Coronakrise: Lage vieler Arbeitnehmender massiv verschlechtert
Weniger Geld, weniger Arbeit

Junge und ältere Berufs­tätige trifft die Pandemie am härtesten. Und all jene mit bescheidenen Einkommen. Die beunruhigenden Zahlen und Fakten.

(Quelle: SGB)

Corona hat die Schere zwischen tiefen und hohen Einkommen noch weiter aufspringen lassen: Während jene mit Bruttoeinkommen bis 4000 Franken mit schmerzhaften Einbussen leben müssen, konnten die Top-Verdienenden ihr Vermögen noch vermehren. Das zeigen Schätzungen des Gewerkschaftsbundes (SGB). Für die untersten Einkommensklassen bedeutet dies ein Minus von rund 300 Franken. Pro Monat! Für Reiche mit Einkommen ab 10 000 Franken ein Plus von 300 bis 400 Franken (siehe Grafik). Der Grund: Erwerbstätige mit tieferen Einkommen sind viel stärker von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffen. Denn sie arbeiten häufig im Gastgewerbe, im Kulturbereich oder in anderen Dienstleistungsbranchen (Fitnesscenter usw.). Und diese Branchen sind von den Corona-Massnahmen besonders stark betroffen. Das ist ungerecht, denn niemand kann etwas für Corona. Aber es ist auch ­politisch gewollt: Denn Kurzarbeitende erhalten in den meisten Fällen nur 80 Prozent ihres Lohnes. Wenn sie arbeitslos sind, gar nur 70 bis 80 Prozent.

Corona hat die Einkommensschere noch weiter aufspringen lassen.

KEIN GELD FÜR DEN ZAHNARZT

Was das konkret im Alltag bedeutet, schilderte Servicemitarbeiterin Márcia Galvao (39) im work: «Die letzte Rechnung vom Zahnarzt war 1600 Franken! Meine Kurzarbeitsentschädigung beträgt aber nur 2045 Franken im Monat für meine 80-Prozent-Stelle im Service.» Seit Beginn der Pandemie ­fordert die Unia deshalb eine Aufstockung des Lohnersatzes bei Kurzarbeit auf 100 Prozent für Löhne bis 5000 Franken netto. Das Parlament hat im Dezember wenigstens einen kleinen Schritt in diese Richtung getan. Doch nach wie vor blocken SVP-Finanzminister Ueli Maurer und das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ab: Die Schweiz könne sich das alles nicht leisten, jammern sie. Doch Unia-Chefin Vania Alleva hält dagegen: «Voller Lohnersatz bis 3470 Franken brutto und bloss 80 Prozent ab 4340 Franken sind einfach zu wenig.» Vor allem auch deshalb, weil sozial schlechtergestellte Menschen ein höheres Corona-Infektions- und Sterberisiko haben. Das belegen inzwischen mehrere wissenschaftliche Studien.

SOZIALE KRISE

Überproportional hart trifft die Coronakrise auch die jungen Erwerbstätigen: Sie verlieren ihre Lehrstellen oder ihre Jobs und Zweitjobs und ziehen sich dann ganz aus dem Arbeitsmarkt zurück. Wie sehr das jungen Berufsleuten aufs Gemüt schlägt, erzählen sie im work-Dossier (Seiten 6–7). Viele von ihnen ­sehen sich deshalb gezwungen, immer noch prekärere Jobs anzunehmen. Beispielsweise bei den Essenslieferungen über Kuriere, die in Lockdown-Zeiten boomen. Doch diese haben oft tiefe Löhne, un­sichere Arbeitszeiten und eine schlechte soziale Absicherung.

WAS ZU TUN IST

Besorgt beobachtet der SGB auch eine Verlagerung hin zum boo­menden Onlinehandel mit seinen ­tendenziell tiefen Löhnen und pro­blematischen Anstellungsbedingungen. SGB-Chef Pierre-Yves Maillard zeigt deshalb auch ein gewisses Verständnis für die demonstrierenden Jugendlichen in St. Gallen und anderswo: «Wenn Wut und Verzweiflung in Demonstrationen zum ­Ausdruck kommen, dann wegen ebendieser sozialen Krise.»

