Nach gut 20 Jahren als work-Chefin tritt Marie-Josée Kuhn (63) ab:
«Ich habe geflucht, geschwitzt, vieles verwünscht  –  aber es hat bis zum Schluss Spass gemacht»

20 Jahre lang leitete Marie-Josée Kuhn die Geschicke dieser Zeitung. Mit unermüdlichem Einsatz. Kämpferisch, feministisch und immer «bi de Lüüt». Jetzt geht sie in den Unruhestand. Und schaut im grossen Interview nochmals zurück.

work: Marie-Josée Kuhn, dies ist das letzte work, das du als Tätschmeisterin verantwortest. Du gehst in Pension. Wie ist das so?
Marie-Josée Kuhn: Na ja, schwierig zu sagen. Im Moment bin ich ja noch mittendrin und erst mal froh, dass ich work in prächtiger Verfassung verlassen kann. Meine Nachfolgerin Anne-Sophie Zbinden steht genauso bereit wie ihr Stellvertreter Jonas Komposch und du als Redak­tionsleiterin. Die Redaktion ist jung bis sehr jung. Aber auch die alten Häsinnen und Hasen werden helfen, das Kind zu schaukeln. Unter anderem Berater und Autor Clemens Studer. Er ­war ja früher stellvertretender «Blick»-Chef und sitzt heute auch im Vorstand des Katholischen ­Medienzentrums. Was kann da schon schief­laufen? (lacht)

Im Ernst jetzt: Ich habe das Unia-Kind zwanzig Jahre lang mehr als gern geschaukelt. Aber jetzt wird work bald 21, es ist also höchste Zeit loszulassen. Jetzt müssen die Jungen übernehmen und work ins digitale Zeitalter führen. Nicht so Oldies wie ich.

Andere Gewerkschaften haben ein Pfarrblatt, die Unia hat work.

Oldies, but Goldies? Von denen, die dich zum Abschied würdigen in dieser Ausgabe, gibt’s nur Lob und Schalmeien. Ist das nicht etwas verdächtig?
Du meinst, «de mortuis nihil nisi …»? Das spielt sicher eine gewisse Rolle. Ich trau zwar immer noch nicht jedem über 30, aber ich nehm’s als Merci und als Kompliment. Von den 440 work-Ausgaben, die ich verantwortet habe, ist schliesslich nie eine nicht herausgekommen. Wir waren und sind immer hart auf Recherchierkurs und haben bisher noch nie einen Prozess verloren. Wir beweisen alle 14 Tage, dass die Gewerkschafts­bewegung kein Auslaufmodell ist. Und dass es sehr wohl noch Arbeiterinnen und Arbeiter gibt. Mit existentiellen Nöten. Vom Gelingen des grossen Frauenstreiks von 2019 waren wir schon überzeugt, als die anderen Medien noch einen grossen Reinfall prophezeiten.

Wir haben auch ästhetisch vom Layout her und von der Bildauswahl Massstäbe gesetzt. Und sogar ein work-Genre geprägt: unsere Interviews mit Toten, etwa das mit Karl Marx zum 100. Todestag. Das fand sogar die strenge NZZ beachtenswert. Wir schreiben die Fragen und Antworten für diese postumen Gespräche jeweils gleich selber. Indem wir uns tief in die Schriften dieser Persönlichkeiten einlesen. Etliche haben uns diese work-Spezialität übrigens schon abge­kupfert.

Du bist also im Reinen mit dir und work und deiner Arbeit?
work ist die einzige mir bekannte, professionell und journalistisch gemachte Gewerkschaftszeitung im deutschsprachigen Raum. Deshalb haben andere Gewerkschaften ein Pfarrblatt, und die Unia hat work. Und den Beweis, dass es möglich ist, einen linken «Blick» zu machen. Das war ja in den 1970er und 1980er Jahren immer die Gretchenfrage innerhalb der Linken: Ist es möglich, mit grossen Buchstaben und grossen Bildern eine fortschrittliche Zeitung zu machen? Dies war der Traum von Gewerkschafter und ­Politiker André Daguet, der leider viel zu früh sterben musste. Daguet war neben dem ehemaligen Unia-Co-Präsidenten Andreas Rieger einer der beiden Gründungsväter von work. Daguet war es auch, der mich von der WOZ zum work holte. Ich hatte damals genau ein Wochenende, um mich zu entscheiden, ob ich die Chefredaktion übernehmen wolle. Und weil ich wollte, ging’s los. Und bald schon stiegen auch die Journi-Kapazitäten Michael Stötzel und Oliver Fahrni beim work ein.

