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Neue Studie zeigt: Novartis & Co. verwandeln sich immer mehr in Finanzunternehmen

Ralph Hug

Warum spielt Big ­Pharma bei den Covid-Impfstoffen nur noch die dritte Geige? Die Entwicklungsorganisation Public Eye hat nach Antworten gesucht – und gefunden.

PROTZBAU: Auch im Basler Roche-Turm denken Manager und Verwaltungsräte in erster Linie an ihre Boni und den Profit für die Aktionäre. (Foto: Keystone)

Impfstoff von Moderna und Impfstoff von Biontech: Es sind Kleinfirmen, die mit ihren Corona-Vakzinen jetzt Milliardengewinne machen. Und nicht die grossen Basler Pharmamultis. Nov­artis hat dieses Geschäft schon lange abgestossen, ebenso Roche. Aber nicht etwa, weil sie damit nichts verdient hätten. Es war ihnen zu wenig lukrativ. Stattdessen stiegen Nov­artis & Co. auf superteure Medikamente um, etwa gegen Krebs. Da muss man weniger verkaufen und kann doch mehr Gewinn einstreichen.

In ihrem neuen und brisanten Report zeigt die Entwicklungsorganisation Pubic Eye, zu welch hochgezüchteten Gewinnmaschinen die grossen Pharmahersteller inzwischen geworden sind. Es geht ihnen um gute Aktienkurse und Maximalgewinne fürs Management sowie fürs Aktionariat. Um Profitmaximierung. Dies auf Kosten der Allgemeinheit. Wir werden via Monopole, Lobbying im Parlament und überzogene Preise regelrecht abgezockt. Public Eye präsentiert zehn Strategien, die zum heutigen Missstand geführt haben.

Statt auf Innovationen setzt Big Pharma nur noch auf Profitmaximierung.

LANGZEIT-MEDIKAMENTE

Public Eye kreidet den Konzernen an, dass sie vorwiegend Behandlungen für chronische Krankheiten wie Krebs oder Diabetes entwickeln. Also Rezepte für zahlungskräftige Kranke, die über lange Zeiträume verschrieben werden können. Impfstoffe, die nur eine einzige Krankheit verhindern, erscheinen da eher uninteressant. Jetzt aber, wo sich Impfen plötzlich zum Milliardenbusiness entwickelt, steigt Big Pharma noch schnell ein, um sich eine Scheibe abzuschneiden. Zum Beispiel der Multi Roche, der jetzt mit Antikörpertests mit dem US-Impfstoffhersteller Moderna zusammenspannt.

PATENT-MISSBRAUCH

Seit langem schon sorgt der Patentschutz für Monopole und überteuerte Medikamentenpreise. Public Eye spricht gar von einem Patentmissbrauch, der besonders verheerend für Menschen in einkommensschwachen Ländern sei.

Die Fokussierung des Geschäfts auf lukrative Märkte in hochentwickelten Ländern sorgt ausserdem für permanent hohe Renditen. Gleichzeitig verweigern die Pharmakonzerne Transparenz und öffentliche Rechenschaft, so der Report: «Sie halten wichtige Informationen zu ihrem Nutzen geheim.» Dabei profitieren die Pharmafirmen massiv von der Grundlagenforschung an den Universitäten. Auch die für die Covid-Impfstoffe zentrale mRNA-Technologie stammt nicht etwa aus Privatlabors, sondern aus der öffentlichen Forschung. Der Stoff von Moderna und Biontech etwa geht auf die Forschung der Mikrobiologin Kizzmekia Corbett am staatlichen US-amerikanischen Impfforschungszentrum zurück. Die Londoner Ökonomieprofessorin Mariana Mazzucato sagt deshalb: «Es ist nicht sehr gerecht, wenn die Bürgerinnen und Bürger die finanziellen Risiken der Entwicklung tragen müssen, aber die meisten Profite dann an eine kleine Gruppe von Unternehmen gehen.»

WIR ZAHLEN DOPPELT

Für Public Eye ist es deshalb unbegreiflich, wieso die Staaten die Anti-Corona-Stoffe, die sie selbst erarbeitet haben, sozusagen zum Nulltarif den Privatkonzernen überlassen. Mit einer Lizenzierung würde auch die Allgemeinheit vom Geschäft mit der Pandemie profitieren statt nur die hochbezahlten Pharmamanager. Die Bevölkerung zahle jetzt gleich doppelt, so Public Eye: «Mit den Steuern subventioniert sie die Pharmamultis, nur um nachher noch überhöhte Medikamentenpreise zahlen und so zu den kolossalen Gewinnen von Big Pharma beitragen zu müssen.»

Der Report kommt zum Schluss, dass sich der Pharmasektor in den letzten zwanzig Jahren immer mehr zu einer Investmentindustrie entwickelt habe. «Statt in die Herstellung von Medikamenten zu investieren, verhält sich Big Pharma wie ein Private-Equity-Fonds.» Und das heisst: Man steckt das Geld vor allem in Firmenübernahmen statt in Innovationen. Das eliminiert erstens unerwünschte Konkurrenz und ermöglicht zweitens dem Aktionariat weiterhin satte Dividenden. Der Dienst an der Bevölkerung rückt weit in den Hintergrund.

Public-Eye-Faktenblatt: Big Pharma: Profit um jeden Preis. Die 10 Strategien für systematische Gewinnoptimierung. Download auf www.publiceye.ch. Der dazugehörige Report «Big Pharma takes it all» ist in Englisch abgefasst und ebenfalls im Download erhältlich.


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