz braucht es nicht. Es gab auch viele verbale sexistische Attacken. Bei uns Befürworterinnen herrschte hingegen Aufbruchstimmung, beflügelt vom Frauenstreik von 1991 und der grossen Protestwelle gegen die Nichtwahl von Christiane Brunner 1993. Über Parteigrenzen hinweg schlossen sich die Frauen zusammen, damit das Gesetz zustande kam. Die Debatte im Nationalrat sorgte in den Medien für hohe Wellen – leider nicht nur wegen des Gleichstellungsgesetzes.

Sondern?
Wegen eines gewissen Milliardärs aus Herrliberg (SVP-Übervater Christoph Blocher, Anm. der Red.). Er drückte in der Abstimmung im Nationalrat den Knopf seiner Rats- und Parteikollegin Lisbeth Fehr. Blocher tat diesen Betrug als Jux ab und behauptete, er kenne ihre Meinung. Was diese vehement bestritt, denn sie stimmte am Schluss für das Gesetz, er dagegen. 

Sind 30 Jahre Gleichstellungsgesetz ein Grund, zu feiern?
Das Gesetz war ein Durchbruch – und eine Folge der Frauenbewegung, die in den 1980er Jahren wieder erstarkt war. Aber es war am Schluss eine Minimalvariante und kein Grund zur Euphorie.

Was unterscheidet Ihre Generation von den jungen Feministinnen heute?
Zuerst einmal geben sie mir Hoffnung. Sie führen den Kampf um Gleichberechtigung weiter und lassen nicht locker. Ein grossartiger Moment war der Frauenstreik von 2019, als eine halbe Million Menschen auf die Strasse ging, darunter sehr viele junge Frauen. Und jetzt die Vorbereitungen für den Care-Streik 2027. Was uns unterscheidet, ist das gewachsene Bewusstsein über die sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität. Auch das Gleichstellungsgesetz muss dem heute Rechnung tragen.

Sie haben die Einführung des Frauenstimmrechts 1971 erlebt, die Gleichstellung von Mann und Frau in der Bundesverfassung 1981 oder die Einführung des bezahlten Mutterschaftsurlaubs 2004. Wo reiht sich das Gleichstellungsgesetz in diese Errungenschaften ein?
Das Gesetz ist ein zentrales Element für die ökonomische Gleichstellung der Frauen, die wiederum eine grundlegende Voraussetzung für die soziale Sicherheit und Gleichstellung in allen Lebensbereichen ist.

Trotz dem Gesetz gibt es relativ wenig Klagen. Woran liegt das?
Viele Frauen haben Angst vor weiteren Repressalien und davor, ihren Job zu verlieren. Auch die Kosten können hoch sein. Und es braucht einen extrem langen Atem: Eine Klage bis vor Bundesgericht dauert im Durchschnitt vier Jahre. Deshalb müsste dringend das Verbandsklagerecht gestärkt und auf kommunale und kantonale Gleichstellungsbüros ausgeweitet werden. Zudem braucht es Sanktionen für Firmen, die sich nicht ans Gesetz halten.

Was können Sie über die Verfahren sagen?
Allgemein gilt die Einschätzung, dass viele Richterinnen und Richter das Gesetz nicht genügend kennen. Ausserdem fällt auf, dass vor allem Frauen in Vollzeitstellen klagen. Das weist darauf hin, dass sich Frauen mit Teilzeitpensen noch weniger für ihre Rechte einsetzen können – aufgrund der ökonomischen Risiken oder weil die zusätzliche Belastung zu gross ist. Ein Grossteil der Klagen erfolgt zudem in Gesundheitsberufen. Das zeigt, dass dort die Diskriminierung besonders stossend ist. Um die Prozesse wirklich einordnen zu können, bräuchte es allerdings endlich eine nationale Datenbank, die alle Verfahren auf Grundlage des Gleichstellungsgesetzes erfasst.

