Ungesundes Essen, ungesund produziert
Die Weltherrschaft der Schokoriegel

Unter dem Slogan «Good food, Good life» stellt sich Nestlé als wohltätiger Riese der Menschheit dar. Eine süsse Lüge, die beweist, wie dringend wir die Konzerne zur Verantwortung zwingen müssen.

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PROTEST GEGEN DEN MULTI: Eine Greenpeace-Kampagne klagt Nestlé 2010 als «Orang-Utan-Killer» an wegen der Verwendung von nicht nachhaltigem Palmöl. (Foto: Keystone)

Wenn der kolumbianische Gewerkschafter Carlos Soto unter Todesgefahr für die Rechte der Arbeitenden bei Nestlé streitet (zum Artikel), legt er sich mit einem Imperium an. Der grösste Lebensmittelkonzern der Welt gebietet über 271'000 Arbeitende und 335 Fabriken in 75 Ländern. Das allein ist enorm, unterschätzt aber den wirklichen Einfluss. Hunderttausende von Bauern, die Kakao, Kaffee, Palmöl, Milch, Zucker und andere Grundstoffe produzieren, hängen in ihrer Existenz von Nestlé ab. Vor allem im armen Süden. Konzern-Lobbyisten und eine Armada von Juristen sorgen dafür, dass die Regierungen nie vergessen, bei Nestlé ein Okay abzuholen, bevor sie den Arbeitsschutz neu regulieren, Standards für die Produktion definieren, Steuern ­erheben, ökologische oder medizinische Vorschriften erlassen. Vevey regiert mit. Mindestens. In vielen Fällen werden die ­Regierungen so zu Komplizen umstrittener Praktiken.

Black Rock mischt mit

Kapitalistische Kraken produzieren zuallererst Profit für die Besitzenden. Nestlé hat zwischen 2011 und 2025 seinen Aktionärinnen und Aktionären 173 Milliarden Franken ausgeschüttet. Jahr um Jahr steigen die Dividenden. Wer wird da vergoldet? Wirtschaftsmedien behaupten, Nestlé sei «in Streubesitz». Das dient der Vernebelung. Tatsächlich haben beim Multi mit dem idyllischen Nestchen-Küken-Logo die Finanzfonds das Sagen, angeführt von Black Rock, UBS Asset Management und Vanguard.

Diese scheinbar anonymen Kapitalisten griffen hart durch, als der Profit 2025 in einem Hauch auf 14,4 Milliarden Franken sank. Sie wechselten die Konzernleitung aus, verfügten die Zerstörung von 16'000 Jobs und ein 3-Milliarden-Sparprogramm. Ihr Ziel ist, die unangefochtene Weltherrschaft über die Nahrung zu sichern.

50 Jahre Skandale

Problem für Nestlé: Das Business mit dem Essen (Haustierfood eingeschlossen) steht unter besonderer Beobachtung. Logisch – man ist, was man isst. Seit den 1970er Jahren ist der Schweizer Vorzeigekonzern immer wieder in Kontroversen und Skandale verwickelt. Angefangen bei der aggressiven Durchsetzung von Milchpulver gegen Muttermilch. NGO hatten die gefährlichen, manchmal tödlichen Folgen im armen Süden belegt, diverse Boykott-Kampagnen folgten. In den USA und in Europa stoppte Nestlé darauf sein Treiben, in diversen asiatischen Ländern, zuletzt in China, hielt es lange an. Es folgte die Kontroverse um Kinder- und Sklavenarbeit in den Kakaoplantagen. Um Zwangsarbeit in der thailändischen Fischereiindustrie. Um illegale Waldrodungen in Ghana und in der Elfenbeinküste. Dann fand sich Palmöl in Kindermilch. Oder, unlängst, zu viel Zucker (work berichtete). Nestlé ist ein Grossdealer der Droge Zucker. Und immer wieder gab es Verunreinigungen, etwa Kolibakterien in Pizzas und Biscuits, Salmonellen in Maggi-Nudeln, Melanin in chinesischen Milchprodukten … die Liste könnte fortgeführt werden.

