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Kranistin Daniela Wittwer: Die Frau am längeren Hebel

Dass sie einmal auf dem Bau landet, hätte Daniela Wittwer nie gedacht. Ein feuchtfröhlicher Abend ­änderte das. «Zum Glück», meint die ­Thurgauerin, die weder die riesige Verantwortung noch die Männer­domäne scheut.

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Als Kranistin waltet Daniela Wittwer aus 40 Metern von oben herab – und bleibt trotzdem ­bodenständig. (Foto: Nicolas Zonvi)

Zmittagspause auf der drückend heissen Grossbaustelle Embraport, einem riesigen Logistik-Hub in Embrach ZH: Während die Maurer und Eisenleger schon im Schatten hocken und die Metallbauer sich für eine Abkühlung im improvisierten Garten-Pool bereitmachen, ist Daniela Wittwer noch mit Klettern beschäftigt. Das ist der Nachteil am höchstgelegenen Arbeitsplatz der Baustelle, einem 40 Meter hohen Oberdreher-Kran der Marke Liebherr. Doch als Wittwer endlich wieder festen Boden unter den Füssen hat, strahlt sie: «Die Kletterei tue ich mir sonst ja nur selten an.»

Runterzukommen für den Znüni lohne sich nicht, manchmal bleibe sie sogar über Mittag oben. Zwar sei sie ganz gern auch unter den Kollegen am Boden. Aber da sie kein Portugiesisch verstehe, blieben die Möglichkeiten für einen Schwatz dann doch ziemlich begrenzt.

Da geniesse ich lieber meine Ruhe in der Kabine.

Und dann die Aussicht! Phantastisch sei diese. Gebührend auskosten könne sie das eigentlich viel zu selten. Aber klar, schliesslich verlangt ihr Job stets höchste Konzentration – und das Geschehen spielt sich nun mal nicht in der Ferne ab, sondern unmittelbar unter ihr.

Sicherheit geht vor

In Embrach baut Wittwers Firma, die Landolt-Gruppe aus Kleinandelfingen ZH, einen Lagerhallenkomplex. Zurzeit werden gerade die Fenster montiert. Für Wittwer bedeutet das: höchste Vorsicht und feinstes Fingerspitzengefühl. Denn Glas verzeiht wenig – und ist teuer. Aber auch sonst muss sie alles unter Kontrolle haben. Ist das Hubseil noch in einwandfreiem Zustand? Sind die Gerüstrahmen korrekt zusammengezurrt? Und vor allem: Hat dieser Handlanger da unten seine Armierungseisen wirklich nach Vorschrift angekettet? Also zweimal um den Bund statt nur einmal? Oder hat er das Paket sogar nur an den Verpackungsdrähten befestigt? «So was war früher gang und gäbe», sagt Wittwer. Mittlerweile habe Sicherheit klar oberste Priorität. «Nichts als richtig», findet sie. Auch wenn es aufwendig sei. Die enorme Verantwortung und die ständige Abwechslung machen Wittwer nichts aus. Im Gegenteil: «Genau das mag ich!»

Gefragte Frau

Eher Mühe habe sie, wenn wenig los sei. «Dann dauert es bis zum Feierabend.» Und: Bei wenig Betrieb muss Wittwer auch eher mal am Boden arbeiten, per Fernsteuerung. Das bedeutet viel Klettern, Kriechen und lange Gehdistanzen voller Stolperfallen. Nicht das Gelbe vom Ei. Im Januar hat sich Wittwer dabei prompt die Bänder gerissen. Heute ist sie froh, wieder im Einsatz zu sein. Aber nicht nur sie. Auf der Baustelle ist sie eine sehr gefragte Kollegin. Weil sie mit ihrem ­Lastenheber das Büezerleben massiv erleichtert. Aber auch, weil sie aus der ­Vogelperspektive schneller sieht, wie sich Arbeitsprozesse vereinfachen lassen. Besonders Poliere schätzen das:

Ich kann immer Ideen einbringen, etwa wo das Materialdepot hingehört oder wie der Beton am besten verteilt wird.

Das sei befriedigend. Mehr noch: «Ich habe wirklich Spass an diesem Job!» In diesen ist sie einst ziemlich zufällig reingerutscht – als totale Quereinsteigerin.

Ohne Respekt kein «Lupf»

Gelernt hat die Thurgauerin nämlich Pöstlerin. Später arbeitete sie im Service. In einer Beiz führte schliesslich das eine zum andern, «zu später Stunde bei einer Flasche Rotwein», schmunzelt Wittwer. Ein befreundeter Baumeister klagte: Keiner seiner Leute habe die Kranführerprüfung bestanden. «Dann fragte er, ob nicht ich vielleicht Lust hätte.» Wittwer schlief dar­über. Und merkte: Ja, sie hat! Das war 2006. Nach und nach absolvierte sie die nötigen Ausbildungen. Heute ist sie Herrin über ­diverse Krangattungen. A propos Herrin: Wie ist das als eine der wenigen Kranführerinnen im Bau? Für Wittwer kaum ein Thema: «Ich komme eigentlich mit allen gut aus.» Die Kollegen seien re­spektvoll.

Nur manchmal gibt es solche, die ein Problem damit haben, dass eine Frau am längeren Hebel ist.

Und dann? «Dann müssen sie anständig bleiben oder ihr Material von Hand umherschleppen.» So einfach ist das. Überhaupt muss Wittwer niemand blöd kommen. Auch nicht mit luschen Deals. Gewisse Capos stecken Kranführern nämlich lieber ein Nötli zu, statt den Auftrag anzumelden und offiziell abzurechnen. Für Wittwer ein No-Go: «Ich lasse mich nicht bestechen.» Auch sonst muss sie manchmal Kontra geben. «Manche glauben, ich mache Gratis-Züge!» Fehlanzeige: Jeder «Lupf» kostet 80 bis 120 Franken. Aber was tut frau eigentlich, wenn sie in schwindelerregender Höhe mal muss? Ebenfalls simpel: «Petflasche statt Toi-Toi, der ganz normale Kranführerstandard.»

In den Pausenbaracken von Embraport herrscht allmählich wieder Aufbruchstimmung. Wittwer aber hat ihre Zigi längst ausgedrückt und die Kranleiter in Angriff genommen. Hoch oben wartet ihr Reich – und jede Menge Arbeit.


Daniela WittwerIm Wasser und im Schnee

Daniela Wittwer (55) wohnt in Lommis im Kanton Thurgau und hat eine erwachsene Tochter. In ihrer Freizeit geht sie gerne in die Natur. Sie mag lange Spaziergänge als Ausgleich zu ihrer meist sitzenden Berufstätigkeit. Im Winter fährt sie Ski, am liebsten in Arosa. Oder, wenn es die Verhältnisse erlauben, am Skilift Oberwangen (764 m ü. M.) im Hinterthurgau. Diesen unterstützt sie als treue Genossenschafterin. Im Sommer zieht es Wittwer in die Badi oder an den Bodensee.

Der Lohn

Fernreisen gönnt sie sich auch hin und wieder. Etwa nach Thailand, Kuba, Brasilien oder den USA. Für die nahenden Betriebs­ferien hat Wittwer allerdings noch keine Pläne. Braucht sie auch nicht. Immer öfter entspannt sie sich nämlich einfach im Gartenpool, den sie vor ihrer Wohnung aufgestellt hat.

Wittwer verdient brutto 6100 Franken und ist Mitglied der Gewerkschaft Syna.

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