So wirkte sich der Brexit auf die Migration aus
Es kamen die Richtigen, und es kamen sehr viele

Vor zehn Jahren beschloss Grossbritannien den ­Ausstieg aus der EU. Es war ein Versuch, die Migration zu beschränken. Aber die ­Geschichte endet nicht so, wie die EU-Gegnerinnen und ­-Gegner wollten.

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Wieso Brexit? In Grossbritannien ist die Ernüchterung nach dem Austritt aus der EU gross. 
(Foto: Keystone)

Am 23. Juni 2016 stimmte eine Mehrheit der ­Britinnen und Briten für den Brexit. Eines der Hauptargumente der «Brexiteers»: die Kontrolle und die Beschränkung der Migration. Unmittelbar danach ­begann ein grosser Exodus. Die Zuwanderung aus den EU-Ländern nahm ab. Die Gründe: politische Unsicherheit und das schwache Pfund. In Grossbritannien zu arbeiten lohnte sich schlicht nicht mehr.

Nach vielen chaotischen Jahren, die die Politikerinnen und Politiker in London mit Streitereien um die richtige Brexit-Strategie verbrachten, kam 2020 der formelle EU-Austritt. Im folgenden Jahr traten die neuen Brexit-Einwanderungsregeln in Kraft: Die Personenfreizügigkeit mit der EU war vorbei, stattdessen gibt es seither ein Visumsystem. Das heisst, die britischen Behörden bestimmen, wer ins Land kommen darf. Und damit nahm die Einwanderung so richtig zu. Kamen im Jahr 2020 netto weniger als 200 000 Menschen ins Land, war die Zahl 2023 auf mehr als 800 000 angestiegen. Die Visa wurden vornehmlich an Arbeitnehmende ausserhalb der EU verteilt, viele Menschen kamen aus Indien und Nigeria, zudem wurden humanitäre Visa an Geflüchtete aus der Ukraine und aus Hongkong vergeben.

Wirtschaft bestimmt die Migration

Politikerinnen und Politiker aus dem rechten Spektrum waren empört. Nigel Farage, Brexit-Zugpferd und führender Rechtspolitiker im Land, sprach von einer «furchtbaren» Entwicklung. Dabei geschah genau das, was Farage mit dem Brexit gefordert hatte: Grossbritannien hatte die Kontrolle über die Migration und vergab jene Einreisebewilligungen, die die britische Wirtschaft benötigte. Und offenbar war das eine ganze Menge. Während die Zuwanderung im Niedriglohnsektor abnahm, kamen mehr Arbeitnehmende, die im Gesundheitsdienst NHS angestellt waren, in der Pflege, in der Kommunikationsbranche sowie im Finanzsektor. Der Migrationsexperte Jonathan Portes schlussfolgerte: «Das Nach-Brexit-System hat seine wichtigsten Ziele erreicht.»

Schlimme Folgen für die Pflege

Aber die Gegenreaktion von rechts liess nicht lange auf sich warten. Die Migration wurde in jenen Jahren wieder zum wichtigsten Thema in der öffentlichen Debatte. So versprachen Politikerinnen und Politiker aller grossen Parteien, die Einwanderung stark senken zu wollen. Die Tory-Regierung führte schärfere Visumsbestimmungen ein. Unter anderem dürfen Doktoranden seit 2024 keine Familienange­hörigen mehr mit ins Land bringen. Auch die ­«Arbeiterpartei» Labour versprach eine tiefere ­Migration. Nach ihrem Wahlsieg 2024 machte sie sich daran, dieses Versprechen einzulösen.

Im Frühling 2025 präsentierte Labour ihre Verschärfung der Einwanderungsregeln. Dabei ging es um die irreguläre Migration – es sollte schwieriger werden, in Grossbritannien Asyl zu erhalten. Der Familiennachzug für anerkannte Flüchtlinge wurde suspendiert. Aber die Regierung zielte auch auf die reguläre Einwanderung ab. Sie erhöhte den Mindestlohn, den Fachkräfte verdienen müssen, von 38 700 auf 41 700 Pfund – wer weniger einnimmt, erhält kein Visum. Auch soll es künftig länger dauern, bis Migrantinnen und Mi­granten das permanente Bleiberecht erhalten: Die Frist soll von fünf auf zehn Jahre heraufgesetzt werden, in manchen Fällen sogar auf fünfzehn Jahre. Zudem dürfen künftig keine Pflegerinnen und Pfleger mehr aus dem Ausland rekrutiert werden.
Besonders für den Gesundheitsbereich könnten dies Massnahmen verheerende Folgen haben. Im März warnte ein Parlamentskomitee, dass die Erhöhung der Einkommensschwelle «Hunderttausende Pflegefachkräfte und ihre Familien betreffen wird und grössere Konsequenzen für den Sektor haben könnte». Die Pflegearbeit ist in der Regel gering bezahlt. Viele Pflegende würden deshalb unter die Einkommensgrenze fallen und müssten das Land somit verlassen. Wenn sie zudem viel länger auf das permanente Bleiberecht warten müssten, würden viele auswandern. Eine Pflegerin aus Nigeria sagte zum Sender BBC: «Wir würden definitiv nicht bleiben. Wir können nicht in einem so unsicheren Umfeld leben.» Sie werde versuchen, nach Kanada zu ziehen.

