Zürcher Kinderbetreuerinnen im Streik-Endspurt

«Der 14. Juni ist erst der Anfang!»

Patricia D'Incau

Am 14. Juni streiken auch Kinder­betreuerinnen in Zürich mit. work hat die Gruppe «Trotzphase» an ihrem letzten Vernetzungstreffen besucht.

MEGA MOTIVIERT: Camilla Carboni, Joanna Müller, Lorena Campagnoli und Rebecca Lüthi (von links). (Foto: Michael Schoch)

Ein Sommerabend am Sihlquai, rund eine Woche vor dem Frauenstreik: Im Jugendlokal «Planet 5» laufen die Vorbereitungen für das letzte Treffen. Fünfzehn gelernte Kinderbetreuerinnen sitzen im Kreis. Lorena Campagnoli (28) eröffnet die Runde. Heute sind drei neue Gesichter dabei: Amara, Nina und Stephanie. Alle anderen kennen sich schon länger. Gemeinsam sind sie in der «Trotzphase» aktiv. Einer Gruppe von Kita-Angestellten, die seit rund drei Jahren für bessere Arbeitsbedingungen kämpft. Seit Monaten arbeiten sie für den Frauenstreik. Lorena fasst zusammen: «Wir sind übernächtigt und mega motiviert.»

SELBER MACHEN

Und dann sind schon wieder alle auf den Beinen. Draussen wird das letzte Transparent gemalt. ­Lorena schüttelt Farbflaschen, Rebecca Lüthi (25) sortiert Scha­blonen. «DIY», «Do it yourself», lautet das Motto. Selbstgemacht sind zum Beispiel auch die Streik-Bandanas. Violette Tücher für ins Haar oder für um den Hals. Hunderte davon haben die jungen Frauen hergestellt und verteilt. «Das war eine riesige Büez», sagt Rebecca.

Und es war bei weitem nicht das einzige. «Wir haben alle Kitas in Zürich angeschrieben und sie über den Streik ­informiert. Wir gingen vorbei, haben Flyer verteilt und jeden einzelnen Ort noch einmal abtelefoniert.» Unterstützt werden sie dabei von der Gewerkschaft VPOD. Ausserdem schrieben sie einen Elternbrief. Mit der Bitte, die Kinder am 14. Juni nicht in die Kita zu bringen, sondern von einer männlichen Bezugsperson betreuen zu lassen. Rebecca weiss: «Sonst bleibt die Arbeit an den Müttern hängen.» Neben den Kita-Leitungen auch die Eltern ins Boot zu holen ist für Rebecca und ihre Mitstreiterinnen zentral. Natürlich sei es der Traum, dass die ­Kitas am 14. Juni ganz zubleiben. Doch nicht alle wollten oder könnten das. «Deshalb haben wir die Alternative vorgeschlagen, dass die Kitas nicht den ganzen Tag schliessen, sondern um 14 Uhr», erklärt Rebecca. Rund 20 Kitas haben zugesagt.

«Der 14. Juni soll nicht das Ende sein, sondern der Anfang.»

21 FRANKEN STUNDENLOHN

Rebecca arbeitet eigentlich nicht mehr auf dem Beruf. Gerade hilft sie aber für drei Monate in der Kita einer Freundin aus. Wieder dauerhaft als Kinderbetreuerin zu arbeiten kann sie sich aber nicht vorstellen. Nicht, solange sich nichts ändert. «Ich bin seit neun Jahren Fachfrau Betreuung und verdiene gerade einmal 21 Franken in der Stunde. Wenn ich an die Zukunft denke, dann ist klar: Das reicht einfach hinten und vorne nicht.»

Ähnlich sieht das Joanna Müller (24). Die Bernerin weiss: Es mangelt nicht nur am Lohn, sondern auch an Personal und Zeit. «Nach einem ganzen Tag in der Kita lag ich jeweils abends im Bett, schrieb Entwicklungsberichte, bastelte Weihnachts­geschenke für die Kinder oder ­bereitete Projekte vor», erzählt Joanna. Irgendwann sei das einfach nicht mehr gegangen.

