Büezerinnen und Büezer erzählen, wie sie den Tag der Arbeit verbringen und für welche Anliegen sie einstehen
Ein spezieller Tag: Deshalb sind sie am 1. Mai dabei!

Kerstin Maurhofer (54), Kassierin in Winterthur«Für einen Alltag in Würde»

Foto: Florian Aicher

«Für mich war der 1. Mai früher einfach ein zusätzlicher Feiertag, wenn auch ein höchst willkommener! Heute weiss ich, wofür ich kämpfen will und muss: für Gerechtigkeit und faire Löhne. Mir ist es wichtig, dass anerkannt wird, was wir im Verkauf leisten. Für unsere Arbeit sollten wir auch einen anständigen Lohn erhalten, damit wir in Würde unseren Alltag bestreiten können. Wenn es mir gutgeht und das Wetter mitmacht, bin ich sicher an einem Umzug in Winterthur dabei. Das ist meine Stadt, und sie soll hören, was wir zu sagen haben. Wie immer wird auch mein Mann mit von der Partie sein, er wird vermutlich bei der SP mitlaufen.» (Anne-Sophie Zbinden)


Antonio Saraiva (56), Bauarbeiter, Zürich«Wir wollen anständig leben können»

Foto: ZVG

«Ich gehe seit meiner Jugend an die 1.-Mai-Kundgebungen. Früher in Portugal, wo ich aufgewachsen bin. Und jetzt seit vielen Jahren in der Schweiz, wo ich lebe und arbeite. Mir ist es sehr wichtig, dass wir am 1. Mai Präsenz markieren, damit die Politiker und Arbeitgeber sehen, dass wir uns wehren können und dass die Arbeiterinnen und Arbeiter solidarisch sind. Das ist gerade in der jetzigen Zeit noch wichtiger. Viele Kollegen haben nicht einmal die Teuerung richtig ausgeglichen bekommen. Dabei wurde und wird alles teurer: das Essen, das Wohnen, die Krankenkassenprämien. Doch die Arbeitgeber wollen nicht mehr Lohn bezahlen, obwohl die Geschäfte gut laufen. Der 1. Mai ist auch eine Gelegenheit zu zeigen, dass wir uns das nicht noch einmal gefallen lassen. Wir können jederzeit für unsere Interessen auf die Strasse, auch wenn nicht 1. Mai ist. Wir arbeiten hart, und wir lieben unseren Beruf. Aber wir wollen auch anständig leben können und mit Würde behandelt werden. Und dafür müssen wir kämpfen!» (Clemens Studer)


Noah Ziegler (25), Bauspengler, Elsau ZH«Wir müssen uns vor nichts fürchten»

Foto: Manu Friedrich

«Ich habe mich schon in der Lehre der Gewerkschaft angeschlossen. Bald bin ich aber wieder ausgetreten, da die Unia für mich zu wenig greifbar war und ich das Gefühl hatte, sie mache zu wenig. Jetzt bin ich aber wieder überzeugtes Mitglied. Es ist absolut notwendig, einer organisierten Arbeitgeberseite auch eine organisierte Arbeitnehmerseite entgegenzusetzen. Denn einen Finger kann man brechen, aber fünf zusammen sind eine Faust! Zudem ist die Gewerkschaft eine massenfähige Organisation, da sie lagerübergreifend das Klasseninteresse vertritt und für die Rechte von uns Lohnabhängigen einsteht. Einzigartig ist auch die Kollektivität und Solidarität, wie sie am 1. Mai oder an den Streiks der Bauleute zum Ausdruck kommt. Gerade die Kollegen vom Bauhauptgewerbe zeigen eindrücklich, was alles möglich ist, wenn wir aus der Vereinzelung ausbrechen. Auch deshalb trete ich heute ganz offen als Gewerkschafter auf. Ich will meinen Kolleginnen und ­Kollegen zeigen, dass wir uns vor nichts fürchten müssen, wenn wir uns kollektiv organisieren. Und das funktioniert tipptopp.» (Jonas Komposch)


Moritz Reinhard (33), Informatiker, Mitglied Peko Bedag, Bern«Sichtbar sein: Im Betrieb und auf der Strasse»

Foto: ZVG

«Klar muss die Gewerkschaftsarbeit zur Hauptsache in den Betrieben stattfinden, dort wo die Menschen arbeiten und für ihre Arbeits­bedingungen kämpfen. Doch es ist auch wichtig, dass wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter sichtbar sind im öffentlichen Raum. Auch darum gehe ich am 1. Mai auf die Strasse. Gerade für (noch) nicht organisierte Arbeitende ist es wichtig zu sehen, dass wir viele sind, die sich für ein besseres Leben und besseres Arbeiten einsetzen. Für die bereits aktiven Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter ist der 1. Mai auch ein Tag der Selbstvergewisserung, ein Tag des Austausches über Branchen und Verbände hinweg – und natürlich auch ein Tag des Feierns.» (Clemens Studer)


Kimberly Ackermann (48), Filialleiterin in Bern«4000 Franken reichen nicht»

