worktag
Berufsbildnerin Luana Berther (32) hilft jungen Menschen ihre Stärken zu finden

Luana Berther bildet die Lernenden im Pflegezentrum Rosenthal in Wald ZH aus. Sie nimmt sich Zeit für deren Sorgen und Träume. Vielleicht auch, weil sie ihre erste Lehre in der Pflege abbrechen musste.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 7:28
AN DER SEITE DER LERNENDEN: Berufsbildnerin Luana Berther. (Foto: Raja Läubli)

Im Dorfzentrum von Wald im Zürcher Oberland steht der moderne Betonbau des Pflegezentrums Rosenthal. Hier sorgen rund 250 Mitarbeitende für das Wohl von alten Menschen sowie solchen mit Demenz. Doch nicht nur sie werden hier gut betreut. Auch die Lernenden in der Pflege können auf drei hauptberufliche Berufsbildnerinnen zählen, die sie während ihrer zwei- oder dreijährigen Ausbildung begleiten. Seit einem Jahr ist Luana Berther (32) eine von ihnen. Die Jugendlichen, die sie begleitet, machen entweder eine Ausbildung als Assistentin Gesundheit und Soziales (EBA) oder eine Berufslehre als Fachfrau Gesundheit EFZ. Auch junge Menschen, die aufgrund von diversen Schwierigkeiten noch nicht bereit sind für eine Ausbildung auf der Stufe eines eidgenössischen Berufsattests, können hier für zwei Jahre eine Art begleitetes Praktikum machen.

Von der Pflege in die Bildung

Berther sagt: «Ich wollte mit Menschen arbeiten und bewege mich gerne, deshalb habe ich ursprünglich eine Lehre in der Pflege gemacht. Aber die Bildung liegt mir noch mehr als die Pflege.» Als Berufsbildnerin begleitet sie die Lernenden, macht Standortgespräche, schreibt Bildungsberichte und unterstützt die Leitung bei der Rekrutierung der Lernenden. Ihren Arbeitstag kann Berther ziemlich frei gestalten, meistens beginnt sie bereits morgens um sieben im Büro.

EIN ARM ZUM ÜBEN: Hier lernen die Jugendlichen, wie man Blut entnimmt. (Foto: Raja Läubli)

Wichtig ist, dass sie als Ansprechperson für die Lernenden da ist und dass diese ihre Handlungskompetenzen lernen: Zum Beispiel in der Körperpflege. Berther schaut, dass die Lernenden mit den Pflegeteams mitgehen können und kontrolliert dann, wie sie das selbst umsetzen.

«Room of Horror»

Zum Üben steht den Lernenden auch eine Puppe in der Lernwerkstatt zur Verfügung. Sie nennen sie «Nance». Dieses Jahr hat das Team Bildung den «Room of Horror» eingeführt, also eine Situation mit vielen bewusst eingebauten Fehlern. Da liegt dann zum Beispiel ein Kabel im Raum, über das man stolpern könnte. Oder das Nachttischchen mit der Glocke ist für «Nance» nicht erreichbar.

HIER WIRD GEÜBT: Luana Berther mit Puppe «Nance». (Foto: Raja Läubli)

Die Lernenden in der Pflege kümmern sich neben der Pflege auch um die Alltagsgestaltung, Hauswirtschaft oder um das Essen. Auch Blutentnahmen, Wundverbände und das Setzen von Injektionen lernen sie. Berthers Stärke liegt vor allem in der psychosozialen Begleitung. In ihrem 80 Prozent-Pensum macht sie aktuell neben ihrem Job noch ein Studium in angewandter Psychologie. Ihr Monatslohn als Berufsbildnerin läge bei einem Vollzeitpensum zwischen 5046 und 6159 Franken.