Ziemlich heikel war das letzte Interview mit Uhren-König Nicolas G. Hayek.

Und hast du es je bereut?
Nie. Ich habe geflucht, geschwitzt, vieles verwünscht – aber bereut hab ich’s nie, denn es hat bis am Schluss Spass gemacht. Ich meine, wer hat schon das immense Glück, eine Zeitung von praktisch null aufbauen und prägen zu können? Dafür bin ich der grössten Gewerkschaft im Land, ihrer Präsidentin Vania Alleva und work-Beiratspräsident Nico Lutz wirklich sehr dankbar! Und auch allen Unia-Mitgliedern, Sekretären und Sekretärinnen, die uns geholfen haben, so spannende Geschichten zu schreiben. Das macht work ja auch so einzigartig in der Presselandschaft. Dieser Blick von unten auf die Welt, insbesondere auf die Arbeitswelt. Und auch der anwaltschaftliche Journalismus. work gibt jenen, die arbeiten, eine Stimme. Denen, die sonst in den Medien kaum vorkommen, jedenfalls nicht im Wirtschaftsteil. Dabei sind sie die Wirtschaft. Sie schaffen die Schweiz und den Mehrwert: Reinigerinnen, Uber-Fahrende, Baubüezer, Pflegende, Verkäuferinnen usw.

Und work zeigt: wer sich wehrt, lebt nicht verkehrt. Wir haben praktisch alle Streiks und Arbeitsniederlegungen der letzten Jahrzehnte in der Schweiz dokumentiert und begleitet. Den anderen Medien waren sie meistens, wenn überhaupt, nur 5 Zeilen wert. Und wir hielten und halten eisern daran fest, dass wir die Welt verändern können. So was kann frau doch nicht ­bereuen!

Gibt es eine work-Geschichte, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Mehrere. Aber eine ganz besonders, weil sie ziemlich heikel war. Es war das letzte Interview mit dem grossen Uhren-König Nicolas G. Hayek. Als der nämlich gerade dran war, das Gespräch gegenzulesen, erlitt er einen Herzstillstand. Der grosse Hayek starb am gleichen Tag. Am 28. Juni 2010. Und wir sassen da mit einem unauto­risierten Gespräch. Publizieren oder nicht publizieren? Das war nun die Gretchenfrage. Ethisch nicht ganz einfach. Schliesslich hatte der grosse Retter der Uhrenindustrie in dem frei ­geführten, fast dreistündigen Gespräch einige scharfe Dinge über die Banken und gewisse Schweizer Wirtschaftsführer gesagt. Das tat der alte Fuchs ja immer. Aber ohne seine ausdrückliche Bestätigung wollten wir diese Raketen postum nicht abfeuern. Und seine Entourage war nicht bereit, etwa seinen Sohn für die Autorisierung heranzuziehen. Vielleicht in einem Monat, lautete die strenge Antwort.

Wir zähmten dann selber gewisse Passagen, die Hayek senior möglicherweise herausgestrichen hätte. Wir taten dies nach bestem Wissen und Gewissen. Und publizierten dann. Der Proteststurm der Familie folgte auf dem Fusse. Sie fanden das Vorgehen pietätlos.

So etwas ist schon ein heftiges Dilemma: die Trauer der Familie einerseits und die Regeln des Journalismus andererseits. Ich denke, wir hatten nach heftigem Ringen eine einigermassen faire Lösung gefunden. Und das Interview war ja kein Angriff auf den grossen Hayek, sondern sein Vermächtnis. Es zeigte zum letzten Mal, wie er leibte und lebte.

Entsprechend positiv und mitfühlend waren denn auch die vielen Reaktionen.

Galgenhumor und eine gewisse Frechheit helfen im patriarchalen Dschungel.

