Kurzarbeit und nur noch 80 % Lohn, drei Frauen rechnen vor:

Zahnarztrechnung: 1600.–. Kurzarbeitsentschädigung: 2045.–

Christian Egg

600 Franken mehr oder weniger im Portemonnaie, das verändert alles. Zwei Servicemitarbeiterinnen und eine Reinigerin berichten, wie stark sie sich seit Wochen einschränken müssen. Obwohl sie nichts für Corona können.

Service-Angestellte Márcia Galvao. (Foto: Samuel Trümpy)

Márcia Galvao, 39, Servicemitarbeiterin, Flums SG «Zum Zahnarzt gehe ich jetzt nicht mehr»

«Gestern war ich wieder beim Zahnarzt. Letztes Jahr ging eine Wurzelbehandlung schief. Seither hat der Zahnarzt mehrere Versuche unternommen, das Pro­blem zu lösen. Aber jetzt habe ich ihm gesagt: Solange ich keine Schmerzen habe, komme ich nicht mehr, auch wenn die Sache noch nicht in Ordnung ist. Oder auch, wenn er irgendwo ein Loch entdeckt. Denn ich bin seit Dezember in Kurzarbeit.

«Bisher lebten wir bescheiden, aber gut. Dieses Lebensgefühl ist jetzt weg.»

ANGST. Die letzte Rechnung vom Zahnarzt war 1600 Franken! Meine Kurzarbeitsentschädigung beträgt aber nur 2045 Franken im Monat für meine 80-Prozent-Stelle im Service. Wobei ich glaube, dass mein Chef falsch rechnet und ich mehr zugute habe. Das schaue ich jetzt zusammen mit der Unia an.

So oder so müssen wir uns jetzt stark einschränken. Denn mein Mann hat im Januar die Kündigung bekommen. Auch er hat im Gastgewerbe gearbeitet. Seit dem 1. März ist er arbeitslos. Und ich habe nur einen Saisonvertrag, im April läuft der aus. Das heisst, wir müssen jetzt beide eine Stelle suchen. Aber die Restaurants sind ja noch zu, da braucht niemand neues Personal! Ich hoffe ganz fest, dass wir trotzdem ­irgendetwas finden. Ich war noch nie arbeitslos. Der Gedanke macht mir Angst, ich darf gar nicht dran denken.

Wir haben etwas Geld gespart. Mein Mann träumte davon, in Portugal eine Wohnung zu kaufen. Aber das Geld geht jetzt schnell weg. Obwohl ich jetzt jeden Franken zweimal umdrehe. Ich kaufe im Aldi ein, nicht mehr in der Migros. Gerade das Fleisch würde ich lieber in der Migros kaufen, weil ich gern Qualität habe. Aber das können wir uns jetzt nicht leisten.

Bisher lebten wir bescheiden, aber gut. Beim Einkaufen musste ich nie auf den Preis schauen. Und wenn unsere dreijährige Tochter einen Wunsch hatte, konnten wir ihr den erfüllen. Das ist jetzt anders. Diese Unbeschwertheit, dieses Lebensgefühl, die sind jetzt plötzlich weg.»


Laura García, 42, Servicemitarbeiterin, Studen BE «Die Trinkgelder fallen auch alle weg»

Serviceangestellte Laura García (Foto: Severin Nowacki)

«Ich fotografiere fürs Leben gern! Wenn man mal eine gute Kamera hat, ist das nicht mehr so ein teures Hobby. In der Freizeit fahre ich gern mit dem Auto und der Kamera durch die Schweiz, mache Fotos und esse gut. Aber jetzt kann ich mir die Kosten fürs Benzin nicht mehr leisten.

Vor genau einem Jahr ging das Restaurant zu, in dem ich arbeite. Im Sommer konnte ich ein wenig arbeiten, aber nicht 100 Prozent. Und seit Dezember ist es wieder ganz geschlossen, und ich bin in Kurzarbeit. Mein Lohn beträgt nur noch 80 Prozent, das sind netto 2800 Franken statt wie vorher 3400. Bei uns im Gastgewerbe ist aber der Lohn vom Arbeitgeber nur ein Teil. Ein wichtiger Bestandteil des Einkommens sind die Trinkgelder. Für viele liegen sie bei tausend Franken im Monat und mehr. Und das fällt jetzt natürlich komplett weg.