Wenn Sie auf Ihr feministisches Engagement zurückblicken: Was ärgert Sie immer wieder, was hat sich verbessert?
Skandalös finde ich nach wie vor die soziale Absicherung im Alter. Sie widerspiegelt auch die Diskriminierung im Erwerbsleben. Die Folge ist Altersarmut, von der Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. Eine grosse Errungenschaft sind für mich die Gutschriften in der AHV für Erziehungs- und Betreuungsarbeit. Das sollte unbedingt auch auf die Pensionskassen übertragen werden. Und was es ebenfalls braucht: eine Frühpensionierung für Pflegende, ähnlich wie auf dem Bau.

Wo sehen Sie die grössten Bedrohungen für zukünftige gleichstellungspolitische Fortschritte?
Die SVP-Initiative gegen eine «10-Millionen-Schweiz» ist auch aus feministischer Perspektive bedrohlich. Sie würde die Arbeit in den Pflegeberufen massiv erschweren, was wiederum vor allem Frauen treffen würde.

Und zum Schluss: Was ist Ihre politische Lieblingsfarbe?
Violett und Rot. Beides möglichst nicht verwässert!


«Gleichstellung ist noch lange nicht erreicht»

Vania Alleva (56) wurde 2012 Unia-Co-Präsidentin und steht seit 2015 als erste Frau an der Spitze der grössten Schweizer Gewerkschaft. Unter Allevas Führung hat die Unia ihren Fokus auf Frauen, Migration und Dienstleistungsberufe vertieft. 

VANIA ALLEVA: «Quoten sind sinnvoll. Sie helfen, bestehende Strukturen aufzubrechen.» (Foto: Gaetan Bally)

work: Bei der Einführung des Gleichstellungsgesetzes waren Sie 26 Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Vania Alleva: Ich habe die Einführung des Gleichstellungsgesetzes als Ergebnis des ersten Frauenstreiks von 1991 wahrgenommen – ein wichtiger Schritt für die Gleichstellung. Damals lebte ich in Rom und musste die leicht schnippischen Kommentare meiner Kolleginnen über die langsame Schweiz ertragen. 

Was hat das Gleichstellungsgesetz für Verkäuferinnen, Pflegerinnen oder Reinigerinnen verbessert?
Das Gesetz setzt einen klaren Rahmen für die Gleichstellung im Erwerbsleben und wirkt präventiv. Das Gesetz ist wichtig, genügt aber nicht. Die Gleichstellung ist noch lange nicht erreicht. Der Verfassungsauftrag von 1981 für gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit ist nicht umgesetzt.

Inwiefern?
Es geht um strukturelle Diskriminierung: Vor allem Frauen arbeiten in Tieflohnjobs. Die Hälfte aller Frauen mit Lehrabschluss verdient weniger als 5000 Franken. Frauen haben tiefere Renten. Es braucht also strukturelle Veränderungen bei Löhnen, Renten und der Verteilung der Care-Arbeit. Zentral ist hier die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie eine Reduktion der Arbeitszeit bei gleichem Lohn. Viele Frauen reduzieren ihr Pensum, um unbezahlte Care-Arbeit zu übernehmen, auch weil sie weniger verdienen als Männer. Zudem fehlt es noch immer an bezahlbaren Kita-Plätzen. Gleichzeitig wollen rechts-bürgerliche Vorstösse die Arbeitszeiten weiter einseitig flexibilisieren und ausweiten. Das erschwert die Vereinbarkeit zusätzlich. 

Es harzt also hauptsächlich auf gesellschaftlicher Ebene?
Noch immer existiert die Vorstellung, Care-Arbeit sei den Frauen «angeboren». Diese Haltung prägt nicht nur die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, sondern auch die Bewertung «typischer» Frauenberufe wie Pflege, Kinderbetreuung oder Reinigung. Diese sind gesellschaftlich unverzichtbar, werden aber oft schlechter bezahlt.

