Tessiner Arzt und Kuba-Unterstützer Franco Cavalli:
«Die Lage ist dramatisch. Die Leute haben Hunger!»

Kein Strom, kein Benzin, kaum Medikamente: Das neue US-Ölembargo trifft Kuba mit voller Wucht. Der Tessiner Arzt Franco Cavalli war mit einer Solidaritäts-Flottille auf der Insel – und berichtet von einem Gesundheitssystem am Anschlag.

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ANKUNFT IN KUBA: Ein Teil der Solidaritätsflottille «Nuestra América» legt mit Hilfsgütern an Bord am Hafen von Havanna an. (Foto: Keystone)
BESORGT: Franco Cavalli. (Foto: Keystone)

Seit Ende Januar verhindert US-Präsident Donald Trump sämtliche Öllieferungen nach Kuba. Die Begründung: Der Karibikstaat stelle eine «extreme Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA dar». Jetzt musste die kubanische Regierung vor wenigen Tagen verkünden, dass die Erdölreserven im Land aufgebraucht seien. Die Folgen für die Bevölkerung sind verheerend: es gibt kaum mehr Strom, der Verkehr steht still, die ohnehin spärlichen Nahrungsmittel verderben, das Wasser ist knapp. Auch die Gesundheitsversorgung kollabiert zunehmend. Es fehlen selbst grundlegende Medikamente wie Antibiotika oder Schmerzmittel.

Das rief die Solidaritätsflottille «Nuestra América» auf den Plan. Organisiert hat sie die Bewegung «Progressive International», ein linkes Netzwerk rund um Per­sönlichkeiten wie den ­US-Philosophen Noam Chomsky, den US-Politiker Bernie Sanders oder den griechischen Ökonomen Yanis Varoufakis.

Rund 800 Freiwillige brachten Lebensmittel, Medikamente und Sonnenkollektoren nach Kuba. Teil dieser Flottille war auch der Tessiner Arzt und Krebsspezialist Franco Cavalli (83). Er sagt: «Es ist dramatisch. Die Leute haben Hunger.» Für Cavalli grenzt die Lage inzwischen «fast an einen Völkermord».

Mehr Frühgeburten

Lebensmittel seien knapp und teuer, auch weil es an Treibstoff für Transporte fehle. Cavalli:

Viele Menschen verbringen den Alltag damit, irgendwo Essen oder Benzin aufzutreiben.

Besonders hart treffe es das Gesundheitssystem. Kuba hatte früher eine der niedrigsten Kindersterblichkeiten weltweit, heute steige diese wieder deutlich an, wie auch die Zahl der Frühgeburten. Auch Krebsmedikamente und andere wichtige Behandlungen fehlten zunehmend. Die Spitäler arbeiteten unter extrem schwie­rigen Bedingungen. Das Pflegepersonal bleibe teilweise mehrere Tage im Krankenhaus, weil Transportmöglichkeiten fehlten.

Zum Beispiel Herzschrittmacher

Cavalli reist seit 40 Jahren regelmässig nach Kuba. Er sagt:

Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat das Gesundheitssystem phantastisch funktioniert.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe das kubanische System sogar als Vorbild für den Globalen Süden bezeichnet. Kuba hatte eine sehr tiefe Säuglingssterblichkeit und eine hohe Lebenserwartung. Doch mit dem Wegfall der Unterstützung aus der Sowjetunion und unter dem US-Embargo verschlechterte sich die Situation massiv. «Ich habe erlebt, wie Bestrahlungsgeräte stillstanden, weil Ersatzteile fehlten und Kuba sie auf dem ‹freien Markt› nicht kaufen durfte.» Deshalb gründete er zusammen mit Kolleginnen und Kollegen 1992 den Verein Medicuba mit dem Ziel, das kubanische Gesundheitssystem zu unterstützen.

Kuba setzte fortan auf Tourismus und Biotechnologie. Cavalli erklärt: «Kuba hat sogar einen eigenen Covid-Impfstoff entwickelt.» Unter US-Präsident Barack Obama habe sich die Lage zeitweise deutlich verbessert. Der Tourismus florierte, es gab einen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch dann kamen die erste Amtszeit von Trump und Corona. Mit der Pandemie fiel der Tourismus gänzlich weg und damit eine der Haupteinnahmequellen. Trump wiederum liess Kuba auf die schwarze Liste von Ländern setzen, die Terrorismus unterstützen. Mit dem Resultat, dass es in der Schweiz nicht mal mehr möglich ist, via Banküberweisung den Mitgliederbeitrag für den Schweizer Verein Medicuba zu überweisen. Geschweige denn Geld nach Kuba zu schicken. Oder Medikamente und medizinische Apparate. Zum Beispiel Herzschrittmacher: «Es gibt weltweit drei grosse ­Unternehmen, die diese herstellen. Doch keines wollte uns für Kuba welche ver­kaufen.»
Und jetzt also das totale Ölembargo. Seine verheerenden Folgen treiben die Menschen immer wieder auf die Strassen. Cavalli schätzt die Stimmung so ein:

Es gibt wohl jene Menschen, die sagen, sie hielten die Regierung zwar für unfähig, aber trotzdem keine Lust haben, wieder Sklaven der USA zu werden. Andere sind eher der Meinung, dass es mit den USA zumindest nicht schlechter werden könne.

