Alpha, Beta, Gamma, Delta, Omikron: Wann hört dieses Corona endlich auf?

Seuchen fallen nicht vom Himmel. Wir machen sie.

Oliver Fahrni

Das geht derzeit oft vergessen: Pandemien haben die ­Geschichte der Menschheit ­mitgeschrieben. Und sie ­können beendet werden.

WELT DER PANDEMIEN: Geschätzte Zahl der Toten und wie lange die Seuchen ­dauerten. (Quellen: WHO, IPBES etc. / Grafik: TNT)

Pocken sind grausam. Nicht nur, weil sie die Menschen entstellen. Pockenviren verbreiten sich rasend schnell und sind tödlicher als Covid-19: ein Drittel der Infizierten stirbt. Allein im 20. Jahrhundert fielen ihnen mehr als 300 Millionen Menschen zum Opfer (siehe Grafik).

Doch das Virus grassierte schon vor 12’000 Jahren in Nordafrika. Die sechste ägyptische Plage war eine Pockenepidemie. Römische Legionäre und später die Kreuzzügler trugen sie nach Europa. Spanische Eroberer verseuchten damit Amerika, Mil­lionen Indianerinnen und Indianer kamen zu Tode. Auch der französische «Sonnen­könig» Louis XIV erlag der «petite variole».

Gegen Pocken kann man sich seit dem späten 19. Jahrhundert impfen. Doch erst 1967 beschloss die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine globale Impfpflicht und organisierte eine brachiale Impfkampagne. Äusserst erfolgreich: Seit 1980 gilt die Krankheit als ausgerottet. Vorläufig, zumindest. Biowaffen-Labore kultivieren das Virus weiter zwecks Kriegführung mit anderen Mitteln, Regierungen horten deshalb grosse Impfbestände.

Seuchen gedeihen besonders prächtig in Kriegen, …

PEST UND CHOLERA

Was in den Covid-Debatten oft vergessen wird: Pandemien und Epidemien von ­Malaria, Pest, Pocken, Cholera, Grippen übler Art, Typhus, Polio, HIV und diversen Fiebern wie Ebola haben die Menschheitsgeschichte mitgeschrieben.

Machte die «justinianische Pest» im 6. Jahrhundert dem (ost)römischen Reich endgültig den Garaus, brachte der «schwarze Tod» im 14. Jahrhundert einen Drittel der europäischen Bevölkerung um. Das führte nicht nur zu Pogromen, weil die Juden als Sündenböcke herhalten mussten. Die Pest beschleunigte auch den Zerfall der feudalen Gesellschaftsstrukturen, die ökonomisch und politisch schon unter Druck standen. Der Kampf gegen Pest und Cholera wiederum war ein starker Impuls für die Modernisierung der meisten Städte (Kanalisationen, Wasserversorgung, Wohndichte, Ausbau der öffentlichen Infrastrukturen).

Schon damals waren Quarantäne (das Wort kommt vom italienischen «quaranta», 40 Tage Isolierung), Ausgangssperren, Masken, soziale Distanzierung, Gesundheitszeugnisse üblich – und sie wurden oft scharf durchgesetzt, zum Beispiel in Mailand, was die Stadt vor eine Pestwelle bewahrte.

Eine andere Parallele zur aktuellen Pandemie fällt auf: Die Reichen und Mächtigen entzogen sich oft den Zwangsmassnahmen. Sie waren wie die Seuchengewinnler von heute: häuften neue immense Reichtümer an und setzten sich aus den Städten in weniger verseuchte Gefilde ab.

