Erzieherin Jasmin Gasser: «Ich war schon als Knirps eine Rebellin»

Fachfrau Betreuung Jasmin Gasser bricht gerne mit Konventionen: Als sie die Leitung einer Kita-Gruppe übernahm, schmiss sie als erstes die Wochenpläne in den Ghüder. Und sang ­mitten im Sommer «Schneeflöckli».

ENGAGIERT. Jasmin Gasser (32) ist in der ­Gruppe «Trotzphase» dabei. Sie will mehr Lohn und Anerkennung für Kita-Mitarbeitende. (Fotos: Michael Schoch)

Sie ist jung, aufgestellt, trägt ein Micky-Maus-T-Shirt – und gehört doch zum alten Eisen. «In meinem Job bin ich mit 32 Jahren oft die Älteste in einer Gruppe», sagt Jasmin Gasser und trinkt einen Schluck Wasser. Die gebürtige Badenerin sitzt im Bastelraum der Kita Sputnik direkt oberhalb vom Bahnhof Zürich Stadelhofen. Es ist kurz nach Mittag. Die meisten Kinder schlafen. Zwei kleine Buben hören mit einer Betreuerin leise «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer».

Zwölf Jahre ist es her, dass sich Jasmin Gasser zur Fachperson Betreuung hat ausbilden lassen. Eine Entscheidung, die sich von Kindsbeinen an abgezeichnet hat. «Bäuerin war wohl mein exotischster Berufswunsch», erinnert sie sich. Oder Lehrerin, Kindergärtnerin, Krankenschwester. Schliesslich wurde sie Fachfrau Betreuung. Eine Wahl, die passt. Bis heute: «Ich tauche sehr gerne in die Kinderwelt ein.»

ZWISCHEN KAHL UND CHAOS. Dabei geht es ihr nicht nur ums Eintauchen, sondern auch um neue Gewässer. Sie sucht nach ihrem eigenen Weg und bricht gerne mit alten Konventionen. «Der Morgenkreis ist so eine heilige Kuh in der Kita. Aber brauchen die Kinder das Ritual wirklich, oder halten wir Erwachsene daran fest?» In ihrer Arbeit gehe es oft darum, die eigenen Vorstellungen oder mehr noch: die Vorstellungen der Eltern und Grosseltern zu hinterfragen und diese nicht einfach so ungefiltert über die Kinder zu stülpen. Und hinterfragen, das macht die 32jährige gern.

Als sie vor sieben Jahren die Leitung einer Kita-Gruppe übernahm, schmiss sie als erstes die Wochenpläne in den Abfall. Danach folgte die fein säuberlich nach Jahreszeiten ausgerichtete Zimmerdekoration. Und am Schluss die nach Saison sortierten Liedertexte. Sie sang im Sommer «Schneeflöckli». Die Wände waren ein Mix «zwischen kahl und chaotisch». Bilder hingen kreuz und quer, drüber und drunter und manchmal gar nicht. Ein Nein hörten die Kinder selten. Die Grenze zog Jasmin Gasser dort, wo die Grenze des nächsten Kindes oder der Betreuerin anfing. Und darüber wurde oft diskutiert. «Die Freiheit gab jedem genügend Raum, um sich selbst zu entwickeln.»

Von der Freiheit: Davon hatte Jasmin Gasser in ihrer Kindheit nie genug. Aufgewachsen ist sie in einem gutschweizerischen Haushalt in Baden, Vater arbeitete, Mutter erledigte den Haushalt. Die meiste Zeit spielte Jasmin Gasser mit ihrem grösseren Bruder draussen. Sie streunten durch das Quartier, durch den Wald, mal zu zweit, mal zu zehnt. Immer unterwegs. «Das sind schöne Erinnerungen», sagt Jasmin Gasser. Aber sie sind nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite glänzte etwas weniger. Zu Hause galten viele Regeln. Regeln, gegen die sich Jasmin Gasser schon früh auflehnte. «Ich war bereits als kleiner Knirps eine Rebellin.» Eine Eigenschaft, die sich im Laufe der Jahre verstärkte. Als Teenager scherte sie zuerst nach rechts, dann nach links aus. «Das Jugendparlament hat mich politisiert.»

