Die Covid-Seuche ist schon bei Omikron, die Schweiz höchstens bei Beta

Das Virus liebt den Föderalismus

Clemens Studer

Das Land steckt am Anfang des zweiten Pandemie-Winters. Und wiederholt die gleichen Fehler wie im vergangenen Jahr. Das Virus mag das sehr.

EIN VIRUS GEGEN ALLE, ALLE GEGEN EIN VIRUS – nur leider nicht effizient genug. Deckengemälde im Bundeshaus. (Foto: Keystone)

11’167 neue Coronafälle, 220 neue Spitaleinweisungen, 41 Tote. Das sind die Coronazahlen vom Mittwoch, dem 15. Dezember 2021 (Redaktionsschluss dieser Ausgabe). Zwei Wochern zuvor waren es noch 10 466 neue Coronafälle, 140 neue Spitaleinweisungen und 22 Tote. Die Intensivstationen sind überlastet, Patientinnen und Patienten müssen verlegt und Krebsoperationen verschoben werden. Schon wieder! Ein hartes Triage-Regime rückt näher.

Die Schweiz steckt mitten in der Delta-Welle, und schon übernimmt Omikron. Diese Covid-Variante produziert zwar weniger schwere Verläufe, das ist jedenfalls der Stand jetzt, die Datenbasis ist aber noch dünn. Dafür ist Omikron um ein Mehrfaches ansteckender. Was für die Spitalbelastung nicht etwa aufs gleiche hinauskommt, sondern schlechter ist. Dazu kommt, dass die bisherigen Impfungen nicht so gut schützen wie bei den vorherigen Varianten.

Die Kantone sind gut im Reklamieren, versagen aber im Handeln.

ZU WENIG, ZU SPÄT

Die Lage ist mehr als ungemütlich. Die Expertinnen und Experten sind beunruhigt. Und was macht die Schweiz dagegen?

Ein bisschen mehr Orte, an denen das Zertifikat gezeigt werden muss. Ein bisschen weniger Orte, die nichtgeimpft und nichtgenesen besucht werden dürfen. Dringende Impfempfehlungen, Maskenpflicht am Arbeitsplatz. Alles bekannt, das meiste zu spät. Am Erscheinungstag dieser work-Ausgabe wird der Bundesrat diese Massnahmen beschliessen. Unter welchem Titel auch immer. Nachdem die Kantone schon mindestens zum dritten Mal in dieser Pandemie bewiesen haben, dass sie zwar gut im Reklamieren sind, aber beim Handeln versagen. Das aber immerhin selbstbewusst.

DAS BEISPIEL SCHULEN

Die Ansteckungen in den Schulen explodieren. Kinder stecken Kinder an – und tragen das Virus in die Familien. Doch es fehlt in den meisten Kantonen an fast allen Schutzmassnahmen. Mit der Maskenpflicht wird mehr als locker umgegangen. Lufthygienemassnahmen bestehen in den meisten Schulzimmern aus Fensteröffnen. Messgeräte sind selten. Umso wichtiger wäre das rasche Erkennen von Ausbrüchen. Das heisst: regelmässige Tests. Doch genau diese sabotiert die Mehrheit der Kantone bisher. Entweder offensiv durch faktische Verweigerung wie etwa der Kanton Bern. Oder passiv durch Verweigerung der nötigen Kapazitäten wie etwa der Kanton Zürich. Im Klartext: Die beiden grössten Kantone der Schweiz haben ein Programm zur Durchseuchung der Kinder am Laufen, ohne dazu zu stehen. Als der Bundesrat vergangenen Monat repetitive Tests an den Schulen obligatorisch erklären wollte, stellten sich 17 Kantone dagegen. ­Unterdessen hat sich die Eidgenössische Impfkommission immerhin zur Empfehlung der ­Kinderimpfung durchgerungen. Genauso mit Verspätung, wie sie es bei der Auffrischimpfung getan hat. Die Kommission übrigens kann agieren, ohne dass sie von einer politischen Instanz kon­trolliert wird.