Welche Formen von Diskriminierung erfahren Sie am häufigsten?
Lohndiskriminierung spielt eine wichtige Rolle. Als Unia haben wir verschiedene Lohnklagen geführt und Frauen rechtlich unterstützt. Im Alltag hören wir auch oft von den Belastungen rund um die Vereinbarkeit: dem Druck am Arbeitsplatz und gleichzeitig der Verantwortung für Familie und Betreuung. Zunehmend werden auch Fälle sexueller Belästigung am Arbeitsplatz thematisiert, insbesondere von jüngeren Frauen. Hinzu kommen existentielle Diskriminierungen. Zum Beispiel fehlende sanitäre Anlagen für Frauen auf dem Bau. Oder dass Frauen für WC-Pausen ausstempeln müssen.

Zurück zum Gleichstellungsgesetz. Wo sehen Sie die grössten Lücken?
Bei den Lohnkontrollen. Seit der Revision von 2018 sind Unternehmen ab 100 Mitarbeitenden zu Lohnanalysen verpflichtet. Die bisherigen Erfahrungen sind ernüchternd. Viele Unternehmen erfüllen ihre Verpflichtungen gar nicht oder nur ungenügend, und Sanktionen fehlen. Deshalb braucht es regelmässige Lohnanalysen, wirksame Kontrollen und Sanktionen bei Verstössen. Zudem sollte die Pflicht auch für kleinere Unternehmen gelten. In der Perspektive wäre eine unabhängige Stelle sinnvoll, die die Umsetzung schweizweit überwacht und koordiniert.

Warum geht es so langsam voran?
Positiv ist, dass überhaupt Fortschritte erzielt werden. Dazu haben auch gewerkschaftliche Kampagnen für höhere Mindestlöhne beigetragen, die Frauen überdurchschnittlich nützen. Bemerkenswert ist, dass die Lohnungleichheit bei hochqualifizierten Frauen oft grösser ist als im Durchschnitt. Das zeigt, dass es nicht einfach um Ausbildung oder Qualifikation geht. Ohne gesellschaftlichen und politischen Druck bewegt sich nichts. Es braucht breite Bündnisse und eine starke Mobilisierung.

Eine Studie hat gezeigt, dass Frauen im Schnitt nur drei Jahre CEO grosser Unternehmen sind. Sie sind seit rund 15 Jahren Präsidentin der Unia. Was braucht es, damit mehr Frauen in Führungspositionen bleiben?
Entscheidend ist die Unternehmenskultur. Frauen sollten nicht isoliert in männerdominierten Führungsgremien arbeiten. Studien zeigen, dass sich die Kultur oft erst verändert, wenn Frauen einen substantiellen Anteil der Mitglieder ausmachen. Deshalb sind Quoten sinnvoll. Sie helfen, bestehende Strukturen aufzubrechen und neue Normalitäten zu schaffen. Letztlich gelten auch für Führungspositionen dieselben Voraussetzungen wie für die gesamte Arbeitswelt: faire Löhne, Vereinbarkeit und Wertschätzung.

Welche Schritte braucht es heute, damit wir in 30 Jahren einen grossen Schritt vorwärtsgekommen sind?
Arbeit, die hauptsächlich von Frauen geleistet wird, wie Pflege oder Verkauf, muss besser entlöhnt werden. Das heisst erstens höhere Mindestlöhne: keine Löhne unter 4500 Franken, 5000 Franken mit abgeschlossener Berufslehre. Zweitens braucht es Verbesserungen bei den Renten. Modelle wie die Erziehungsgutschriften in der AHV sollten auch für die berufliche Vorsorge gelten. Drittens braucht es eine Weiterentwicklung des Gleichstellungsgesetzes, insbesondere bei den Lohnkontrollen. Viertens müssen wir die gesellschaftliche Bedeutung von bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit stärker anerkennen. Das wird im feministischen Streik 2027 im Zentrum stehen. Schliesslich braucht es die konsequente Bekämpfung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und die Ratifizierung der ILO-Konventionen 190 und 191.

