Kinderbetreuerin Mia Egić trotzt den schlechten Arbeitsbedingungen
«Mit 4200 Franken brutto ist kein anständiges Leben möglich»

Mia Egić (33) arbeitet fast ihr ganzes Berufsleben als Kinderbetreuerin in Zürich. Das Hauptproblem der Branche sieht die Fachfrau in der Profitgier, die professionelle Arbeit zunehmend verunmöglicht.

LAUTSTARK: Die Gewerkschaftsgruppe «Trotzphase» setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen für Kinderbetreuerinnen ein, hier an der Demo für Lohngleichheit in Bern. (Foto: zvg/Florian Thalmann)

Mia Egić (33) ist wütend: «Wir haben es satt, dass unser Beruf von allen Seiten abgewertet wird. Denn er ist viel mehr als nur ein bisschen Kinder ‹hüten›. Unsere Arbeit ist systemrelevant.» Egić arbeitet seit über 10 Jahren als Fachfrau Betreuung Kinder. Und seit über zwei Jahren trotzt sie in der Gewerkschaftsgruppe «Trotzphase» den schlechten Arbeitsbedingungen in der Branche (siehe Box unten).

Egić hat nach ihrer Ausbildung sechs Jahre in einer Kita gearbeitet, heute ist sie seit sechs Jahren in einem Kinderhort beschäftigt. Der Unterschied: In einer Kita werden Kleinkinder und Kinder ganztags betreut, ein Kinderhort dagegen ist eine Ergänzung für schulpflichtige Kinder und meist ab dem Mittag bis abends offen. Beides sind private Institutionen, anders als die Tagesschulen. Auch die Aufgaben unterscheiden sich: Während in der Kita Kleinkinder gewickelt, gefüttert und spielerisch unterhalten werden, unterstützen die Betreuerinnen die Kinder im Hort unter anderem auch bei den Hausaufgaben und weiteren schulischen Pflichten. Die Bezahlung ist unabhängig vom Anstellungsort meistens sehr tief. Egić erklärt: «4200 Franken Bruttolohn auf 100 Prozent ist für eine Fachperson Betreuung in einer Kita Normalität. Das ist viel zu wenig, um ein eigenständiges und gutes Leben in der Stadt Zürich zu führen.» Doch nicht nur der Lohn macht ihr zu schaffen.

SPAREN, SPAREN, SPAREN

Besonders der massive Sparkurs macht den Alltag in der Kinderbetreuung noch schwerer. «Wie viele Kinder in einer Kita oder einem Hort aufgenommen werden, wird pro Quadratmeter berechnet», sagt sie. Das zeige, wie Kitas heute rein auf Profit aus sind, ist Egić überzeugt. «Was ich an meiner Arbeit mag, ist, die Kinder in ihrer Entwicklung adäquat zu begleiten und gemeinsam mit Eltern und Schule das Beste für sie herauszuholen. Doch durch das Profitstreben und den Wettbewerb zwischen den Einrichtungen wird genau das immer unmöglicher.» Das sei besonders im Hinblick auf den Fachkräftemangel eine alarmierende Entwicklung. Denn Fachpersonen verlassen den Beruf wegen der schlechten Arbeitsbedingungen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage vom Verband «Kinderbetreuung Schweiz». Laut ihrer Umfrage verlässt fast jede dritte Person den Beruf.

Immer weniger Fachfrauen müssen immer mehr Kinder betreuen. Das lässt kaum Zeit für die Bedürfnisse der Kinder. Dabei verlange die Politik, dass sich die Kitas und Horte als professionelle Bildungsinstitutionen positionieren und immer mehr pädagogische Aufgaben übernehmen sollen. Das sei ein Widerspruch, sagt Egić. Denn es fehle an Ressourcen, und die Sparerei mache das Image des Berufs noch mehr kaputt. Kurz gesagt: «Der Fachkräftemangel in der Branche ist hausgemacht. Um das zu ändern, brauchen wir mehr Leute, die sich dagegen wehren, zum Beispiel in der ‹Trotzphase›. Denn nur wenn wir uns organisieren, können wir einen Wandel erreichen.» Kommt hinzu: wegen des Profitkurses werden die Preise für die Kinderbetreuung immer unbezahlbarer. Egić kennt Beispiele, wo es für eine Familie günstiger wäre, wenn die Mutter den Beruf aufgäbe und zu Hause bliebe, statt das Kind in einer Kita betreuen zu lassen. Egić sagt: «Es ist eine Klassenfrage, wer seine Kinder heute in der Kita unterbringen kann. Reiche können sich Betreuung immer leisten, wohingegen Kindern aus der sozialen Unterschicht noch mehr das Recht auf Chancengleichheit verwehrt wird.»

«Trotzphase»: Sie trotzen den schlechten Arbeitsbedingungen

Die Arbeit der Kinderbetreuerinnen und -betreuer ist systemrelevant. Aus diesem Grund schloss sich eine Gruppe von Fachpersonen zusammen, um ihre wichtige Arbeit sichtbarer zu machen und um bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. So entstand die «Trotzphase», unterstützt werden sie von der Gewerkschaft VPOD. Und sie haben klare Forderungen: bessere Löhne, bessere Gesamtarbeitsverträge, bessere Weiterbildungsmöglichkeiten. Zudem brauchen sie mehr Zeit für den pädagogischen Umgang mit den Kindern und fordern eine unabhängige Aufsichtsbehörde, die Kitas und Horte mit Sanktionen bestrafen kann. Deshalb trifft sich die «Trotzphase» auch dieses Jahr am 14. Juni um 15.00 Uhr auf dem Bürkliplatz in Zürich. Um 16.30 Uhr halten sie eine Rede zu ihrer Situation und schreiten mit dem Care-Block an die grosse Demo. Egić: «Ich wünsche mir, dass bei meinen Berufskolleginnen und -kollegen der Funke überspringt und sie sich für bessere Arbeitsbedingungen der ‹Trotzphase› anschliessen. Jede Betreuungsperson zählt!» (dak)

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