Hochverarbeitete Lebensmittel

Niemand unterstellt dem Nahrungsmittelriesen, er wolle seine Kundinnen und Kunden vergiften. Oder er nehme den Schaden auch nur billigend in Kauf. Vielmehr wirkt hier die kapitalistische Logik: Aus einem elementaren Bedürfnis, das sehr viel sim­pler zu stillen wäre, schlägt Nestlé maximalen Profit, indem der Konzern die Menschen auf hochverarbeitete Lebensmittel anfixt. Die Manager wissen, was sie tun. 2021 enthüllte das Wirtschaftsblatt «Financial Times» die alarmierende Schlussfolgerung einer internen Nestlé-Studie: 60 Prozent ihrer Speisen und Getränke, so hatten sie selbstkritisch ermittelt, seien ungesund. Da nimmt sich der Slogan, der alle Publikationen aus Vevey ziert, recht trotzig aus: «Good food, Good life.»


KonzernverantwortungLügen, Zeit gewinnen, Besserung schwören – und basta!

ZUM BEISPIEL GLENCORE: Der Bundesrat will Rohstoffhändler nicht in die Verantwortung nehmen. (Foto: Keystone)

Im Januar 2026 musste Nestlé bakterienverseuchte Kindermilch in 50 Ländern zurückrufen. Schon wieder ein Lebensmittelskandal. Schlecht für Image und Geschäft, aber der Konzern ist künftig gerüstet: Mitte Juni hat er die Führung umgebaut. Die Juristin Antonia Wagner, die bisher für Nachhaltigkeit im Food-Imperium sorgen sollte, wurde befördert und ist nun auch für Kommunikation zuständig. Das macht eine Strategie sichtbar. Folgt man den zahllosen Hochglanzpublikationen, Nachhaltigkeitsschwüren und Newsletters, die von glücklichen Nestlé-Kindern nur so wimmeln, weiss man: Will man endlich sehr gesund leben in einer gerechteren Welt mit null Treibhausgasen und ohne Plastic, ­besten Löhnen für Kakao­pflanzer und Kaffeebauern, muss man KitKat kaufen und Nespresso-Konzentrat. Nestlé schafft die Welt, von der schon alle immer träumten. Tja.

Den Trick kennen wir von den Banken. Er heisst Selbstregulierung. Schlicht gesagt: Wir brauchen keine Regeln, wir lösen sämtliche Probleme allein, vertraut uns. Wir waren der Wolf, nun sind wir das Schaf. Das hat eine Finanzkatastrophe nach der anderen angerichtet und uns die Monsterbank UBS beschert.

Korken Knallen

Eigentlich dachten wir, das sei passé. Am 29. November 2020 hatte das Stimmvolk der Initiative «Für verantwortungsvolle Unternehmen – zum Schutz von Mensch und Umwelt» (Kovi) zugestimmt. Das Ständemehr stand dagegen, jetzt können die Konzerne die Menschenrechte weiter igno­rieren, die Umwelt zerstören, das Klima aufheizen. Ein breites Bündnis von 90 Organisationen aber wollte dem Volksmehr eine Stimme geben. Es stellte eine zweite Kovi auf die Beine. Worauf der Bundesrat versprach, die EU-Regeln für Konzernverantwortung zu übernehmen. Doch inzwischen hat die EU-Kommission unter der rechten Präsidentin Ursula von der Leyen diese Regeln weitgehend ausgehöhlt.

Das kann der Berner Bundesrat noch gründlicher. Immer im Dienste des Kapitals, hat er jetzt einen Gegenvorschlag aufgelegt, der ausgerechnet fast die gesamte Rohstoffbranche auslässt. Also die schlimmsten Finger. Am Genfersee knallten die Champagnerkorken.

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