Anne-Sophie Zbinden, Chefredaktorin

Anne-Sophie Zbinden, Chefredaktorin

Sie sind nicht berühmt, keine Stars und schon gar keine Sternchen. Sie stehen auf und erheben ihre Stimme für Gerechtigkeit. Und ganz ­atypisch für die heutige Zeit: Sie tun dies ohne Firlefanz, ganz ohne Brimborium. Dafür umso deutlicher.

Der Logistiker

Zum Beispiel Daniele Schmid. Er erlebte durchaus stürmische Zeiten auf
den Tessiner Seen. Bis letzten Sommer arbeitet der SEV-Gewerkschafter im Südkanton für die Schifffahrtsgesellschaft SNL. Dann stellt ihn das Unternehmen auf die Strasse, mit ihm zwei seiner Kollegen. Offiziell wegen «Restrukturierungen». In Wahrheit wohl eher deshalb, weil sie kritische Fragen gestellt hatten. Zu den miesen Löhnen, zur Einhaltung des Arbeitsgesetzes, zu Regelverstössen. Daniele Schmid bewies nicht nur Rückgrat seinen Chefs gegenüber. Darüber hinaus hatte er den Mut, seine Geschichte im work publik zu machen.

Die Dentalassistentin

Dass nicht alles rundläuft, ist Vera Çelik in der Lehre als Dentalassistentin aufgefallen. So hatte eine Kollegin zum Beispiel fast keine Mittagspause. Und Çelik begann, sich Fragen zu stellen: «Ist es fair, dass wir im Vergleich zu unseren Verpflichtungen so wenig Rechte haben?» Weil es die einzige Gewerkschaft war, die sie kannte, trat sie der Unia bei. Jetzt hat die 20jährige Büezerin den Sprung ins Zürcher Stadtparlament geschafft. Als Neopolitikerin will sie sich für soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit einsetzen. Und dafür sorgen, dass junge Menschen in der Politik besser vertreten sind, ihnen mehr Vertrauen geschenkt wird und sie mehr Verantwortung übernehmen können. Und dafür, dass die Gewerkschaften an den Berufsschulen präsenter sind.

Der Koch

Etwas zu präsent dürfte Nils Huber in den Augen von NZZ-Chefredaktor Eric Gujer gewesen sein. Huber hat gemeinsam mit einem Kollektiv an einer Veranstaltung der NZZ Präsenz markiert. Und den Chef der rechtsliberalen Tageszeitung darauf hingewiesen, dass er «bewusste und systematische Verharmlosung und Leugnung des wissenschaftlichen Konsenses in der Klimakrise» betreibe. Nils Huber ist Koch. Und Aktivist im Klimakollektiv Drop. Er will die Resignation nicht hinnehmen, die viele Menschen angesichts der Klimakrise befällt. Er setzt auf zivilen Widerstand, auf Gemeinschaft statt Einsamkeit.

Der Metallarbeiter

Auf Gemeinschaft setzt auch Dario Salvetti. Und wie! Er ist Metall­arbeiter und Mitglied des Arbeiterkollektivs der ehemaligen Autozulieferfabrik GKN in der Nähe von Florenz. 2021 beschloss der Finanzkonzern, dem die Fabrik gehörte, deren Schliessung. Und die Entlassung von 400 Arbeitern. Doch das liessen sich Salvetti und seine Kollegen nicht bieten. Sie reagierten mit einer Dauerversammlung, die bis heute anhält. Ihr Ziel: die Produktion von Elektro-Lastenvelos und Solarmodulen. Das ist selbstverwalteter ökosozialer Wandel.

Was haben Schmid, Çelik, Huber und Salvetti gemeinsam? Sie sind Büezerinnen und Büezer. Sie sind Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungsträger. Sie lassen sich nicht unterkriegen von der lähmenden Weltuntergangsstimmung. Sie bieten dem alltäglichen Wahnsinn die Stirn.

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