Vetropack: Letzte Glasflaschenfabrik macht dicht

Das ist Parmelins Scherbenhaufen!

Iwan Schauwecker

Jetzt also doch! Vetropack schliesst die letzte Glasflaschenfabrik der Schweiz und entlässt 180 Mitarbeitende. Bundesrat Parmelin ist mit seiner passiven Haltung mitverantwortlich. Sein Nein zu jeder Industriepolitik führt zum Niedergang traditionsreicher Betriebe und sabotiert die dringend benötigte Kreislaufwirtschaft in der Schweiz.

MITVERANTWORTLICH: SVP-Bundesrat Parmelin sperrt sich gegen eine vernünftige Industriepolitik. (Foto: Keystone)

Die Waadtländer Winzerfreunde von Bundesrat Guy Parmelin werden ihren Wein in Zukunft nicht mehr in Schweizer Flaschen abfüllen können. Denn die letzte Glasflaschenfabrik der Schweiz macht noch diesen Sommer dicht. So zumindest will es der Verwaltungsrat des Vetropack-Konzerns. Er hat alle Vorschläge zur Erneuerung der Fabrik in den Wind geschlagen und heute Morgen die Hiobsbotschaft verkündet: Per Ende August werde die Fabrik in Saint-Prex VD definitiv geschlossen. Damit verlieren 180 Mitarbeitende ihre Stelle.

Der Produktionsstandort am Genfersee, der seit über hundert Jahren Flaschen produziert, sei auf die Dauer nicht rentabel zu betreiben, sagt Claude Cornaz, der Firmenerbe und Verwaltungsratspräsident von Vetropack. Am Konzernhauptsitz in Bülach ZH spielt man die Bedeutung der Fabrikschliessung gleichzeitig herunter: «Im Bereich Recycling bleibt alles wie bisher», sagt Vetropack-CEO Johann Reiter. Und für die Mitarbeitenden würde «eine sozial verträgliche Lösung» gesucht.

VETROPACK-ERBE: Verwaltungsratspräsident Claude R. Cornaz verkündete heute die Schliessung der Fabrik in Saint-Prex, wo sein Urgrossonkel vor 113 Jahren Vetropack gegründet hatte. (Foto: Keystone)

WUT IN DER FABRIK

Die Vetropack-Büezerinnen und -Büezer sind enttäuscht und wütend über den Entscheid. João Ferreira (56) arbeitet seit 1995 in der Fabrik und ist Präsident der Personalkommission. Er sagt: «Viele von uns sind zu jung für die Pensionierung und zu alt, um eine neue Arbeit zu finden. Das ist ein katastrophaler Entscheid von Vetropack.» In den letzten Wochen hatte er mit einer Arbeitsgruppe und der Unia alles in Bewegung gesetzt, um die Schliessung des Standorts zu verhindern. Mit einer Petition, die von 5000 Personen unterzeichnet wurde, forderte die Arbeitsgruppe den Erhalt der Fabrik und machte konkrete Vorschläge für einen neuartigen, energiesparsamen Brennofen. (work berichtete)

Am 1. Mai demonstrierten die Glaserinnen und Glaser mit einer Riesenflasche gegen die desaströsen Absichten der Firmenleitung und die Passivität des Bundesrates. SGB-Präsident Pierre-Yves Maillard (SP) und der Waadtländer Ständerat Pascal Broullis (FDP) besuchten die Belegschaft und der Kanton suchte mit einer Taskforce nach Lösungen zur Rettung der Fabrik. Ständerat Maillard sagt: «Ich bin komplett verärgert. Wenn man sieht, wie die Leute Tag und Nacht hart arbeiten, sich engagieren und gute Vorschläge machen, aber dieser Fabrikerbe alles missachtet: dégoûtant!» («widerlich»)

ZUVERSICHT AM 1. MAI: Die Vetropack-Büezerinnen und Büezer demonstrierten in Lausanne für den Erhalt der Fabrik. (Foto: Keystone)

SCHWEIZER FLASCHEN

Auch die Grüne Nationalrätin Sophie Michaud Gigon versuchte Wirtschaftsminister Parmelin in die Gänge zu bringen. Vergeblich: Parmelin antwortete auf ihren parlamentarischen Vorstoss in gewohnt mundfauler Manier: Eine Schliessung von Vetropack in Saint-Prex wäre zu bedauern, aber der Bund greife in privatwirtschaftliche Entscheidungen nicht ein. Die Transportwege für das Altglas würden zunehmen, aber für die Umweltbilanz sei die Art der Herstellung relevanter, schreibt der Bundesrat. Von einer Stärkung des Recyclingstandorts Schweiz mit staatlicher Hilfe will Parmelin nichts wissen. Nicht im Fall des Stahlwerks Gerlafingen. Und abermals nicht in Saint-Prex.

LETZTE IHRER ART: Künftig werden in der Schweiz keine Glasflaschen mehr aus Altglas produziert. (Foto: Keystone)

100’000 TONNEN ALTGLAS

Ab diesem Sommer müssen die 100’000 Tonnen Altglas, die jährlich in Saint-Prex rezykliert wurden, nun über Hunderte von Kilometern nach Italien exportiert und dann wieder zu den Winzern am Genfersee zurückgekarrt werden. Mit seinem Nichtstun sabotiert Parmelin die so dringend benötigte Kreislaufwirtschaft in der Schweiz. Sie würde nicht nur industrielle Arbeitsplätze schaffen und erhalten, sondern auch die lokale Versorgung mit kurzen Transportwegen sicherstellen. Die Kreislaufwirtschaft ist aber auf eine vernünftige Industriepolitik angewiesen – und dagegen sperrt sich SVP-Mann Parmelin. Und so wird Vetropack zum nächsten Mahnmal für das industriepolitische Versagen des Bundesrates und den fehlenden Plan für eine ökosoziale Transformation der Schweizer Wirtschaft. Den Schaden haben die zukünftigen Generationen und die entlassenen Büezerinnen und Büezer.


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