worktag
Jessica Costa, Fachperson Betriebsunterhalt: Am liebsten mit der Scheuersaugmaschine

Jessica Costa reinigt in Visp VS Schulzimmer, Garderoben, mäht Rasen und schneidet Hecken. In der Lehre zur Fachperson Betriebsunterhalt sorgt Costa für Ordnung und behauptet sich in einer Männerdomäne.

Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 7:05
Als Fachperson Betriebsunterhalt reinigt Jessica Costa Räume – und nimmt als nonbinärer Mensch Raum ein. (Foto: Matthias Luggen)

Das Schulhaus Sand in Visp, eingebettet im Grünen, ist normalerweise fest in Kinderhänden. An diesem frühen Abend gehört der Raum aber Jessica Costa. Mit einem Badge öffnet Jessica (22) die schwere Eingangstür, läuft zielstrebig durch die Gänge, vorbei am Materialraum hin zu einem leeren Klassenzimmer. Am Hosenbund klimpert ein schwerer Schlüsselbund, in der Seitentasche steckt ein Meter.

Jessica Costa ist im zweiten Lehrjahr zur Fachperson Betriebsunterhalt EFZ. Der Lehrbetrieb: die Gemeinde Visp. Der Lohn: 1250 Franken brutto. Das Revier: drei Schulhäuser, mehrere Turnhallen, die Kita und das Feuerwehrlokal – verteilt in der ganzen Stadt. Zusammen mit 18 Teamkollegen unterstützt Jessica Costa die zuständigen Hauswarte bei allem, was anfällt.

Im Schulhaus Sand kennt Jessica mittlerweile jede Ecke, jedes Waschbecken und viele Vogelarten dazu: «Hier nisten viele Vögel. In den Pausen schaue ich ihnen gerne zu. Vor allem, wie sie laufen, finde ich unglaublich süss», sagt der Tiermensch und lacht herzlich.

Viele berufe in einem

Den Tag startet Jessica Costa jeweils mit einer kurzen Absprache mit dem Hauswart. Dann geht es selbständig weiter. Pro Zimmer hat Costa rund 45 Minuten Zeit. Da heisst es effi­zient vorwärtskommen. «Am Anfang fiel mir das schwer. Doch mittlerweile bin ich geübter. Schneller. Und ich kenne verschiedenste Tricks, um hartnäckige Flecken zu entfernen», erzählt Jessica.

Auch wenn Jessica viel Zeit mit dem Putzlappen und der Scheuersaugmaschine – ihrem liebsten Arbeitsgerät – verbringt: Der Alltag besteht aus weit mehr als Reinigen; im Schulareal Hecken schneiden, den Rasen mähen, Glastüren reinigen ein Lavabo entstopfen – oder Beton giessen, um ein Loch im Boden auszubessern.

«Betriebsunterhalt umfasst gefühlt unzählige Berufe», sagt Jessica Costa. Man gehe nirgends in die Tiefe – müsse aber von vielem etwas verstehen. Im Berufsunterricht nehmen sie beispielsweise invasive Pflanzenarten, Recycling, Gewässerschutz, Kommunikation und Organisation durch.

Sowieso werde der Beruf oft unterschätzt:

Saubere öffentliche Räume sind in der Schweiz selbstverständlich. Aber dahinter steckt Arbeit. Da kommt keine gute Fee und wedelt mit dem Zauberstab.

Männerdomäne

Oder in ihrem Fall eher: guter Elf. Denn der Betriebsunterhalt ist noch immer eine Männerdomäne. In Jessica Costas Klasse gibt es nur Männer – und Jessica selbst, die sich als nonbinäre Person bezeichnet. «Ich sehe mich weder als Frau noch als Mann. Und ich fühle mich zu Frauen hingezogen.»

Das öffentliche Outing gab Costa vor gut einem Jahr im Radio Rottu – am internatio­nalen Tag gegen Homophobie. Eine Kollegin hatte gefragt, ob Jessica in der Sendung über ihre Erfahrungen sprechen wolle. Spontan sagte Costa zu.

Ich sage oft: Wir müssen Raum einnehmen. Dann muss man ihn auch nutzen – auch wenn es manchmal ausserhalb der Komfortzone ist.

Die Reaktionen kamen prompt. Und waren mehrheitlich positiv und bestärkend. Ein pensionierter Mitarbeiter schrieb: «Super gemacht!» Auch von der Lernenden-­Betreuerin und vom Team erhielt Costa Zuspruch. «Seitdem kann ich im Betrieb ganz ich selbst sein. Das bedeutet mir viel.»

Mutter als Vorbild

Selbstverständlich war das nicht immer. In der Jugend kämpfte Jessica Costa mit Unsicherheiten und Ängsten. «Wie viele Menschen, die nicht in ein Schema passen», sagt Costa. Eine grosse Stütze war die Mutter. Die Portugiesin zog Jessica mehrheitlich allein gross, arbeitete viel und gab ihrem Kind etwas Entscheidendes mit: Mut und Selbstvertrauen.

Sie ist eine Powerfrau. Eine Feministin – und Vorbild für mich.

Wenig verwunderlich wurde Costa als Jugendliche politisch aktiv. Die erste grosse Demonstration war 2020 die Black-Lives-Matter-Kundgebung in Bern. Tausende Menschen auf der Strasse. Gemeinsamer Protest. Gemeinsame Hoffnung. Jessica Costa: «Da merkte ich: Wir können etwas bewegen.» Kurz darauf liess Jessica sich ein Tattoo stechen. Fein auf der Innenseite des Oberarms steht ein einziges Wort: «women». Mit 19 Jahren trat Jessica der Unia bei. Nebst der Gewerkschaft engagiert Costa sich im Verein Queer VS, im eigenen Umfeld und in den sozialen Medien, wo Jessica als «Greenqueerfeminist» aktiv ist. Costas grösstes Anliegen: Solidarität und Gleichheit.

Alle sollen so sein können, wie sie wollen. Ohne Maske. Ohne Verstecken.

Wie Jessica Costa selbst: Jessica nimmt selbstverständlich Raum ein. Im Schulhaus Sand. In der Gemeinde Visp. In der Gewerkschaft und der queeren Gemeinde im Wallis.


Jessica CostaHaus­tiere und Pflanzen

Auf Whatsapp erscheint bei Jessica Costa zuerst Minoushe. Die Katze blickt mit stechend grünen Augen in die Kamera. Mit dem tierischen Weggefährten kuschelt Jessica gerne auf dem Sofa. Bei schönem Wetter drängt es Costa raus, raus an den See, in die Berge oder mit der Ausflugsgruppe Queer VS Wallis auf gemeinsame Wanderungen. Von der Natur bringt Costa oft etwas nach Hause – Samen, Ableger, kleine Pflanzen oder Früchte von Bäumen.

Dranbleiben

In der Wohnung versucht Jessica, daraus Neues wachsen zu lassen. Manches gedeiht, manches nicht. Jessica Costa nimmt es gelassen. «Wie in der Lehre», sagt Jessica und lacht. «Beim ersten Mal klappt nichts. Beim zweiten klappt es meist schon besser. Und beim dritten Mal hat man den Dreh raus.»

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.