Foto: Matthias Luggen

«Ich kann leider nicht an den 1.-Mai-Umzug gehen, weil der Laden offen hat. Ich wäre sehr gerne dabei, aber mir sind die Hände gebunden. Ich finde, es sollte doch selbstverständlich sein, dass dieser Tag in der ganzen Schweiz ein Feiertag ist, denn Arbeit betrifft ja schliesslich alle. Könnte ich gehen, hätte ich ein paar Forderungen parat: Wir brauchen endlich einen Gesamtarbeitsvertrag für die gesamte Branche. Viele Mitarbeitende im Detailhandel werden ausgenützt und unterdrückt. Deshalb braucht es dringend mehr Schutz! Und natürlich Mindestlöhne. Der Lohn muss zum Leben reichen. 4000 Franken Brutto reichen nun mal nicht. Und wir Verkäuferinnen und Verkäufer sollten endlich einbezogen werden, wenn es um die Ladenöffnungszeiten geht. Es braucht ganz sicher nicht noch längere Öffnungszeiten und schon gar nicht am Samstag oder am Sonntag. Hände weg von unseren Wochenenden!» (Anne-Sophie Zbinden)


Xhafer Sejdiu (53), Bauvorarbeiter, Zürich«Arbeitsbedingungen sind immer härter geworden»

Foto: Unia

«Seit ich in der Schweiz lebe, also seit 1993, habe ich keinen 1. Mai verpasst und bin in der Gewerkschaft sehr aktiv. Früher schon in der GBI, als wir den frühzeitigen Altersrücktritt (FAR) erkämpft haben. Diesen kämpferischen «Geist vom Baregg» möchte ich wieder hinbekommen auf dem Bau. Wir müssen wieder so stark mobilisieren, sonst kommt es noch schlimmer als in den vergangenen Jahren, in denen die Arbeitsbedingungen immer härter geworden sind und die Arbeitgeber uns jetzt auch noch eine generelle Lohnerhöhung verweigert haben, obwohl doch alles teurer wurde und wird. Ich sage meinen Kollegen immer: Vom Himmel kommt nichts. Wir haben nie etwas geschenkt bekommen, und wir werden auch in Zukunft nichts geschenkt bekommen. Unsere Vorgänger mussten für gute LMV kämpfen, und wir müssen dafür kämpfen. Der Bauberuf ist ein schöner Beruf. Aber wir müssen den Arbeit­gebern am 1. Mai und an allen anderen Tagen des Jahres klar­machen, dass wir nicht mit unserer Gesundheit spielen lassen, dass wir faire Löhne wollen und gute Arbeitsbedingungen!» (Clemens Studer)


Laura Gonzalez Martinez (37), Verkäuferin in Zürich «Gesundheit, faire Löhne und Respekt, verdammt noch mal!»

Foto: Nicolas Zonvi

«Der 1. Mai war in meiner Familie immer schon ein Thema. Dank meinem älteren Bruder. Ich erinnere mich gut daran, wie ich als junges Mädchen zu ihm aufsah. Er war kämpferisch unterwegs und voller Prinzipien. In meiner Erinnerung ging er lange jedes Jahr an Demos und das 1.-Mai-Fest. Worum es genau ging, verstand ich erst später, als meine Welt grösser wurde.

GNADENLOSE REALITÄT

Ich prallte in der Arbeitswelt gnadenlos auf die Realität, wurde auf mein Geschlecht und meinen Nachnamen reduziert. Daraufhin folgte ich politisch meinem Bruder. Die Unsicherheit meiner Eltern, sie würden irgendwann, weil sie Migranten sind, die Niederlassung verlieren, beeinflusste mich ebenfalls. Ich sah sie immer arbeiten, tagsüber, und abends zusätzlich noch Büros reinigen. Um in ihrem Heimatland ein Häuschen zu bauen, falls man hier nicht mehr erwünscht sei. Über Jahre sind sie auf ihren Arbeitsplätzen mit Ausländerfeindlichkeit ­konfrontiert worden. Auf die Strasse demons­trieren gingen sie aus Angst nicht.

VIEL ARBEIT, WENIG LOHN

Mit meinen Eltern immigrierten in den Siebzigern Tausende Spanierinnen, Portugiesinnen und Italienerinnen in die Schweiz und arbeiteten für wenig Lohn und harte Bedingungen in Küchen, Lagern und auf dem Bau. Wenig Leben, dafür viel Arbeit, das prägte meine Kindheit. Geändert hat sich nichts. Wenn ich umherschaue, sehe ich viele Menschen, die immer noch als billige Arbeitskraft ausgebeutet werden. Viele werden wegen ihrer Herkunft und ihrer fehlenden oder hier nicht anerkannten ­Bildung diskriminiert. Viele sind mutig und ­verlassen ihre Heimat. Viele sind fleissig und ausdauernd, um ein enormes Arbeitspensum zu bewältigen. Sie sind aufopfernd, verzichten auf Familie und Freizeit. Und sie sind dauernd besorgt, der Arbeit­geber könnte sie ersetzen.

OHNE ANGST

Darauf folgen gesundheitliche Beschwerden. Das ist schlimm. Umso wichtiger ist, dass wir ohne Angst am 1. Mai auf die Strasse gehen, um das zu fordern was uns zusteht. Gesundheit, gute Arbeitsbedingungen, faire Löhne und Respekt, verdammt noch mal! Ich bin meinem Bruder dankbar. Er hat mir diese Möglichkeit gezeigt, mich zu wehren und mich mit anderen auszutauschen. Es ist wichtig, dass wir uns ­gegenseitig die Angst nehmen, um unsere Rechte einzufordern, am 1. Mai und über das ganze Jahr hinweg.»

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