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Anne-Sophie Zbinden, Chefredaktorin

Es ist noch finstere Nacht, wenn sie sich regen, alles schläft. Lautlos besteigen sie fast leere Busse, eilen durch verlassene Gassen. Bis sie ihr Ziel erreichen und ihre fleissigen Hände das Lenkrad, den Wischmopp, die Schaufel oder die Bettpfanne berühren. Dann verwandeln sie sich in Chauffeure, Reiniger, Bauarbeiter oder Pflegerinnen. Spätabends, wenn wieder alles schläft, huschen sie ­geisterhaft zurück, wie Schatten in der Nacht.

Spuk

So sieht das Traumbild der SVP und ihrer Entourage aus. Sie phantasieren von Wohlstand, glücklich gepflegten Kranken, schönen neuen Häuschen, sauberen Bahnhöfen, schlag­löcherfreien Strassen, erledigt durch Geisterhände, geräuschlos, kostenlos, unsichtbar. Sie wollen gepflegte Patienten, nicht aber die Pflegerin. Sie wollen das Paket am nächsten Morgen, nicht aber den Kurierfahrer. Sie wollen ­saubere Züge, nicht aber die Reinigerin.

Doch diese Arbeiten halten das Land am Laufen, ausgeübt von Menschen aus Fleisch und Blut, vielen Migrantinnen und Migranten. Und diese sind der SVP und ihren ­rechten Vorgängerinnen ein liebgewonnenes Feindbild, besonders seit sich die Schweiz vom Armenhaus Europas zu einer der reichsten Nationen der Welt gemausert hat.

Monster

Unvergessen grausam der Satz des damaligen Schweizer Justizministers Eduard von Steiger, der 1942 unter dem Motto «Das Boot ist voll» Tausende Jüdinnen und Juden in den sicheren Tod schickte. Später dann Schwarzenbach, der mit seiner Initiative «Gegen die Überfremdung» 300 000 Menschen ausweisen wollte. Schwarzenbach hat einmal gesagt: «In der Schweiz bin ich Demokrat, würde ich in Spanien leben, so wäre ich Faschist.» Was vielleicht ehrlicher war als die SVP von heute, die die genau gleichen Anliegen mit ­scheinbarem Verständnis für die «Sorgen
des einfachen Mannes» übertüncht.

Sie gaukelt vor, die drängendsten Probleme der Schweiz wären mit ihrer «Nachhaltigkeitsinitiative» wie von Geisterhand gelöst. Und blendet dabei völlig aus, dass bei Tageslicht betrachtet die Hebel angesetzt werden müssten, wollte man reale Verbesserungen für alle: bei der Steuerpolitik zugunsten von Konzernen und Reichen, der Immobilien­spekulation, der Raumplanung oder den Mindestlöhnen.

Albtraum

Mit ihren Kampfbegriffen wie Dichtestress, Zubetonierung oder Wohnungsnot verdrängt die SVP die Menschen aus der Debatte, macht sie unsichtbar. Denn Unsichtbare brauchen keine Rechte, keine Mindestlöhne, keine Familien. Kein Wunder, ist die SVP-Idealvorstellung eine Rückkehr zum Saisonnierstatut. Dem perfiden System, das Menschen zu Geistern macht.

Doch wir glauben nicht an Geister. Die Schweiz hat kein Problem mit Migration. Sie hat ein Problem damit, die Menschen anzuerkennen, deren Arbeit sie täglich braucht. Diese work-Ausgabe ist fast ganz der Chaosinitiative der SVP gewidmet. Weil ein Ja verheerende Auswirkungen auf alle Arbeitnehmenden in der Schweiz hätte. Und weil wirklich jede Stimme zählt.

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