Die Regierung hat auch eingeführt, dass keine Pflegerinnen und Pfleger mehr aus dem Ausland rekrutiert werden dürfen. Das hat handfeste Konsequenzen. Vor dem Verbot kamen die meisten Pflegenden aus Übersee, insbesondere aus den Philippinen, aus Indien, Nigeria und Simbabwe. Aber selbst damals bestand ein akuter Mangel an Fachkräften – laut dem NHS England sind zehn bis zwölf Prozent der Stellen unbesetzt, was mehreren Zehntausend Arbeitnehmenden entspricht. Wenn niemand mehr aus dem Ausland kommen darf, wird sich dieser Notstand verschärfen, warnen die Pflegeheime: Es gibt schlichtweg zu wenig britische Arbeitskräfte für diese Jobs.

Innenpolitik bewirkt den Unterschied

Die Gefahr ist also, dass Labour aus Angst vor der aufstrebenden radikalen Rechten (siehe Spalte unten) eine Beschränkung der Migration durchsetzt, die schwere wirtschaftliche – und soziale – Schäden nach sich ziehen wird. Und das zu einer Zeit, in der die Migration sowieso stark gesunken ist, schon bevor die jüngsten Verschärfungen gegriffen haben: In den zwölf Monaten bis Juni 2025 fiel die Zuwanderung auf das Niveau vor dem Brexit zurück. Unter anderem sind viel weniger Studierende ins Land gekommen, nachdem die Tories die Visumbestimmungen verschärft hatten; auch sind weniger Visa an Geflüchtete aus der ­Ukraine und aus Hongkong vergeben worden.
Stattdessen könnte die Regierung etwas anderes tun. Sie könnte anerkennen, dass Migration «ein strukturelles Merkmal einer modernen, offenen Wirtschaft ist und keine temporäre Verirrung», schreibt Experte Jonathan Portes. Und dass die Kosten und der Nutzen der Migration «über­wältigend von innenpolitischen Entscheidungen abhängen – etwa bei der Wohnungspolitik, den öffentlichen Dienstleistungen, der Arbeitsmarktregulierung und der Integration».


Lokalwahlen in Grossbritannien Grüner Hoffnungsschimmer

Die Lokal- und Regionalwahlen in Grossbritannien waren für die regierende Labour-Partei ein Fiasko. Bemerkenswert ist der Wahlerfolg der Grünen.

CHEF DER GRÜNEN: Zack Polanski. (Foto: Keystone)

Anfang Mai wählten die Britinnen und Briten neue Regional- und Kommunalräte. In England standen rund 5000 Sitze in den Kommunalräten zur Wahl. Die Regierungspartei Labour verlor fast 1500 Mandate. Ein schwerer Schlag war das Ergebnis in Wales, wo die hundertjährige Vorherrschaft Labours zu einem abrupten Ende gekommen ist. Insgesamt war es eines der schlechtesten Wahlergebnisse in der Geschichte der Labour-Partei.

Als grosser Wahlsieger präsentierte sich der rechtsradikale Politiker Nigel Farage. Er sprach nach der Wahl von einer «historischen Verschiebung» in der britischen Politik. Tatsächlich legte seine rechtsradikale Partei «Reform UK» in allen Landesteilen stark zu, vor allem in den englischen Midlands, im Norden und an der Ostküste. Sie gewann 1450 Sitze in den Kommunalräten.

Nicht ganz so düster

Aber bei genauerem Hinsehen ist die Situation aus progressiver Perspektive nicht ganz so düster. Noch vor wenigen Wochen hatte Reform UK mit viel mehr Sitzgewinnen gerechnet, und in den Lokalwahlen vor einem Jahr hatte sie besser abgeschnitten. Auch ist die Rechtspartei seit ihrem Umfragehoch Ende 2025, als sie bei deutlich über 30 Prozent Wähleranteil lag, auf etwa 25 Prozent abgerutscht.

Ebenso optimistisch stimmt das Ergebnis der Grünen. Während die Medien im vergangenen Jahr vor allem über den Aufstieg von Reform UK berichteten, wurde die etablierte Politik gleichzeitig von links herausgefordert. Unter dem Vorsitzenden Zack Polanski, der im September gewählt wurde, machen die Grünen zunehmend Klassenpolitik – und haben damit Erfolg: Die Partei konnte ihre Mitgliederzahlen auf mehr als 225 000 verdreifachen, in Umfragen liegt sie etwa gleichauf mit Labour und den Tories. In den Lokalwahlen letzte Woche gewann die Partei mehr als 400 zusätzliche Sitze. In fünf englischen Kommunalräten hat sie nun die Mehrheit, und in zwei Bezirken in London hat sie das Bürgermeisteramt erobert: Zoë Garbett in Hackney und Liam Shrivastavan in Lewisham.

Bye bye Starmer?

Die Labour-Regierung stürzte in eine tiefe Krise. Pre­mierminister Keir Starmer ist unter Druck, zurückzutreten. Die Gründe gehen aber über die Wahlniederlage hinaus. Vom grundlegenden Wandel, den Starmer versprochen hatte, ist nichts zu spüren. Die dringlichsten Probleme der Briten – darunter steigende Lebenshaltungskosten, ein maroder Gesundheitsdienst, eine grassierende Wohnungskrise – sind noch genauso akut wie zu Tory-Zeiten.

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