«Neue Inlineskates kann ich mir jetzt nicht kaufen.»

TRAURIG. Ich schicke meinen Eltern in Spanien Geld, denen geht’s finanziell noch schlechter als mir. Und sonst habe ich mich überall eingeschränkt. Wohl oder übel, damit ich über die Runden komme. Vorher habe ich ab und zu gern ein Rindsfilet gebraten, das mache ich jetzt nicht mehr. Dann möchte ich schon lange neue Inlineskates kaufen. Habe ich gestrichen. Obwohl ich jetzt viel Zeit hätte, sie zu benutzen. Oder mein Parfum, das ist etwas teuer, 180 Franken für eine Flasche. Kürzlich war sie leer, da habe ich ein billigeres gekauft. Alles geht billiger, aber das ist irgendwie traurig! Ich bin ein fröhlicher Mensch, ich will das Leben geniessen. Und nicht bei jedem Einkauf überlegen: Könnte ich das einsparen?

Zum Glück habe ich immer etwas gespart, für schöne Ferien oder ein Auto, das nicht ganz so eng ist wie mein jetziges. Von dem Ersparten lebe ich jetzt. Aber wenn das noch drei, vier Monate so weitergeht, ist mein Konto leer. Und eins ist klar: Aufs Sozialamt gehe ich nicht. Schulden machen will ich auch nicht. Lieber gehe ich zurück nach Spanien. Aber noch besser wäre, der Bundesrat würde sagen: Alle, die wegen Corona nicht arbeiten können, bekommen hundert Prozent ihres Lohnes. Es ist höchste Zeit, dass das kommt!»


Ana Lucia Moraes, 41, Reinigerin, Zürich«Von diesen drei Jobs kann ich nicht leben»

Reinigerin Ana Lucia Moraes (Foto: Nicolas Zonvi)

«Entschuldigung, wenn es im Hintergrund manchmal zischt. Ich bin gerade am Bügeln. Einmal pro Woche arbeite ich hier in diesem Haushalt. Da putze ich, mache die Wäsche, räume auf. Acht Stunden Arbeit sind das. Und zu einem guten Lohn, 25 Franken pro Stunde. Am Abend, wenn ich fertig bin, gehe ich zu meinem nächsten Job. Büros putzen.

«Die Rechnungen kommen trotz
der Pandemie.»

KOMPLIZIERT. Normalerweise habe ich drei Jobs, zwei bei Privaten, einen bei einer Putzfirma. Warum drei? Weil ich von einem nicht leben kann. Im Moment kann ich sogar von allen drei nicht leben! Eigentlich beträgt mein Einkommen 3350 Franken im Monat. Aber seit Anfang Jahr bin ich in zwei der Jobs auf Kurzarbeit und bekomme nur 80 Prozent Lohn. Jetzt fehlen mir jeden Monat 400 Franken. Jetzt reicht es nicht mehr. Allein meine Krankenkasse kostet 400 Franken. Die von meiner Tochter auch. Sie macht im Kanton Schwyz eine Lehre als Kinderbetreuerin und bekommt dafür 800 Franken im Monat, das ist nichts! Das Zugbillett von Zürich nach Wollerau kostet 250 Franken im Monat. Das zahle ich ihr, anders ginge es gar nicht.

Und die Rechnungen kommen die ganze Zeit. Egal, ob jetzt eine Pandemie ist oder nicht. Bei der Steuerverwaltung habe ich vor ein paar Wochen angerufen. Jetzt kann ich dort wenigstens in Raten zahlen. Aber das Geld reicht trotzdem nirgendwo hin.

Deswegen habe ich jetzt noch einen vierten Job angenommen. Eben die Büros putzen. So geht es einigermassen. Wenn die Kurzarbeit aufhört, werde ich den neuen Job wohl wieder kündigen. Denn er ist nur drei Stunden jeden Tag. Mein anderer Job, einer von denen mit der Kurzarbeit, ist fünf Stunden täglich. Das ist besser, weil es mehr Geld gibt. In beiden Jobs liegt der Stundenlohn nur bei 17 Franken 50.

Ich weiss, das klingt kompliziert mit diesen vielen Jobs. Für mich ist es auch kompliziert. Aber ich muss eine Lösung finden in dieser Situation, das ist meine Verantwortung.»

 


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