Halbzeit bei der Mitgliederbefragung im grossen Unia-Umbauprojekt:

So könnte sich die grösste Schweizer Gewerkschaft verändern

Johannes Supe

Die Unia zu kompliziert, die Basis zu schwach, das Gärtchen- und das Konkurrenzdenken zu gross: In Online-Runden werden Schwächen der Unia diskutiert. Und Wege, sie zu überwinden.

GEMEINSAM UNTER EINER FAUST: Das Umbauprojekt Unia 2.0 soll die Gewerkschaft so verändern, dass sie noch schlagkräftiger wird. Aktion am Unia-Kongress 2016 in Genf. (Foto: Unia)

I. DIE BASIS STÄRKEN

Es ist das entscheidende Thema des grosen Umbauprojekts «Unia 2.0»: Wie kann die Gewerkschaft dafür sorgen, dass es wirklich die Mitglieder sind, die entscheiden, was die Unia tut? Keine der vielen Online-Konferenzen, in der die Frage nicht angeschnitten wird. Momentan, so tönt es immer wieder, überwiege der Apparat gegenüber den Mitgliedern. Vorschläge, um das zu ändern, gibt es einige: Der Unia-Zentralvorstand, der bisher aus Mitgliedern und Mitarbeitenden der Unia besteht, soll ein reines Basisgremium werden. Die nationale Delegiertenversammlung soll gestärkt, und grössere Anstrengungen in der Mitgliederbildung müssten unternommen werden. Unklar ist noch, wie die Milizgremien in den Branchen und Regionen entwickelt werden können. Und noch fehlt es auch an Klarheit, wie aktive Mitglieder, die in ihren Betrieben das Vertrauen ihrer Kolleginnen und Kollegen geniessen, stärker an der Entscheidungsfindung in der Unia beteiligt werden können.

Die Unia kennt so viele Gremien, dass es für die Mitglieder schwierig ist, mitzumachen.

II. DIE UNIA VEREINFACHEN

Es war ein starker Moment, als eine Zürcher Unia-Frau deutlich machte, was sie an ihrer Gewerkschaft ändern würde: «Es ist alles so komplex», sagt sie. Und für die Mitglieder sei es deshalb schwierig, mitzumachen. Seit drei Jahren versuche sie, die Unia wirklich zu verstehen: «Ich wünsche mir, dass wir die Dinge vereinfachen, damit die Leute wirklich teilnehmen können!» Der Ausruf erfolgte am Ende einer Konferenz, die sich darum drehte, wie die Unia in Branchen wie dem Detailhandel stärker werden könnte. Tatsächlich drückte die Zürcherin eine Stimmung aus, die in jeder Runde spürbar ist. Die Unia kennt so viele Gremien und hat so viele Entscheidungsstellen, dass es Mitgliedern schwerfällt zu wissen, wo sie sich einbringen können. Aber was soll vereinfacht werden? Und wie gelingt das, ohne Beteiligungsmöglichkeiten zu verlieren? Während eine Änderung der Sektorstruktur, gar ihr Ende, recht offen diskutiert wurde, gab es bisher noch nicht wirklich überzeugende Vorschläge für Anpassungen in den regionalen Gremien oder in den Interessengruppen.

III. DAS SILO-DENKEN ÜBERWINDEN

Die Neigung, die es manchmal auch in der Unia gibt, sich auf seinen Bereich zu konzentrieren und alles andere aus den Augen zu verlieren, hat einen Namen: «Silo-Denken». Unia-Chefin Vania Alleva brachte diesen Begriff in die Diskussion ein. Seitdem ist es ein zentraler Begriff der Unia-2.0-Debatte. Und in einem sind sich die Mitglieder bislang einig: Raus aus den Bunkern! Die Unia soll öfter als bisher über die Grenzen einzelner Branchen und Ortschaften hinausreichen. Kennt die Unia der Zukunft also nur noch gemeinsame Grossanlässe, an denen alle arbeiten (Baustreik, Frauenstreik usw.)? Wohl nicht. Aber der Wunsch nach mehr davon ist deutlich.

IV. MEHR ZENTRALE, ABER KEIN ZENTRALISMUS

Was passiert, wenn eine Region stark ist in der Reinigung, eine zweite Region Zug hat auf dem Bau und eine dritte in der Industrie vorwärtsmacht – aber alle drei einander brauchen, um in ihrem jeweiligen Bereich wirkliche Fortschritte zu erzielen? Die Frage treibt die Mitglieder in den ­Online-Diskussionen um. So sehr, dass einige gar von einem regelrechten Konkurrenzdenken sprechen, das in der Gewerkschaft herrsche. Da soll ­Abhilfe geschaffen werden. Eine Tendenz, die sich bislang herauskristallisiert: Es soll gemeinsam, in der nationalen Organisation festgelegt werden, wo und wie sich die Unia engagiert. Also ein Berner Diktat bis ins Tessin hinein? Nein! In einer Diskussion bringt es jemand auf den Punkt: «National werden Schwerpunkte gesetzt, die dann auch verbindlich sind. Aber regionale Besonderheiten müssen weiter Platz haben.»

Welche Unia für welche Zukunft?

Die grösste Gewerkschaft der Schweiz befragt ihre Mitglieder. Diskussion in offenen Online-
Konferenzen:

Die Termine
1. 10. Internationale Gewerkschaftsarbeit
6. 10. Professionelle Führungs- und Arbeitsweise
11. 10. Mitglieder­entwicklung
14. 10. Bildungsangebot
20. 10. Ressourcenver­schiebung auf Terrain
26. 10. Vertretung der Sprachregionen

Jeweils 18 Uhr – 20.30 Uhr

Infos und Anmeldung unter: unia.ch/Unia2.0


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