Stärken finden

Berther sagt: «Der grösste Teil meiner Arbeit ist Gesprächsführung. Ich helfe den Jugendlichen, wenn sie Probleme haben und frage nach, um Krisen abzufangen.» Auch bei privaten Problemen nehme sie sich Zeit oder wenn die Lernenden sich im Betrieb unfair behandelt fühlen. Viele von ihnen hätten es in der Schule schwierig gehabt. Für sie sei es dann besonders schön, wenn sie in der Lehre Erfolgserlebnisse hätten und ihre Stärken erkennen könnten. Die drei Lehrjahre hätten oft auch einen grossen Einfluss auf das weitere Berufsleben. Berther sagt:

Ich möchte, dass sie während ihren Lehrjahren den Glauben an sich finden.

IDENTITÄTSFINDUNG: Luana Berther hilft den Lernenden nicht nur bei fachlichen Themen. (Foto: Raja Läubli)

Selber hatte sie weniger Glück mit ihrer Lehre. Ihre erste Chefin war Stationsleiterin, Heimleiterin und Ausbildungsleiterin in einem. Berther war die erste Lernende und musste ihre Lehre in diesem Lehrbetrieb abbrechen. Sie sagt: «Rückblickend war das ein Fall von Mobbing, und ich war auch mit Rassismus konfrontiert.»

Während der Lehre ist sie der Unia beigetreten. Aber nicht nur wegen den eigenen Problemen im Betrieb, auch um Teil der Bewegung zu sein, die sich für bessere Arbeitsbedingungen in der ganzen Branche einsetzt.

Personalmangel schreckt Lernende ab

Das grösste Problem in der Pflege sieht Berther derzeit im Personalmangel, der die Situation auch für die Lernenden immer schwieriger mache. Das Pflegezentrum Rosenthal, das eine gemeinnützige Organisation mit Versorgungsauftrag der Gemeinde Wald ist, zählt die Lernenden im ersten Lehrjahr nicht zum Personalschlüssel hinzu, im dritten Lehrjahr nur zu 50 Prozent. Durch diese Regel und die hauptberuflichen Berufsbildnerinnen, sagt Berther, könne der Betrieb eine gute Ausbildungsqualität gewährleisten. Doch sie stellt klar: Damit die ausgebildeten Pflegekräfte nicht frühzeitig aus dem Beruf aussteigen und der Personalmangel damit noch grösser wird, müssen die Forderungen der Pflegeinitiative endlich umgesetzt werden. Darunter bessere Löhne, eine Reduktion der Höchstarbeitszeit auf 45 Stunden und einen fixen Arbeitsplan mindestens einen Monat im Voraus.

Stadtkind und Vorbild

AUCH POLITISCH AKTIV: Luana Berther. (Foto: Raja Läubli)

Aufgewachsen ist Luana Berther in der Stadt Zürich mit ihrer jüngeren Schwester und ihrer alleinerziehenden Mutter aus Brasilien. Heute lebt sie mit ihrer vierjährigen Tochter in Uster, möchte aber möglichst bald wieder zurück in die Stadt Zürich, weil die meisten ihrer Freundinnen und Freunde dort leben und sie die Hektik der Stadt mag. Nach ihrer Arbeit geht Berther am liebsten ins Gym, das macht sie fast jeden Tag nach der Arbeit. Die Kinderbetreuung organisiert sie zwischen sich, dem Vater des Kindes, den Grossmüttern und ihren Freundinnen. Diese hätten meist keine eigenen Kinder, weil sie wüssten, dass die Care-Arbeit immer noch häufig an den Frauen hängen bleibt.

Im Frühling hat Berther für die SP als Gemeinderätin in Uster kandidiert und die Wahl nur knapp verpasst. Auch wenn sie nicht so gerne vor Publikum spricht, möchte sie ein Vorbild für Jugendliche mit migrantischem Hintergrund sein und zeigen, dass man auch mit einer Lehre in der Pflege ein Studium machen, in die Politik gehen und sich für seine Rechte einsetzen kann.

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.