Unterwegs mit den zwei Baustellen-Schnüfflern aus Basel
Sie machen Jagd auf Lohndumper

Mit ihrer Chaosinitiative will die SVP die flankierenden Massnahmen schreddern. Was dies für die Löhne bedeuten würde, zeigt ein Rundgang mit der Basler Baukontrolle. 

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AUF BAUSTELLEN-TOUR: Alina Taterra (mit Tablet) und Stefan Pauli (l.) kontrollieren zwei spanische Baubüezer auf der Baustelle eines Ladenlokals an der teuersten Basler Shoppingmeile, der Freien Strasse. (Foto: Stefan Bohrer)

Staub liegt in der Luft, Funken sprühen, und zwei Fräsen geben schrecklich-schrille Töne von sich. Stefan Pauli (37) und Alina Taterra (45) stört nichts davon. Seelenruhig klettern die beiden über Armierungseisen und bahnen sich einen Weg durch Stapel von Dämmplatten – immer mit dem Ziel vor Augen: Aufspüren dieser verdächtigen Baubude aus Spanien, die hier an der Freien Strasse, Basels teuerster Shoppingmeile, für einen Modekonzern ein Ladenlokal umbaut. Die Bude ist in Bern und Zürich bereits mit schweren Verstössen gegen den Gesamtarbeitsvertrag aufgefallen. Und jetzt in Basel? Stefan Pauli sagt:

Die Firma hat ihre entsandten Arbeiter beim Onlineportal des Bundes registriert. Jetzt wollen wir mal schauen, ob wirklich alle angemeldet sind. Und zu welchen Bedingungen sie hier arbeiten.

Pauli, ein gelernter Elektriker, ist Teamleiter bei der Arbeitsmarktkontrolle für das Basler Baugewerbe (AMKB). Der Verein aus Pratteln BL wurde 2017 von den Gewerkschaften und der Wirtschaftskammer Baselland gegründet. Heute führt er im Auftrag von 20 paritätischen Kommissionen Betriebs- und Baustellenkontrollen im Dreiländereck durch. Für den Kanton Baselland besorgt die AMKB zudem Schwarzarbeitskontrollen. «An Arbeit mangelt es uns also nicht», scherzt Alina Taterra. Die sich jetzt gekonnt duckt. Denn um die Ecke kommt ein Arbeiter geschossen, auf dem Buckel ein langes Metallrohr. «Perdón, señora!» ruft er noch. «Bis gleich!» ruft Taterra hinterher. Als Kontrolleurin ist sie einiges gewohnt, auch Fluchtversuche, Polizeieinsätze oder gar Randale. Meistens gehe es aber gesittet zu und her. Wichtig sei eine Kommunikation auf Augenhöhe. «Ich liebe diesen Job!» sagt Taterra. Nicht zuletzt, weil es dabei um Gerechtigkeit gehe. 

Spanische Büezer voller Lob

«Das ist Zement, oder?» fragt Taterra jetzt einen Hünen mit zwei Säcken auf dem Buckel. Der versteht aber nichts. Taterra zückt ihr Handy. Die Übersetzungsapp hilft. «Ja, Zement.» Also gilt der GAV für das Bauhauptgewerbe. Dann bittet Taterra freundlich um die Ausweise aller Anwesenden. Pauli tippt die Daten in sein Tablet. Die App Baticontrol unterstützt ihn im gesamten Prozess für den Vollzug des Entsendegesetzes. Dieses besagt, dass alle ausländischen Firmen ihr Personal acht Tage vor Einsatz anmelden müssen. Dann werden regionale Kontrollvereine wie die AMKB aktiv. Sie machen sich ein Bild vor Ort und sammeln Aussagen. Scheint etwas krumm, wird an die zuständige paritätische Kommission rapportiert, die dann eine Lohnbuchkontrolle vornimmt. Und wenn Firmen bei der Meldepflicht tricksen oder nicht kooperieren, wird auch der Kanton aktiv. In schweren Fällen kann dieser landesweite Sperren verhängen – gültig für bis zu 5 Jahre.

FREUNDLICH, ABER BESTIMMT: Alina Taterra bei der Arbeit. (Foto: Stefan Bohrer)

So was will die Baufirma an der Freien Strasse unbedingt vermeiden. Leisten darf sie sich nichts mehr. Und tatsächlich sind alle 20 Spanier korrekt gemeldet. Erst am Vortag sind sie in Basel angekommen, waren zuvor in Holland und England tätig. Der Einsatz am Rheinknie soll nur eine Woche dauern. Darum ist Tempo gefragt. Für Taterras Befragung wird die Arbeit nur halbherzig unterbrochen. Das stört sie aber nicht, denn die Spanier sind kooperativ. Weil sie all das für gerecht halten?