SolarOffensive

Die Situation, unter der die Bevölkerung jetzt leidet, hat auch mit dem über 60 Jahre dauernden US-Embargo zu tun. Cavalli erklärt: «Wenn bei einem Produkt – vom Flugzeug bis zum Bleistift – mehr als zehn Prozent US-Technologie drinstecken, darf Kuba es nicht kaufen.» Doch die Regierung habe auch Fehler gemacht. So habe sie zu wenig in die Landwirtschaft investiert und dafür in riesige, luxuriöse Hotels, die keinerlei Nachfrage hätten. Auch die Umstellung auf Solarenergie habe die Regierung verschlafen. Doch in diesem Bereich investiere die Regierung jetzt massiv. «Für 1000 Dollar gibt es Solaranlagen mit der Kapazität, einen Haushalt zu versorgen.»


Kubas bewegte Geschichte: Kolonialismus, Revolution, Sozialismus

VEREHRT: Che Guevara. (Foto: Pexels)

Spanische Herrschaft

  • 1492: Christoph Kolumbus erreicht Kuba im Auftrag Spaniens. Die indigene Bevölkerung der Taíno wird durch Gewalt, Zwangsarbeit und Krankheiten fast vollständig vernichtet.
  • 1511: Diego Velázquez beginnt die systematische spanische Kolonisierung Kubas. Die Insel entwickelt sich zu einem kolonialen Zentrum der Zucker­produktion und der Sklavenwirtschaft. Unabhängigkeitskämpfe gegen Spanien.
  • 1868–1878: Carlos Manuel de Céspedes ruft den bewaffneten Aufstand gegen Spanien aus.
  • 1895: Unter Führung von José Martí beginnt der Unabhängigkeitskrieg gegen die spanische Kolonialmacht. Martí stirbt 1895 im Kampf und wird zur Symbolfigur Kubas.
  • 1898: Die Vereinigten Staaten greifen militärisch in den Krieg ein. Spanien verliert Kuba, die Insel gerät jedoch unter starken politischen und wirtschaftlichen Einfluss der USA.

Republik unter US-Einfluss

  • 1902: Gründung der Republik Kuba.
  • 1903: Die USA sichern sich die Kontrolle über den Militärstützpunkt Guantánamo Bay Naval Base.
  • 1952: Fulgencio Batista übernimmt durch einen Militärputsch die Macht. Seine Herrschaft ist geprägt von Korruption, Repression und enger Zusammenarbeit mit den USA.

Die Kubanische Revolution

  • 1953: Revolutionärinnen und Revolutionäre um Fidel Castro greifen die Moncada-Kaserne an. Der Angriff scheitert militärisch, gilt aber als Beginn der Revolution.
  • 1956: Fidel Castro, Raúl Castro und Che Guevara beginnen den Guerrillakrieg.  
  • 1. Januar 1959: Batista flieht aus Kuba; die Revolution siegt. Die neue Regierung verstaatlicht Grossgrundbesitz und zentrale Industrien.

Kalter Krieg und US-Blockade

  • 1961, Invasion in der Schweinebucht: Von der CIA unterstützte Exilkubaner versuchen, die Revolution zu stürzen. Die Invasion scheitert innerhalb weniger Tage.
  • 1962, Kubakrise: Die Stationierung sowjetischer Raketen in Kuba bringt die Welt an den Rand eines Atomkriegs.
  • ab 1960: Die USA verhängen einen umfassenden Wirtschafts-, Handels- und Finanzboykott gegen Kuba.
  • 1960er bis 1980er Jahre: Kuba entwickelt ein sozialistisches Gesellschaftsmodell mit kostenlosem Gesundheits- und Bildungssystem. Gleichzeitig kommt es zur Einparteienherrschaft.
  • 1991: Der Zusammenbruch der Sowjetunion führt zur schweren Wirtschaftskrise in Kuba.

Kuba im 21. Jahrhundert

  • 2014: Unter US-Präsident Barack Obama beginnen diplomatische Annäherungen zwischen Kuba und den USA. Die Wirtschaft erlebt einen Aufschwung.
  • 2021: Grössere Proteste gegen Versorgungskrise, Inflation und Stromausfälle erschüttern Kuba. Die Regierung verweist auf die Auswirkungen der US-Sank­tionen und der Pandemie.
  • 2023: Die Inflation steigt massiv an. Viele Güter des täglichen Bedarfs sind nur schwer erhältlich. Die Regierung führt Wirtschaftsreformen fort, darunter mehr Spielraum für kleine Privatunternehmen.
  • Januar 2026: Die USA verhindern sämtliche Erdöllieferungen nach Kuba und drohen mit einer Militärintervention.

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