Für Lorena ist klar: «Die schlechten Arbeitsbedingungen hängen auch damit zusammen, dass unser Beruf sehr stark feminisiert ist.» Es fehle die Wertschätzung, weil gedacht werde: «Die Frauen kümmern sich so oder so um die Kinder. Egal, unter welchen Bedingungen.» Für die «Trotzphase» ist das der Link zum Frauenstreik. Am 14. Juni gehen die jungen Frauen nicht nur für sich selbst auf die Strasse – «sondern auch für all die Mütter, die sich dauernd kümmern und null Anerkennung erhalten».

Camilla Carboni (27) erklärt: «Bis heute wird ganz selbstverständlich so getan, als sei Kinder­betreuung nur Sache der Mutter. Dabei sind beide ­Elternteile gleich verantwortlich.» Für Camilla ist klar: «Damit die Arbeitsteilung auch tatsächlich funktioniert, braucht es eine Gesellschaft, die das ermöglicht.» Auch darum gehe es bei der geforderten Gleichstellung. Zum Streikprogramm der «Trotz­phase» in der Zürcher Bäckeranlage sind Väter deshalb auch eingeladen.

Wie der 14. Juni werden wird? Rebecca lacht: «In einem Moment denke ich: Ich will, dass die ganze Stadt lahmgelegt wird, dass kein Tram mehr fährt! Im anderen sage ich mir: Nur die ­Erwartungen nicht zu hoch schrauben.»

Sicher ist für die 25jährige: «Der 14. Juni soll nicht das Ende sein, sondern der Anfang. Ein fulminanter Start für eine neue Bewegung, die findet: Jetzt muss sich etwas ändern. Und da bleiben wir jetzt dran.»


Berner Kita bleibt zu Matahari streikt

Nach elf erfolgreichen Dienstjahren leistet sich Kita-Inhaberin Darina Hürlimann einen Frauenstreiktag: fürs Team und für die Sache der Frauen.

Kita-Inhaberin Darina Hürlimann. (Foto: ZVG)

«Der Entscheid gibt Aufwind», erzählt Darina Hürlimann (39). Sie ist Inhaberin und Geschäftsleiterin der privaten Kinderkrippe Matahari mit zwei Stand­orten in Bern. Matahari wird am 14. Juni schliessen, die 18 Frauen und 3 Männer im Team streiken. Den Eltern wird auch nichts rückvergütet, «schliesslich, wenn eine Fluggesellschaft streikt, gibt’s auch nichts zurück», sagt Hürlimann.

Die Idee, am Frauenstreiktag zu streiken, kam von einer jungen Mitarbeiterin. «Was machen wir eigentlich am 14. Juni?» fragte diese an einer Teamsitzung. Und ihre Frage führte zu lebhaften Diskussionen: über das Frauenbild in der Gesellschaft und darüber, warum es immer noch keine Gleichstellung gebe. Hürlimann: «Wir sehen es doch täglich bei uns in der Kita, immer noch ist Kinderbetreuung vor allem Frauensache.» Immerhin erlernen inzwischen auch einzelne junge Männer den Beruf des Kleinkindererziehers. Doch die fackeln nicht lange, die wollen, anders als ihre Kolleginnen, nach kurzer Zeit schon aufsteigen.

«Wir waren uns einig, dass wir ein Zeichen setzen wollen.»

EIN ZEICHEN SETZEN. Klar hat Geschäftsleiterin Hürlimann neben vielen positiven Reaktionen von Eltern auch negative erhalten. Vor allem von Männern, die nicht verstehen, warum es diesen Frauenstreik überhaupt brauche. Oder von Frauen, die wirklich in eine Notsituation kommen, wenn Matahari zumacht. Klar hätten sie sich dieses Problem gut überlegt, sagt Hürlimann – und lange ­darüber diskutiert: «Wir waren uns schliesslich einig, dass es wichtig ist, am 14. Juni ein Zeichen zu setzen. Sonst ändert sich ja nie etwas in diesem Land!» Nach elf erfolgreichen Dienstjahren nimmt sich Hürlimann «diesen Tag nun mal raus». Am Morgen werden alle Mataharis zusammen über Gleichberechtigung diskutieren und später auf den Bundesplatz ziehen. (mjk)

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