«Claro que sí!» meint der Capo. «Lohnkontrollen sind ja auch in unserem Interesse!» In Spanien gebe es so was kaum. «Da gibt es nur Löwen!» Er meint das Gesetz des Dschungels. Und wie war das in Holland und England? «Nada.» Nichts. Alle aus seinem weitgereisten Team sind sich einig: Derart genau hingeschaut werde nur in der Schweiz. Doch jetzt macht Kontrolleur Pauli eine ernste Miene. Einige Arbeiter haben angegeben, im Monat 1800 Euro plus eine Entsendezulage zu verdienen. Pauli zweifelt, ob die Zulage wirklich so hoch ausfällt, dass die Schweizer Mindestlöhne erreicht werden. Klarheit wird er aber erst haben, wenn die Paritätische über die Bücher gegangen ist. Das kann dauern. Aber jetzt muss das Kontrollduo sowieso weiter.

Bschiss für «Fantasy»-Messe

Im Messezentrum wird nämlich die «Fantasy Basel» aufgebaut, ein Gross-event. Und der Messebau, sagt Pauli, sei «eine notorische Problemzone». Weil es keinen GAV gebe und Scheinselbständigkeit grassiere. Pauli spricht zwei junge Deutsche an, die gerade Bodenvlies verlegen: «Schweizer Firma?» Ja, sagt einer. «Habt ihr eine Entsendemeldung?» Ja, kommt’s zurück. Ertappt! Denn beides zusammen kann nicht stimmen.

HUNGERLOHN: Diese beiden Büezer chrampfen für 20 Cent pro Quadratmeter. (Foto: Stefan Bohrer)

Schnell wird klar: Die beiden sind Angestellte eines deutschen Subunternehmens einer Schweizer Eventfirma. Ihr Chef zahlt ihnen lausige 20 Cent pro Quadratmeter. Dazu 28 Euro Spesen – viel zu wenig für das ortsübliche Soll. Pauli will’s jetzt genau wissen und telefoniert mit dem Kanton. Und prompt: keine Entsendemeldung! Als nächstes hat Pauli den Chef am Draht: «Das gibt eine saftige Busse!» Alle Ausreden nützen nichts.

Weiter geht’s zu zwei Frauen, einer Breisgauerin und einer Britin, die im Sub-Sub-Verhältnis einen Stand aufbauen. «Schon wieder ihr?» ruft die Deutsche. Doch sie nimmt’s mit Humor, hat ihr Dossier bereits parat. «Muss ich ja, denn nächste Woche bin ich im Zürcher Hallenstadion, und da warten bestimmt schon eure Kollegen!» Das sei zwar etwas nervig, aber halt auch nötig, findet die Freelancerin.

BÜEZERIN NIMMT'S MIT HUMOR: Ihr Dossier hat sie für die Kontrolle schon parat. (Foto: Stefan Bohrer)

Pauli und Taterra sind zufrieden. Mit den heutigen Kontrollgängen – und überhaupt. Zurzeit verzeichnet die AMKB eine Verstossquote von 20 bis 30 Prozent. Die Mehrheit hält sich also an die Regeln. Und die anderen? Pauli schmunzelt: «Die müssen mit uns rechnen!»

Lohnkontrollen: Schweiz ist Europameisterin

Die flankierenden Massnahmen, die die SVP abschaffen will, gelten seit 2004 und schützen das Schweizer Lohnniveau trotz Personenfreizügigkeit. Vor ihrer Einführung 2002 gab es praktisch gar keine Kontrolltätigkeit, erst recht keine griffigen. Anders heute. 2024 wurden 2000 Bussen und 600 Sperren verhängt. Dies bei 36'337 Betriebskontrollen, das sind über 1000 mehr als vom Bund verlangt. 

Nirgendwo sonst in Europa wird so häufig kontrolliert. Doch einzelne Querulanten-Kantone wie Zug kontrollieren praktisch nichts. Und noch immer sträubt sich die Politik gegen griffige Massnahmen wie die Auftraggeberhaftung oder die Baustellensperrung bei Dumping-Alarm. Solche wären nötig, da Lumpenbuden, die nur einmal in die Schweiz kommen wollen, sich um Sperren und Bussen foutieren.


Aufgeflogen dank den FlankierendenDie irrsten Dumping-Skandale der letzten Jahre

Die SVP will mit ihrer Chaosinitiative auch die flankierenden Massnahmen zum Schweizer Lohnschutz eliminieren. Sieben Beispiele zeigen, was damit künftig im Verborgenen bliebe.