Die Medienwelt ist noch immer vor allem eine Männerwelt. Ist es eigentlich schwierig, als Frau Chefredaktorin zu sein?
Nicht so schwierig, wie als Frau Chefredaktor zu sein! (lacht) Aber wohl ähnlich schwierig, wie als Mann Chefredaktor. Nur dass sich das die meisten Chefredaktoren wohl nicht eingestehen mögen. Geschweige denn in Interviews danach gefragt würden.
Klar ist frau als Chefredaktorin mit geschlechtsspezifisch erschwerenden Momenten konfrontiert: Mit Mitarbeitern, die Mühe mit einer Chefin haben, zum Beispiel. Mit Mitarbeitenden, die rundum umsorgt sein möchten wie von einer Mutter. Ein Anspruch, den sie an einen Chef nie stellen würden. Und dann sind da auch immer Strukturen, die auf das männliche Modell ausgelegt sind …

Umgekehrt kann das alles auch Vorteile bringen. Frau läuft am Anfang sozusagen unter dem Radar der Männer, weil sie sie nicht wirklich als Konkurrentin wahrnehmen. Und wenn irgendwann dann doch: sitzt sie schon fest im Sattel. Die Berner Soziologin Claudia Honegger hat vor Jahren ein Buch herausgegeben mit dem schönen Titel «Listen der Ohnmacht». Es war eine Sozialgeschichte weiblicher Widerstandsformen im Laufe der Jahrhunderte. Es ging um die Macht der Ohnmächtigen. Und ja, das hatte ich einst an der Uni mit grossem Gewinn studiert.

Gehört Ironie auch zu diesen Listen?
Ironie, Galgenhumor, aber auch eine gewisse Frechheit helfen sicher im patriarchalen Dschungel. Und Heiterkeit. Spass am Zuspitzen, an Karikatur und Satire. Wir waren als work-Macher und -Macherinnen ja auch nie Kinder von Traurigkeit. Ohne Sau­glattistinnen zu sein. Immer wieder haben wir scharf und gezielt ­gegen Mächtige geschossen, wenn diese politisch und wirtschaftlich grösseres Unheil anrichteten. Zum Beispiel präsentierten wir mal auf der Frontseite Ulrich Gygi als Gyginator, also im Terminator-Look. Weil er als damaliger Post-CEO brutalste Restrukturierungen befahl und weder ein Ohr hatte für die Anliegen der Gewerkschaften noch für diejenigen der Mitarbeitenden. Ich glaube, der ­Untertitel war: «Hauptsache Päng!». Die Pöstlerinnen und Pöstler hatten wir jedenfalls auf unserer Seite. Es gab was zu lachen!

Während der grossen Stellengemetzel – infolge der Aufhebung des Euro-Mindestkurses 2016 – kreierten wir den SAAS-Stempel. Den «Schneider-Ammann aufwachen!»-Stempel. Weil der Wirtschaftsminister dem Desaster einfach untätig zuschaute mit ideologischen Begründungen. Da rechnete ihm work mit diesem Stempel auf der Frontseite vierzehntäglich die zerstörten Stellen vor.

Und einmal zeigten wir den Baumeisterchef Werner Messmer vor einem Bibelfilm-Hintergrund auf dem Cover. Mit der Zeile: «Du sollst den GAV nicht töten». Das war natürlich ziemlich gewagt, weil Messmer evangelikaler Freikirchler und Evangeliums-Rundfunker war. Aber er machte auf Hardliner, wollte den Landesmantelvertrag, den Gesamtarbeitsvertrag auf dem Bau, nicht erneuern. Klar, dass Messmer extrem not amused war! Und der damalige Unia-Bauchef auch nur mässig.

Es war also nicht immer einfach, die Zeitung einer Gewerkschaft zu sein?
Es war und ist immer eine aufregende Gratwanderung. Die Hauptsache ist aber: Nur zusammen sind wir stark!

Und was wünschst du dir für die Zukunft von work?
Dass es so schlagkräftig und einzigartig bleibt, wie es ist. Auf Papier und viel stärker noch ­online.

Marie-Josée Kuhn: Ein Berufsleben für linken Journalismus

Marie-Josée Kuhn (63) wurde in Biel geboren. Gymnasium und Matura ebendort. Dann Studium der Neuen Geschichte, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte und der Ethnologie in Bern.

VON WOZ ZU WORK. Ab 1982 Freelance bei der Wochenzeitung WOZ, ab 1986 WOZ-Redaktorin und ab 1995 WOZ-Bundeshausredaktorin. 2001 Wechsel zu work. Ab 2002 Chefredaktorin von work. Kuhn lebt in Bern.

 

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