IMPFSTOFFE UND MEDIKAMENTE

Im Ringen gegen die Seuchen wuchsen über die Zeit zwei Erkenntnisse. Seuchen fallen nicht vom Himmel, der Mensch macht sie. Und: Jede Epidemie kann beendet werden.
Wir selbst schaffen die Bedingungen, die dazu führen, dass etwa das Pestvirus von den Rattenflöhen auf uns überspringen kann. Seuchen gedeihen besonders prächtig in Kriegen, unkon­trolliertem Welthandel, sozialer Not und scharfen Machtgefällen. Die berühmte Spanische Grippe, die in US-Militärlagern entstand, ist mit ihren 27 bis 50 Millionen Toten ein Kollateralschaden des Ersten Weltkriegs. Im Falle von Covid ist wissenschaftlich nachgewiesen, wie die ökologische Zerstörung als Zünder funktionierte. Zum Beispiel wird das Überspringen von Tierviren auf den Menschen unter anderem als Frage reduzierter Artenvielfalt und zerstörter Lebensräume analysiert. Der neoliberale, globalisierte Kapitalismus ist eine veritable Pandemiefabrik.

Epidemien beginnen meist abrupt. aber sie klingen langsam ab. Die Krankheitserreger verschwinden nicht, fast alle Viren früherer Epidemien sind noch immer unter uns. Dass sie ihre Wucht verlieren, ist das Resultat eines gesellschaftlichen Vorgangs. Wir bestimmen das Ende einer Pandemie, indem wir lernen, mit ihr umzugehen. Wir entwickeln Impfstoffe und Medikamente. Wir führen neue Verhaltensregeln ein. Die soziale Kontrolle wird verstärkt, und es werden neue Überwachungsinstrumente eingeführt.

Am Ende wird die Pandemie «endemisch». Übersetzt: Gestorben wird weiter. Aber die Zahl der Opfer sinkt auf ein Mass, das die Gesellschaft hinnehmen will – wie die Grippe- oder Verkehrstoten.

…unkontrolliertem Welthandel und sozialer Not.

ENDEMISCH UND DOCH GLOBAL

Jetzt glauben einzelne Epidemieforscherinnen und Politiker, unmittelbar vor dieser Entwarnung zu stehen. 2022 wollen sie das Ende der Pandemie ausrufen. Dann spätestens, so glauben sie, wird eine hohe Impfquote Corona den Schrecken genommen haben. Die neue Variante Omikron soll ihnen dabei helfen: Ist sie tatsächlich sehr ansteckend, doch et-
was schwächer im Krankheitsverlauf, könnte die «Durchseuchung», die «Massenimmunität» schneller erreicht werden. Zumindest in der reichen Welt. So rechnen sie.

Das ist reichlich spekulativ. Vor allem funktioniert der Plan nur, wenn gleichzeitig zwei Dinge geschehen:

  • Die Gesundheitsversorgung muss stark verbessert werden, und dies bedeutet zuerst mehr Mittel und bessere Arbeitsbedingungen für die Pflegenden.
  • Die Seuchenstrategien müssen kon­stanter, transparenter und demokratischer werden. Nur so kann der gesellschaftliche Konflikt um Impfen, Zwang und Kontrolle (der eigentlich keine medizinischen Gründe kennt) gelöst werden.

Dem steht aber eine andere Seuche entgegen, die schon lange deutlich mehr Tote als Covid 19 gefordert hat: das neoliberale Kommando über Politik und Gesellschaft. Mitten im grossen Covid-Sterben haben die Neoliberalen die Gesundheitsversorgung weiter krankgespart. Alle Versuche, die sozialen und ökologischen Treiber der Pandemie auszuschalten, haben sie sabotiert. Nie waren die sozialen Unterschiede krasser, die ökologische Zerstörung geht ungebremst weiter.

Der Irrsinn mit dem fehlenden Zugang zur Impfung steht für diese systemische Krise, diese «Syndemie», wie sie Richard Horton, der Chef der Medizinzeitschrift «The Lancet», nennt. Von den zwei Milliarden Impfdosen, die der Welt Ende 2021 zur Verfügung stehen sollten, ist erst ein Drittel ausgeliefert. Die Impfquote Afrikas liegt unter 7 Prozent. Grossen Teilen der Weltbevölkerung fehlt der Zugang zu Gesundheitssystemen. Nur: Solange Covid in Teilen der Welt weiterwütet, ist die Epidemie potentiell weiter global.

1 Kommentar

  1. Peter Bitterli

    Aber klar doch, Oliver! Im real existierenden Sozialismus gibt es keine Seuchen. Oder ist das jetzt schon long covid?

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