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DAS BEISPIEL BOOSTER

Weltweit waren schon Millionen Menschen geboostert, da zierte sich die Impfkommission immer noch. Und die Kantone nahmen das noch so gerne zum Anlass, einfach mal nichts zu tun. Die Folgen: Der Bund hat mehr als genügend Impfdosen beschafft, aber die Booster-Willigen kommen nicht an sie ran. Weil die Kantone im Sommer die Impf­kapazitäten zurückgefahren haben. Und weil ihre IT-Systeme nicht effizient genug funktionieren. So können sich Auffrischwillige an den meisten Orten erst auf den Tag genau sechs Monate nach der zweiten Impfung überhaupt um einen Booster-Termin bemühen. Der dann oft viele Wochen nach Ablauf der 6-Monate-Frist liegt. An diesen 6 Monaten hält die Impfkommission fest wie ein Schamane an seinem ­Fetisch. Schamanen gibt es seit Jahrhunderten. Die Mitglieder der Impfkommission sind bis 2023 gewählt.


Intensivstationen und Hospitalisierungen: Zwei Antworten auf zwei Dauerfragen

MANGEL: Fachpersonen auf Intensivstationen. (Foto: Keystone)

Wurden «mitten in der Pandemie Intensivbetten abgebaut»?

Immer wieder hören wir Menschen diese Frage stellen. Die Antwort ist: Ja! Wobei genaugenommen nicht abgebaut, sondern ausser Betrieb genommen. So sie denn überhaupt in Betrieb waren. Weil das Personal fehlt, sie zu betreiben. Die zusätzlichen IPS-Betten im Jahr 2020 konnten nur bereitgestellt werden, weil andere Stationen geschlossen wurden und nicht für Intensivpflege ausgebildetes Personal eingesetzt wurde. Katastrophenmedizin mit entsprechenden Einbussen bei der ­Betreuungsqualität.

Der Mangel an zertifizierten IPS-Betten hat vor allem zwei Ursachen: Viele gut ausgebildete Intensivpflegende hat die Zusatzbelastung durch die Pandemie-Wellen definitiv aus ihrem Beruf vertrieben. Und: Während Jahren überboten sich die Kantone darin, im Gesundheitswesen möglichst viel zu sparen. Was nicht zu mindestens 85 Prozent ausgelastet war, wurde gestrichen. Auch darum ist die Schweizer Spitallandschaft unterdessen quasi pandemieuntauglich. Das wiederum hat aber ausnahmsweise nichts mit der Covid-Seuche zu tun. Die dafür verantwortliche Seuche heisst Neoliberalismus.

Liegen «immer mehr» Geimpfte in den Spitälern?

Auch über diese Frage wird oft gestritten. Die Antwort lautet: Ja! Und das ist logisch. Auch wenn es in der Schweiz immer noch im Schneckentempo vorangeht, sind unterdessen rund zwei Drittel der Bevölkerung geimpft. Also «immer mehr». Deshalb steigt auch die absolute Zahl der Geimpften in den Spitälern. Klar ist hingegen, dass die meisten Geimpften nach einer Infektion ­einen weniger schweren Krankheitsverlauf haben und darum seltener auf der IPS landen. Ausserdem ist die Impfrate bei den gesundheitlich Angeschlagenen höher. Und die Zahl der Impfdurchbrüche wegen des vertrödelten Booster-Programms steigt.

Das bedeutet aber nicht, dass die Impfung nicht wirkt, wie es «Impfskeptikerinnen und -skeptiker» triumphierend behaupten. Denn, ganz einfach erklärt: wenn 1000 Enten und 100 Kühe einen reissenden Fluss überqueren und dabei 50 Enten und 50 Kühe ertrinken, sterben 50 Prozent der Kühe und 5 Prozent der Enten. Immerhin reissen die Kühe nicht noch Enten mit in den Tod.

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