ZUM WOHLFÜHLEN: Nebst bunten Spielsachen ­brauchen Kinder eine gute Beziehung zu den Betreuerinnen und Betreuern.

ZWISCHEN JUNG UND ALT. Als sie vor rund zwei Jahren einen Flyer der «Trotzphase» in die Hände bekam, war für Jasmin Gasser klar: «Da will ich mitmachen.» Die «Trotzphase» ist eine Gruppe von Fachpersonen, die gegen die prekären Arbeitsbedingungen in Horten und Kitas kämpft. Denn Jasmin Gasser kennt den stressigen Kita-Alltag nur zu gut: zu wenige und schlecht ausgebildete Mitarbeitende, zu wenig Geld und zu wenig Anerkennung. «Nicht zuletzt wegen des Drucks habe ich vor fünf Jahren die Gruppenleitung abgegeben», erzählt sie. «Oft werden junge, motivierte Frauen verheizt und wechseln jung in einen anderen Beruf. Das ist so schade. Gelassene und erfahrene Betreuerinnen sind für Kinder Gold wert!» Mit der «Trotzphase» kämpft sie auf politischer Ebene für mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung. «Es ist dringend nötig, dass sich die Rahmenbedingungen verbessern.»

Für sich selbst hat die Erzieherin eine Lösung gefunden. Sie arbeitet an zwei Tagen in der Woche als Springerin bei der Stiftung Gemeinnützige Frauen Zürich (GFZ), die verschiedene Kitas in Zürich betreibt. Zudem hilft sie in der Kita Sputnik aus und coacht an eineinhalb Tagen die Woche Berufsbildnerinnen und Berufsbildner. «Dadurch verdiene ich besser und habe mehr Abwechslung im Alltag», sagt sie. In diesem Sommer hat sie die Höhere Fachschule Pflege angefangen. Vielleicht möchte sie später einmal in der Betagtenpflege arbeiten. So gross empfindet sie den Unterschied nicht: Bei Jung und Alt geht es darum, Nähe aufzubauen, eine Beziehung zu knüpfen. Und genau das macht Jasmin Gasser gerne, das liegt ihr. «Mit Menschen arbeiten. Das ist mein Ding.» Ob sie sich auch nach der Ausbildung noch für die «Trotzphase» einsetzen wird? «Natürlich!» kommt es wie aus der Pistole geschossen. «Unsere Forderungen betreffen ja nicht nur unsere Branche, sondern sind ein gesellschaftliches Anliegen.»


Jasmin Gasser Ruhen und reisen

Das mit der Work-Life-Balance ist bei Jasmin Gasser (*1987) so eine Sache: Danach sucht sie immer noch, wenn sie mal Zeit hat. Meistens hat sie keine. Die wenige Zeit, die bleibt, verbringt sie mit Leuten, die ihr am Herzen liegen – oder zieht sich in die eigenen vier Wände zurück. Hier ruht sie sich aus, geniesst die Stille, krault ihre Katze Wookie oder plant die nächste Reise: «Das Reise­fieber begleitet mich seit je.»

STREIK-TATTOO. Im Frühling war sie für knapp vier Monate in den USA, Mexiko, Südafrika und ­Namibia unterwegs. Deshalb hat sie den Frauenstreik Mitte Juni verpasst. «Das hat mich schon etwas gewurmt. Ich war in den Vorbereitungen stark involviert.» Als bleibende Erinnerung hat sie sich deshalb in Mexiko das Streiksymbol tätowieren lassen.

Jasmin Gasser ist Mitglied bei der Gewerkschaft VPOD. Sie arbeitet 70 Prozent und verdient netto 3000 Franken im Monat. Daneben studiert sie Pflege an der Höheren Fachschule.

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