Und zum Schluss: Welches ist Ihre politische Lieblingsfarbe?
Von Rot über Violett bis Pink!

Film und Diskussion: Spannender Anlass mit der Unia-Präsidentin

Am 1. Juli wird das Schweizerische Gleichstellungsgesetz 30 Jahre alt. An einem Event in Bern ziehen die Teilnehmenden Bilanz: Wo steht die Gleichstellung im Erwerbsleben heute? Wo bestehen weiterhin Lücken? Und welche Handlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Veranstaltung findet statt: Mittwoch, 01.07.2026, ab 17.45 Uhr – Kino Rex Bern, Schwanengasse 9, 3011 Bern 

Es geht um 18 Uhr los mit der Vorführung des Films «gleichstellen – eine Momentaufnahme».

Um 18.30 Uhr startet die Podiumsdiskussion mit: 

  • Vania Alleva, Präsidentin Gewerkschaft Unia
  • Lic. Phil. Carole Berthoud, Beraterin Organisationen, Fachstelle UND
  • Prof. Dr. Lucia Lanfranconi, Professorin für Diversity, Equity & Inclusion, Co-Leiterin Fachstelle Chancengleichheit, Berner Fachhochschule
  • Prof. Dr. Karine Lempen, Professorin für Zivilrecht, Université Genève
  • PD Dr. med. Natalie Urwyler, Betroffenenperspektive und Gründerin « strukturelle»
  • Moderation: Prof. Dr. Nesa Zimmermann, Université Neuchâtel 

Die Veranstaltung wird gemeinsam vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB), von der Berner Fachhochschule (BFH) und dem Schweizerischen Institut für feministische Rechtswissenschaft und Gender Law (FRI) organisiert. Der Anlass erfordert eine Anmeldung und ist mittlerweile ausgebucht.


«Feminismus empfand ich als laut und hässlich»

Anna Rosenwasser (36) ist Autorin und seit 2023 SP-Nationalrätin mit den Schwerpunkten Feminismus und queere Menschen. Auf Instagram betreibt sie einen der grössen politischen Social-Media-Kanäle der Schweiz. 

ANNA ROSENWASSER: «Queere Menschen sind keine Bedrohung, Vielfalt ist ein Vorteil!» (Foto: zvg)

work: Sie sind fast gleich alt wie das Gleichstellungsgesetz. Sind Sie mit dem Versprechen aufgewachsen, Gleichstellung sei erreicht? 
Anna Rosenwasser: Ja. Aber es gab krasse Widersprüche zur Realität. Zum Beispiel: Wenn einer meiner drei Brüder hässig war, wurde er ernst genommen. War ich hingegen wütend, wurde ich ausgelacht. Mir wurde beigebracht, selbstbewusst zu sein und dass ich -alles werden kann. Aber ich habe schnell bemerkt, dass in manchen -Berufen viel mehr Frauen und in anderen fast nur Männer arbeiteten. Aber ich wollte niemals Feministin sein. Weil ich Feminismus als laut und hässlich empfand. 

Wann hat sich das geändert?
Mit 20 habe ich mein erstes feministisches Buch gelesen. Es hiess «Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht». Ich las es heimlich, weil ich mich schämte. Die Befreiung kam für mich mit der Popsängerin Kate Nash und der Pornorevolutionärin Sasha Grey. Mit ihnen lernte ich, dass es keine falsche Art gibt, Frau zu sein. Dass Frauen selbstbestimmt leben dürfen. 