1. Roche-Tower 1 (2011/2014)

(Foto: Keystone)

Beim Bau des damals höchsten Hochhauses der Schweiz decken Kontrollen gleich zwei massive Dumping-Fälle auf. Zuerst zahlt der deutsche Baukonzern Bilfinger Berger unter CDU-Politiker Roland Koch 15 Arbeitern einen viel zu tiefen Stunden- und Spesenansatz. Konsequenz: fast 90'000 Franken Nachzahlungen, eine Konventionalstrafe von fast 40'000 Franken, Gebühren von 24'000 Franken und 2 Jahre Dienstleistungssperre. Schon drei Jahre später kommt es am Roche-Hauptsitz zum bis dahin grössten Dumpingfall der Schweiz. Ein polnisches Subunternehmen zahlt seinen 30 Fassadenbauern eine halbe Million Franken weniger, als der GAV vorschreibt. In die Bresche springen muss zuletzt der Pharmamulti.


2. Durchmesserlinie Zürich (2011)

(Foto: Keystone)

Alles beginnt mit einem Besuch der Arbeitskontrollstelle: Entdeckt werden rund 30 Scheinselbständige aus Polen und Litauen, die in einem Stollen schwere Brandschutzplatten verlegen. Für 5 bis 10 Euro die Stunde! Durch die Kontrolle aufgeschreckt, jagt der Chef seine Leute zum Teufel. Doch einer kontaktiert die Unia: Streik, Blockade, Verpflichtung des Schweizer Auftraggebers zur Deckung der Ausstände. Kostenpunkt: rund 1,2 Millionen Franken.


3. Postpaketzentrum Härkingen (2013)

(Foto: pd)

Die Arbeitskontrollstelle Solothurn entdeckt: Für den Bau eines Förderbands zahlen Subunternehmen aus Deutschland, Polen und der Slowakei ihren Monteuren Hungerlöhne. Der tiefste liegt bei 6.90 Franken pro Stunde. Auch mit gefälschten Lohnblättern wird getrickst. Vergebens. Es hagelt mehrjährige Sperren, Hunderttausende Lohnfranken müssen nachgezahlt werden, für einen Teil davon kommt die Post auf.


4. Zara Bahnhofstrasse (2014)

(Foto: Keystone)

Beim Umbau des noblen Bally-Hauses an der Zürcher Bahnhofstrasse verweigert ein Subunternehmen die Kontrolle. Dann fliegt alles auf: 50 Bauarbeiter werden zu 900 bis 2000 Euro ausgebeutet. Die Bauherrin ist die Fast-Fashion-Kette Zara von Multimilliardär Amancio Ortega. Die Unia schliesst den Tatort und setzt die Nachzahlung von über 1,6 Millionen Euro durch.


5. Mafiös im Ceneri (2017)

(Foto: Keystone)

Entsendekontrolle im Ceneri-Tunnel: 170 italienische Arbeiter verlegen Gleise zum Schleuderpreis. Im Auftrag der SBB-Tochter Alptransit. Auf dem Papier ist ihr Lohn sauber, real müssen sie Ende Monat einen Teil des Zahltags abheben und zurückgeben. Die Tessiner Staatsanwaltschaft eröffnet ein Verfahren – und stellt es 2024 ein. Die Unia verhilft ihren Mitgliedern dennoch zum Recht: 390'000 Franken fliessen als Schadenersatz. In Mailand ermittelt derweil die Anti-Mafia-Behörde. Ihr Vorwurf: Der Dumpingkonzern beherrsche den Gleisbau Italiens monopolartig und habe diesen mit Hilfe der kalabrischen ’Ndrangheta unterwandert.


6. Fabrikrückbau zum Zweifränklerlohn (2021)

(Foto: Keystone)

2 Franken und 16 Rappen. So «viel» verdiente ein 50jähriger polnischer Metallbauer pro Stunde. Aber nicht etwa in seiner Heimat, sondern in Pratteln BL. Dort demontierte er mit 130 Kollegen die Produktionsanlage der konkursgegangenen Chemiefabrik Rohner. Eine Entsendekontrolle ermittelte Durchschnittslöhne von 9 Franken und eine Deliktsumme von 738'000 Franken. Die Wirtschaftskammer Baselland sprach vom «grössten Skandal der letzten 20 Jahre» und von «Betrug» am lokalen Gewerbe.


7. Rekordstrafe im Aargau (2025)

(Foto: Keystone)

Jeff Bezos’ Amazon ist Grossmieterin im aargauischen Lupfig – konkret im Datacenter von Green, der ehemaligen Firma von SVP-Nationalrat Franz Grüter. Für Elektroarbeiten heuert der US-Konzern Stromer aus Kroatien, Irland oder Grossbritannien an, darunter etliche Scheinselbständige. Vier Rumänen werden binnen weniger Wochen um 175'000 Franken geprellt. Dank einer Entsendekontrolle fliegt die Bschiss-Bude auf. Und dank der drohenden Sperre zahlt sie 2025 alle Löhne nach – zudem eine Konventionalstrafe, wie es sie im Aargauer Elektrogewerbe in dieser Höhe noch nicht gegeben hat: 75'000 Franken.

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