Gewerkschaftliche Schwerpunkte für 2026
Chrampfen muss gesünder werden – und besser bezahlt

Besserer Gesundheitsschutz und mehr Kaufkraft für die Lohnabhängigen: Das sind die Schwerpunkte des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes für 2026. Und SGB-Präsident Pierre-Yves Maillard hat eine klare Botschaft für Arbeitgeber-Ideologen und rechte Politikerinnen und Politiker.

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HARTE ARBEIT: Eine Migros-Mitarbeiterin kontrolliert den Bestand in der Kosmetik-Abteilung. (Foto: Keystone)

Die Zahlen, die der SGB an seiner Jahresmedienkonferenz vorstellte, sind dramatisch: Lohnabhängigen bleibt immer weniger Geld im Portemonnaie. Und die Arbeitsbedingungen werden immer ungesünder.

Kaufkraft

Trotz guter Wirtschaftslage sind die Reallöhne seit Jahren kaum gewachsen. Seit 2020 hat sich ein Reallohnrückstand von rund fünf Prozent aufgebaut. SGB-Chefökonom Daniel Lampart rechnet vor: «Für ein Paar mit mittlerem Einkommen bedeutet das rund 6000 Franken weniger pro Jahr.» Geld, das im Alltag fehlt – etwa für die Krankenkassenprämien, die im selben Zeitraum um über 2700 Franken gestiegen sind. Dazu kommen höhere Mieten. Die Folge: Die Konsumentenstimmung ist im Keller, der Pro-Kopf-Konsum geht zurück. Aus ökonomischer Sicht, so Lampart, ist der Kaufkraftverlust problematisch, weil der private Konsum rund die Hälfte der Wirtschaftsleistung ausmacht. Bleibt er schwach, zieht das die gesamte Konjunktur nach unten.

Der SGB fordert substanzielle Lohnerhöhungen, insbesondere für untere und mittlere Lohnklassen. Und:

Wer eine Lehre gemacht hat, muss mindestens 5000 Franken verdienen.

Aktuell verdient ein Drittel der Berufstätigen mit Lehrabschluss weniger.

Krankheit

Ebenfalls zappenduster sieht es beim Gesundheitsschutz aus. Die krankheitsbedingten Absenzen sind seit der Pandemie um rund 80 Millionen Arbeitsstunden gestiegen. Das ist ein Plus von einem Drittel. Besonders alarmierend: Die Wahrscheinlichkeit, invalid zu werden, ist erstmals seit 20 Jahren wieder gestiegen.

Co-Sekretariatsleiterin Gabriela Medici macht die Arbeitsbedingungen mitverantwortlich: Zeitdruck, Personalmangel, unregelmässige Arbeitszeiten, ständige Erreichbarkeit.

Die Hälfte der Schweizer Firmen gibt selber an, dass Zeitdruck bei ihnen ein psychosoziales Risiko darstellt.

Und statt struktureller Lösungen setzen viele Arbeitgeber auf Alibimassnahmen wie Stresskurse.

Der eigentliche Skandal: Das Arbeitsgesetz wird kaum durchgesetzt. Arbeitgeber werden von den Kantonen im Schnitt nur alle 20 Jahre kontrolliert. Der SGB fordert eine Vollzugsoffensive mit Kontrollen mindestens alle zwei Jahre. Die vom Nationalrat beschlossene Ausweitung der Sonntagsarbeit und die Verlängerung der Arbeitstage auf 17 Stunden will der SGB stoppen. Medici zieht die roten Linien:

«Eine Ausweitung der Sonntagsarbeit und eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten kommen nicht infrage.»

Klare Ansage

SGB-Präsident Pierre-Yves Maillard stellt die Grundsatzfrage offen: Hält die Sozialpartnerschaft noch, was sie verspricht? Die präsentierten Zahlen liessen daran zunehmend zweifeln.

«Alles deutet darauf hin, dass die dominierenden wirtschaftlichen Kreise in unserem Land den Klassenkampf neu entfachen», sagt Maillard.

Die arbeitende Bevölkerung verliere real an Boden, während hohe Einkommen und Vermögende immer stärker vom Wachstum profitierten. «Von einer Opfersymmetrie kann keine Rede sein.»

«Wir können kämpfen»

Maillard betont, die Gewerkschaften setzten weiterhin auf Verhandlungen und Konsens. Doch zugleich macht er klar, dass diese Bereitschaft keine Einbahnstrasse sei. «Wir werden uns anpassen», kündigt er an. Die Gewerkschaften hätten gezeigt, dass sie Referenden und Initiativen ergreifen und gewinnen könnten. Die Siege für die 13. AHV-Rente und gegen die BVG-Abbauvorlage hätten das bewiesen. «Wir werden nicht zulassen, dass sich die Verschlechterung der Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung in der Schweiz fortsetzt», so Maillard. Und weiter:

«Unsere Verbände haben zudem bewiesen, dass sie Kämpfe führen können – einschliesslich Streiks.»

Parlament muss liefern

Für die Gewerkschaften ist klar: Zum nächsten Lackmustest komme es im Parlament. Insbesondere die anstehenden Entscheide zu den Europa-Verträgen und zu den Vorstössen zur Verschlechterung des Arbeitnehmendenschutzes würden zeigen, ob Arbeitgeberverbände und ihre politischen Verbündeten bereit seien, den Schutz der Löhne und Arbeitsbedingungen ernst zu nehmen. Oder ob sie weiter zusätzliche Verschlechterungen für die Lohnabhängigen und die Haushalte mit unteren und mittleren Einkommen durchsetzen wollten. Für Maillard ist klar:

«Wir werden nicht zulassen, dass sich die Verschlechterung der Lebensbedingungen der arbeitenden Bevölkerung in der Schweiz fortsetzt, und solche mit Entschlossenheit bekämpfen.»

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