Was unterscheidet Ihre Generation von den Frauenstreik-Pionierinnen von 1991?
Ich habe grossen Respekt vor der Lebenserfahrung dieser Frauen, die schon lange vor uns gekämpft haben. Dank ihnen müssen wir nicht mehr bei null anfangen: Ich bin mit einer Frau zusammen und spreche offen darüber. Ich habe ein eigenes Bankkonto. Ich habe mich bewusst gegen ein Kind entschieden. Und ich bin Nationalrätin! Das sind alles keine Selbstverständlichkeiten. Und dank diesen Pionierinnen weiss ich: Ich darf auch radikale Forderungen stellen. Was uns unterscheidet, ist die Vielfalt. Queere Menschen sind keine Bedrohung, Vielfalt ist ein Vorteil!

Diese Vielfalt kommt im Gleichstellungsgesetz nicht vor … 
Leider nicht. Das Gesetz geht nicht explizit auf den Schutz vor Diskriminierung von queeren Menschen ein. Das muss angepasst werden.

Sprechen junge Arbeitnehmende heute offener über Diskriminierung? 
Ja, es ist weniger ein Tabu. Aber ob wir uns dagegen wehren können, hängt vom Machtgefälle im Job ab, von der Abhängigkeit. Und die ist für viele Frauen nach wie vor gross. Von den Lernenden höre ich oft, dass sie nicht wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie Diskriminierung erleben. 

Und welche Art der Diskriminierung im Erwerbsleben erlebt Ihre Generation am meisten? 
Was ich häufig höre, sind Geschichten über übergriffige Chefs, die dann hingenommen werden mit dem Spruch: «Er ist halt einfach so.» Und dann gibt es viele Formen der Ungleichbehandlung, die auf tief verankerten Rollenbildern basieren: Wenn ich als Journalistin mit einem männlichen Fotografen unterwegs war, wandten sich die interviewten Menschen sehr häufig an ihn statt an mich.

Sind denn diese Rollenbilder mittlerweile nicht doch etwas aufgeweicht? 
An der Oberfläche schon. Doch uns Frauen wird beigebracht, sich anzupassen, immer Harmonie herzustellen, nicht zu widersprechen. Wir dürfen keinen Raum einnehmen. Wir müssen immer nett sein. Das haben wir tief verinnerlicht. Übrigens: Am meisten werde ich für meine parlamentarische Arbeit gelobt, wenn ich nett bin. 

Wo und wie wird das den Frauen beigebracht? 
In der Art, wie andere Menschen über Frauen reden. Wie Frauen in der Öffentlichkeit kommentiert werden: oberflächlich, abschätzig. Frauen wird – oft unbewusst – weniger zugetraut, sie werden weniger ernst genommen, ihnen wird weniger zugehört. 

Gleichstellung ist also noch lange nicht erreicht, und doch erleben wir weltweit einen Angriff auf die Rechte der Frauen. 
Tatsächlich ist es wohl ein Aufbäumen des Patriarchats. Die Mächtigen fühlen sich in ihrer Vormachtstellung bedroht. Es ist aber auch eine Reaktion auf den tatsächlichen Fortschritt, der in Sachen Gleichstellung erreicht wurde. Dieser stellt die herrschende Ordnung in Frage. Die Frauen haben nie zu viel gefordert und auch nicht zu laut. Fortschritt ist nie eingetroffen, weil jemand höflich danach gefragt hat. 

Welche Risiken sehen Sie durch Künstliche-Intelligenz (KI) für die Gleichstellung?
Die Hauptfrage ist doch: Wer profitiert finanziell von KI? Das sind einige wenige Tech-Milliardäre. Diese sind nicht sonderlich an Gleichberechtigung interessiert. Kommt hinzu: KI widerspiegelt die Gesellschaft so, wie sie ist. Dadurch wiederholt und vervielfältigt sie auch Stereotype und Diskriminierungen. 

Und zum Schluss: Welches ist Ihre politische Lieblingsfarbe?
Für den 14. Juni definitiv Lila und Violett. Doch ich mag auch Rosa, weil ich damit radikale Forderungen mit einer vermeintlich harmlosen Farbe verbinden kann. Und weil Rosa zart und weich ist. Es ist wichtig, dass wir Frauen Zartheit und Weichheit auch leben dürfen.

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