Der diesjährige Prix Engagement der Unia geht an:

Die mutigen Frauen von Weight Watchers

Christian Egg

110 Entlassungen ohne jeglichen Sozialplan: Das wollten sich die Beraterinnen von Weight Watchers nicht bieten lassen. Und wehrten sich.

AUSGEZEICHNET: Virginie Dhuême (links) und Stéphanie Bianchi (rechts) haben ihre Kolleginnen organisiert und ihrem Ex-Arbeitgeber Weight Watchers Eingeständnisse abgerungen. (Fotos: ZVG)

Die Schocknachricht kam in einem Zoom-Meeting der Firma: Der Abnehmkonzern Weight Watchers entlasse 110 von seinen 172 Mitarbeitenden in der Schweiz. Die Verwaltung wurde geschont, der Abbau traf ausschliesslich Frauen: sogenannte Coaches, die Abnehmwillige in Gruppentreffen begleiten und motivieren. Verteilt in der ganzen Schweiz, alle in Teilzeitpensen. Einen Sozialplan gebe es nicht, so die Firma (work berichtete).

«Es tut einfach gut!»

SO NICHT!

Für Coach und Unia-Mitglied Virginie Dhuême, 44, war sofort klar: «Das geht nicht.» Nur gerade zwei Monate vorher hatte sie bei der Unia den Kurs für Mitglieder von Personalkommissionen (Peko) gemacht. «Gerade zur rechten Zeit!» sagt sie. Jetzt wusste sie, was zu tun war: Sie rief ihre Arbeitskollegin Stéphanie Bianchi an, die Präsidentin der Peko. Gemeinsam beschlossen sie, die Unia einzuschalten. Und dann ging’s los, berichtet die 46jährige Bianchi: «Schon am nächsten Tag hatten wir ein Treffen mit der Unia und hielten eine Personalversammlung ab.» Ebenfalls per Zoom – der Abbau fand mitten in der ersten Coronawelle statt.

Viel Arbeit kam auf Bianchi und Dhuême zu: Sie organisierten Wahlen für die Peko, die von der Firma vernachlässigt worden war. Sie suchten und fanden Coaches, die übersetzten. Sie arbeiteten zusammen mit ihren Kolleginnen rund vierzig Vorschläge aus, wie die Stellen gerettet werden können. Und sie führten Zoom-Meetings durch. Nicht zwei oder drei, wie Bianchi sagt: «Während zweier Monate hatten wir fast jeden Tag eine Videokonferenz.» Entweder mit der unterdessen zwölfköpfigen Personalkommission. Oder für die ganze Belegschaft, «mindestens einmal pro Woche». Rund hundert Kolleginnen machten jeweils mit, die Treffen dauerten oft mehrere Stunden.

NEUE FREUNDSCHAFTEN

Das sei eine «extrem bereichernde Erfahrung» gewesen, sagt Virginie Dhuême: «Wir konnten viele Kolleginnen in der Bewegung einbinden, viele sind auch der Unia beigetreten.» Und Bianchi ergänzt: «Vorher waren wir Kolleginnen. Jetzt verbinden viele von uns echte Freundschaften.»

Yves Defferrard, damaliger Leiter der Unia Waadt, sagt: «Mit der Firma sind wir bei null gestartet.» Kein Sozialplan, keine Entschädigung. Auch nicht für Mitarbeiterinnen, die 30 Jahre für das Unternehmen tätig waren. Am Schluss gab’s diverse Abfederungen. Einschliesslich Entschädigungen. Und die Zahl der abgebauten Stellen konnten die Frauen von 110 auf 96 reduzieren. «Immer noch viel», sagt Defferrard, «aber immerhin.»

Obwohl auch Bianchi und Dhuême ihre Stelle verloren haben, ist für beide klar: «Es hat sich gelohnt.» Nicht nur finanziell. Auch emotional, sagt Unia-Mitglied Dhuême: «Dass wir zwei zusammen mit allen anderen der Firma diese Zugeständnisse abgerungen haben – das tut einfach gut!»


Engagement lohnt sichAusgezeichnet!

Schon zum vierten Mal hat die Unia den Prix Engagement vergeben. Er zeichnet besonders aktive Mitglieder im Dienstleistungssektor für ihren beharr­lichen Einsatz aus. Dieses Jahr trafen so viele Nominationen ein wie noch nie. Zusammen mit den Weight-Watchers-Frauen (siehe oben) haben ein weiteres Kollektiv sowie zwei Frauen den Preis erhalten: Die Chauffeure von XPO Logistics in Genf organisierten im Sommer einen aufsehenerregenden Streik. Damit erkämpften sie ­einen Sozialplan und retteten drei Jobs (work berichtete).

UNERSCHROCKEN. Die Coop-Verkäuferin Clotilde Pinto kämpft seit Jahren unerschrocken für die Rechte des Verkaufspersonals. Am 1. Mai 2020 gab sie der «Tagesschau» des Westschweizer Fernsehens ein Interview und forderte eine Corona-Prämie für Verkäuferinnen und Verkäufer. Zwei Wochen später waren die Prämien bei Coop und Migros Tatsache.

In einem offenen Brief in der ­Tageszeitung «Le Temps» schilderte Amandine Barut Jutzeler die Arbeitsbedingungen in Pflegeheimen während der Corona-Pandemie. Auch als Mitglied der Personalkommission kämpft sie für bessere Bedingungen in der Langzeitpflege.

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