Die Welt wird auch nach der Pandemie ungerechter und gefährlicher sein als vorher. So die Analyse des Gewerkschaftsbundes. Insbesondere für Einkommensschwache, Frauen und Junge. «Und die Sparmassnahmen, die folgen könnten, stellen eine Bedrohung für das öffentliche Gesundheits- sowie Bildungswesen dar, dabei sind diese so wichtig wie nie zuvor.» Das gelte es unbedingt zu verhindern, fordert Maillard. Deshalb verlangt der Gewerkschaftsbund unter anderem:

  • Dass nach den Sommerferien 2021 alle Jugendlichen im Land einen Schulplatz, eine Lehrstelle oder eine erste Stelle haben: «Wir schulden dieser Generation Solidarität, denn sie hat in dieser Krise grosse Opfer gebracht.»
  • Dass die Corona-Entschädigungen nach der Öffnung eine Zeitlang beibehalten und schrittweise in ein Instrument für die Wiederbelebung der während der Krise zum Stillstand gekommenen Branchen umgewandelt werden.
  • Dass der Service public gestärkt wird, insbesondere im Gesundheitswesen: «Zu einer solchen Stärkung gehört auch eine Verbesserung der Löhne und Arbeitsbedingungen.»

Der Corona-Kommetar von Clemens StuderNachbarn dicht. Schweiz nicht.

Die Nachbarländer machen zu – die Schweiz macht auf. Trotz Büsi-Lockdown. Weil der Bundesrat den Wirtschaftsverbänden und der zunehmend corona­leugnenden SVP entgegenkommt. Fakt ist: die Infektions­zahlen steigen, die Belegung der Intensiv­stationsbetten kommt wieder an den Anschlag, die Überlastung des gesamten Gesundheitswesens ist absehbar.

«Fakt ist: die Infektions­zahlen steigen.»

SCHNEGG & FEHR. Fakt ist auch: die meisten Kantone haben weder das Contact-Tracing noch das Impfen im Griff. So wie zum Beispiel der Kanton Bern. Was aber den SVP-Gesundheitsdirektor Pierre-Alain ­Schnegg nicht davon abhält, sein Versagen dem Bund in die Schuhe zu schieben. In Zürich, dem bevölkerungsreichsten Kanton der Schweiz, ist eine pandemievernünftige SVP-Regierungsrätin Gesundheitsdirektorin. Doch sie hat einen schweren Stand. Weil Polizeiminister Mario Fehr (immer noch SP), die Pandemie dazu genutzt hat, seinen Traum von der allumfassenden Aufstandsbekämpfung umzusetzen. In der zürcherischen Corona-Taskforce sitzen zur grossen Mehrheit Vertreter von «Sicherheitskräften». Was womöglich auch dazu beigetragen hat, dass Polizisten an einer Frauendemo eine Feministin zusammen­schlugen, während Coronaleugner munter marschieren durften. Gleich und gleich gesellt sich gern – auch wenn die städtische Polizeidirektorin eine von den Grünen ist.

BAEHNY & STARNER. A propos blamierendes Versagen: Da ist ganz vorne dabei ein Mann namens Albert M. Baehny. Chef der Lonza, die im Auftrag der US-Pharmafirma Moderna im Wallis einen Impfstoff herstellen darf. In den TX-Medien und auf den SRG-Kanälen hat er sich aufgeplustert. Er habe dem Bund eine Produktionsstrasse angeboten, damit die Schweiz privilegierten Zugang zu Impfstoff bekomme. SP-Gesundheitsminister Alain Berset habe es verdummt. Dumm nur für Baehny und seine medialen Lautsprecher: die Geschichte stimmt nicht. Das hat Moderna-Europachef Dan Starner klargestellt. Weil Baehny es gar nicht kann. Ebenso wenig, wie ein Sanitär eine Eigentumswohnung verkaufen kann, in der er das Bad eingebaut hat. 

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